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Köthen nach rechter Kundgebung

"Seit ich hier wohne, habe ich so etwas nicht erlebt"

Eine Auseinandersetzung, ein Toter und eine Kundgebung, bei der Rechtsextreme Parolen brüllen: In Köthen sind viele Bürger nach den jüngsten Geschehnissen verunsichert - auch Hass brandet auf, doch einige im Ort stemmen sich dagegen.

Aus Köthen berichtet

Montag, 10.09.2018   20:19 Uhr

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Am Sonntagmorgen um zehn Uhr hörte Bernd Hauschild zum ersten Mal, was passiert war. "Ich wollte es zuerst nicht glauben, es liefen gleich diese Bilder vor mir ab", sagt der Oberbürgermeister von Köthen. Der SPD-Mann sitzt in seinem Büro mit den schweren alten Möbeln und den großen Fenstern.

Am Karlsplatz, etwa 15 Minuten Fußweg vom Rathaus entfernt, war es in der Nacht von Samstag auf Sonntag zu einer Auseinandersetzung zwischen einem jungen Deutschen und zwei jungen Afghanen gekommen. Der Deutsche starb in der Folge, die beiden Afghanen wurden als Verdächtige festgenommen. Und die Bilder, die nun vor Hauschild abliefen, glichen den Szenen aus Chemnitz.

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Dort waren Rechte und Rechtsextreme durch die Straßen gezogen, nachdem ein 35-jähriger Deutscher getötet worden war. Zwei Männer, die nach eigenen Angaben aus Syrien und dem Irak stammen, sitzen inzwischen in Untersuchungshaft.

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Bernd Hauschild

Um zu verhindern, dass es in seiner Stadt zu ähnlichen Krawallen kommt, nahm Hauschild Kontakt zu all jenen auf, die er "die demokratischen Kräfte in Köthen" nennt: allen im Stadtrat vertretenen Parteien - CDU, SPD, Linke, eine FDP-Grüne-Fraktion, Freie Wähler - sowie der Kirche. In diesen Stunden machten in den sozialen Medien auch die undemokratischen Kräfte mobil: Rechte und rechtsextreme Gruppierungen riefen im Internet zu einem sogenannten Trauermarsch für den Toten auf.

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Hauschild gedachte am Karlsplatz still des Opfers und wandte sich dann mit einem Facebook-Post an die Köthenerinnen und Köthener. Er lud sie ein, am Nachmittag in der Jakobskirche auf dem Marktplatz der Stadt gemeinsam des Toten zu gedenken und riet ihnen von einer Teilnahme am Trauermarsch ab. "Von der Polizei hatte ich erfahren, dass auch gewaltbereite Gruppen von außerhalb Köthens anreisen würden", sagt Hausschild.

Ausschreitungen wie in Chemnitz blieben aus. Dennoch kamen von den 2500 Menschen, die an der Kundgebung teilnahmen, die meisten aus Köthen. Er habe heute Morgen mit Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff sowie mit dem Landesinnenminister Holger Stahlknecht (beide CDU) telefoniert, sagt Hauschild. Letzterer habe ihm mitgeteilt, dass 2000 Teilnehmer Einheimische waren, 500 von außerhalb. Spezialisten der Polizei, die über die erforderlichen Ortskenntnisse verfügen, hätten diese Zahlen ermittelt.

"Die meisten Köthener haben schweigend teilgenommen", sagt Hauschild. Aber leider, das habe er den Videoaufnahmen entnommen, hätten einige der Bewohner auch Beifall geklatscht. Bei der Veranstaltung waren rechtsextreme Hetzreden gehalten worden. Ein Redner aus Thüringen sprach von einem "Rassenkrieg gegen das deutsche Volk". Gegen Ende der Veranstaltung skandierten Teilnehmer Parolen wie "Nationaler Sozialismus - jetzt, jetzt, jetzt!"

Am Tag nach dem "Trauermarsch" ist es in der Stadt weitgehend ruhig. Einsatzfahrzeuge der Polizei fahren hin und wieder durch die Straßen. Einzelne Bewohner legen Blumen am Karlsplatz nieder, zünden Kerzen für den Toten an.

Einer von ihnen ist Moses Alozie. "Ich habe den Jungen vom Sehen her gekannt", sagt er. Erst heute habe er erfahren, um wen es sich bei dem Toten handelt. Deshalb sei er hergefahren.

Am Sonntag hatten Staatsanwaltschaft und Polizei mitgeteilt, dass der Tote nach dem vorläufigen Obduktionsergebnis einem Herzversagen erlegen sei, "das nicht im direkten kausalen Zusammenhang mit den erlittenen Verletzungen steht". Die beiden Verdächtigen sitzen in Untersuchungshaft, gegen sie wird wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung mit Todesfolge ermittelt.

Alozie stammt aus Nigeria, lebt seit 18 Jahren hier in Köthen. Über die Ereignisse der vergangenen Tage sagt er: "Seit ich hier wohne, habe ich so etwas nicht erlebt." Ein deutscher Arbeitskollege, der mit Alozie zum Karlsplatz gekommen ist, sagt: "Der Trauermarsch war ja okay, aber die Parolen hätten sie sich schenken können."

Andere hinterlassen am Karlsplatz Botschaften, die zeigen, wie egal ihnen ist, dass die Staatsanwaltschaft nicht wegen Mordes, sondern wegen Körperverletzung ermittelt. Jemand, der aus dem nahen Dessau angereist war, hinterlässt ein DIN-A4-Papier, auf dem es heißt: "In Erinnerung an diesen jungen Mann, der heimtückisch ermordet wurde."

Im Video: Rechtsextreme bei Kundgebung in Köthen

Solche Botschaften heizten die Lage an, sagt Gabriele Mocker. Die Rentnerin ist in Köthen aufgewachsen und hat sich am Karlsplatz eingefunden. Ihr macht es Sorge, dass der Tod des jungen Mannes von Rechten und Rechtsextremen instrumentalisiert wird.

Oberbürgermeister Hauschild sagt, trotz der Reden und Parolen sei er zunächst einmal froh, dass es weitgehend gewaltfrei geblieben sei. Auf den Hinweis, dass seiner Einladung zum gemeinsamen Gedenken in der Jakobskirche nur 300 bis 400 Köthener gefolgt seien, dem Aufruf rechter Gruppen zum "Trauermarsch" dagegen 2000 Einheimische, wiederholt Hauschild nur: "Die meisten Köthener sind schweigend mitgelaufen."

Er habe es zu akzeptieren, dass jeder seiner Trauer auf seine Weise Ausdruck verleiht.

Und tatsächlich gehen die Köthener auch an diesem Montagnachmittag und -abend unterschiedlich mit der Situation nach dem Todesfall um.

Etwa 100 Menschen kommen am späten Nachmittag in der Jakobskirche zusammen, um Kerzen für den Toten anzuzünden, unter ihnen Oberbürgermeister Hauschild und Ministerpräsident Haseloff. Der Pfarrer spricht von der Trauer und der Sorge, die die Köthener in diesen Tagen aufwühlen. "Tragt das Licht der Gemeinschaft hinaus", gibt er den Anwesenden mit auf den Weg.

Für den Abend hat die AfD zu einer Zusammenkunft vor der Kirche aufgerufen. Nach einer kurzen Ansprache und einer Schweigeminute für den Toten bewegen sich mehrere Hundert Teilnehmer Richtung Karlsplatz. Das Ganze sei eine "reine Trauerveranstaltung", sagt der AfD-Landtagsabgeordnete Hannes Loth dem SPIEGEL. Die Veranstaltung solle frei von politischen Botschaften bleiben.

Dennoch liest man auf einem Transparent in der Menge: "Karlsplatz - Merkelsche Integrationspolitik". Auch schließen sich der Zusammenkunft einige an, die kurz zuvor noch einer anderen Veranstaltung unweit der Jakobskirche beigewohnt haben. Dort war der Ton deutlich schriller, das Publikum ähnelte dem des Vorabends.

"Es riecht nach 89", sagt ein Redner; "Das Volk sagt: Hier ist Schluss", eine Rednerin. Oberbürgermeister Hauschild wird zum Rücktritt aufgefordert. Einige der Teilnehmer singen zum Schluss alle Strophen des Deutschlandlieds. Sie haben angekündigt, nächsten Montag wiederzukommen.

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