Köthen Netzwerke, Akteure, Taktiken - wie die rechte Szene mobilisiert

Es hat in Chemnitz funktioniert, nun in Köthen: Innerhalb weniger Stunden folgen Tausende den Aufrufen von Rechtsradikalen. Ein Experte warnt: "Es ist ein Mobilisierungszustand, den es lange nicht gab".

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Der erste Tweet des Mitteldeutschen Rundfunks über den Tod eines jungen Mannes am Sonntagmorgen ist nur einige Minuten alt, da rufen rechte Akteure in den sozialen Netzwerken bereits zum "Trauermarsch" in Köthen auf. Der Tenor auf den einschlägigen Profilen und Facebookseiten ist einhellig: "Chemnitz ist auch in Köthen".

In der Nacht auf Sonntag war ein 22-jähriger Mann nach einem gewaltsamen Streit mit zwei afghanischen Männern gestorben. Was sich dabei genau zugetragen hat, ist zunächst noch unklar. Die rechte Szene hat aber bereits ihre Schlussfolgerung gezogen, mobilisiert massiv. 2500 Personen folgten den Aufrufen im Netz, die mit Hashtags wie "Widerstand" oder "Deutsche Opfer" versehen sind.

Nicht alle, die am Sonntagabend mit dem "Trauermarsch" durch die Straßen der Kleinstadt in Sachsen-Anhalt liefen, sind organisierte Neonazis. Doch mindestens 500 von ihnen gehören zum harten Kern, wie die Sicherheitsbehörden mitteilen - unter ihnen das "Who is who" der rechten Szene.

Die Bilder aus Köthen ähneln denen aus Chemnitz: In der Gruppe der Demonstranten laufen NPDler neben Neonazis und Hooligans, Aktivisten der Partei "Die Rechte", AfD-Anhängern und braunen Kleinstparteien. Am Abend des "Trauermarschs" zeigt sich dann aber: Chemnitz ist nicht Köthen. Straßenschlachten und Jagden auf ausländisch aussehende Menschen bleiben aus. Die Polizei hat die Situation im Griff.

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Köthen: Trauer und Wut

Dennoch stellt sich aber eine Frage dringender denn je: Wie gelingt es der rechten Szene, in nur wenigen Stunden derart viele Gleichgesinnte zu mobilisieren?

Die Vernetzung und Kommunikation beschäftigt auch die Sicherheitsbehörden. Schließlich mussten sich Polizei und Landesregierung in Chemnitz die Kritik gefallen lassen, zu wenig Polizisten aufgeboten und die Lage unterschätzt zu haben.

Auch mancher Politiker räumt nachträglich ein, die Situation verkannt zu haben. In Chemnitz empfand Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig die rechte Szene über Jahre als ruhig, bis vor zwei Wochen plötzlich Tausende Rechte in der Stadt aufmarschierten. "Wie schnell die Rechten mobilisieren, das habe ich so nicht geahnt", sagte sie im Interview mit dem SPIEGEL.

"Mobilisierungszustand, den es lange nicht gab"

Rechtsextremismus-Experte David Begrich vom Verein Miteinander e.V. in Magdeburg beobachtet die Entwicklungen schon lange. Für ihn steht fest: "Die Neonazi-Szene befindet sich in einem Mobilisierungszustand, den es so lange nicht mehr gab."

Das hat aus seiner Sicht mit der Art und Weise der Kommunikation untereinander zu tun: Früher habe die Mobilisierung vor allem über interne Hierarchien in den einzelnen Gruppen stattgefunden, inzwischen seien die sozialen Netzwerke aber wichtiger geworden. Durch die verschiedenen Wege der Mobilmachung bilde sich dann häufig eine "Mischszene" vor Ort mit Neonazis, Hooligans und anderen rechten Gruppen.

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Gerade Hooligans und Neonazis bevorzugten solche größeren Menschengruppen. Die böten ihnen einen gewissen Freiraum, auch für Gewaltdelikte.

Akteure entscheidend

Doch nicht nur die Kommunikationswege spielen eine wichtige Rolle, sondern auch die Akteure, die zu Aktionen aufrufen. In Köthen ist das Steffen Bösener.

Er gilt schon lange als zentrale Figur der rechten Szene in Sachsen-Anhalt. Vor Jahren betrieb er ein Rechtsrock-Geschäft, war NPD-Mitglied und tritt heute regelmäßig bei rechten Kampfsportevents an.

Solche lokalen Akteure gibt es in vielen Orten in Deutschland, meist sind sie dafür verantwortlich, dass sich in manchen Regionen eine starke rechte Szene ausbildet.

Andere rechte Akteure funktionierten in Köthen dann noch als Verstärker, sagt Rechtsextremismus-Experte Begrich: Etwa Ex-NPDler David Köckert vom Thügida-Bündnis, der in Köthen als Redner auftrat und gegen Migranten hetzte. Köckert hatte sich bereits in Chemnitz unter die rechten Demonstranten gemischt. Aber auch Dieter Riefling, der zu den bekanntesten Neonazis aus Niedersachsen zählt, rief in den sozialen Netzwerken zum "Trauermarsch" auf.

Und natürlich spielt die Flüchtlingsthematik rechten Gruppen in die Hände. Kein anderes Thema mobilisiere die Szene so stark wie dieses, sagt Begrich: "Man kann davon ausgehen, dass sie darauf geradezu warten."

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