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10. September 2018, 10:52 Uhr

Tödlicher Streit und rechter Aufmarsch

Was wir bislang über Köthen wissen

In einer Stadt in Sachsen-Anhalt stirbt ein junger Mann, Rechtsextreme rufen darum zu einem angeblichen Trauermarsch auf. Was war passiert? Wie reagierte die Stadtspitze? Der Überblick.

Seit dem Wochenende blicken Bürger, Politiker und Medien auf eine kleine Stadt in Sachsen-Anhalt: Dort, in Köthen, kam am Samstagabend ein junger Mann bei einer Auseinandersetzung auf einem Spielplatz ums Leben.

Nun ist die Aufregung groß, weil dem Herzversagen des Mannes ein Streit zwischen Deutschen und Zuwanderern vorausging - und weil sofort wild über den Todesfall spekuliert und rechte und rechtsextreme Gruppen für einen angeblichen Trauermarsch mobilisiert wurden.

Wo liegt Köthen?

Die Stadt mit 26.000 Einwohnern liegt rund 65 Kilometer südöstlich der Landeshauptstadt Magdeburg und gute 20 Kilometer westlich von Dessau.

Was war passiert?

Am Samstagabend gerieten offenbar zwei Gruppen auf einem Spielplatz östlich der Köthener Innenstadt in Streit. In der Folge starb ein 22-jähriger Köthener, der bei der Auseinandersetzung verletzt wurde.

In der Nacht erließ das Amtsgericht Dessau-Roßlau dann Haftbefehl gegen einen 18- und einen 22-jährigen Verdächtigen, die zuvor bereits gefasst worden waren. Begründung: Verdacht der Körperverletzung mit Todesfolge. Zuvor hatte die Polizei mitgeteilt, man habe "zwei Afghanen" wegen des "Anfangsverdachts eines Tötungsdelikts" festgenommen.

Diese erste Pressemitteilung der Polizei enthielt noch keinen Hinweis auf die Todesursache. In einem Nachtrag hieß es dann: Laut erstem Obduktionsbericht stand der Tod des 22-Jährigen nicht in "direktem kausalen Zusammenhang mit den erlittenen Verletzungen". Der Mann erlag einem akuten Herzversagen. Laut "Mitteldeutscher Zeitung" und der Nachrichtenagentur dpa hatte er eine kardiologische Vorerkrankung.

Wie reagierte die Stadtspitze?

Oberbürgermeister Bernd Hauschild (SPD) erkannte gut eine Woche nach den rechtsextremen Ausschreitungen in Chemnitz die Brisanz und reagierte: Über Facebook lud er die Köthener ein, am Sonntagnachmittag in der Jakobskirche am Marktplatz gemeinsam des Toten zu gedenken. Mehrere Hundert kamen.

Zugleich riet Hauschild von einem "Trauermarsch" ab, den unter anderem die rechtsextreme Partei Die Rechte kurz nach der ersten Meldung über den Todesfall und die mutmaßliche Beteiligung von Migranten veröffentlicht hatte. Die Hoffnung der Rechtsextremen: "Lasst den Funken von Chemnitz nach Köthen überspringen!"

Wie verliefen der Abend und die Nacht?

Der Ablauf des Sonntagabends wird unterschiedlich dargestellt. Insgesamt kam es nicht zu größeren Gewalttätigkeiten, laut Polizei verlief der rechte Marsch "störungsfrei". Die Stimmung war laut Berichterstattern in der Stadt aber aufgeheizt. Die Polizeipräsenz war durch Beamte aus Sachsen-Anhalt, Sachsen, Berlin, Niedersachsen und Brandenburg sowie der Bundespolizei verstärkt worden.

An dem sogenannten Trauermarsch nahmen laut Polizei zwischenzeitlich rund 2500 Menschen teil, die zum Karlsplatz zogen, dem Schauplatz der Auseinandersetzung vom Samstag.

Viele Teilnehmer trugen Insignien und Kleidung von Rechtsextremen und Rassisten, mit Aufschriften wie "Htlr" oder "White Resistance". Nach anfänglich stiller Trauer sprach der Anführer des fremdenfeindlichen Thügida-Bündnisses, David Köckert, ehemaliges Mitglied der rechtsextremen NPD. Es wurde eine Hetzrede.

Später zogen "Trauermarsch"-Teilnehmer durch Köthen und skandierten "Widerstand" und "Nationaler Sozialismus - jetzt, jetzt, jetzt", zu sehen auf einem Video eines Korrespondenten der französischen Tageszeitung "Le Monde".

Zur Gegendemonstration in einiger Entfernung des Spielplatzes kamen rund 200 Teilnehmer.

Der Umzug der Rechten im Video

Woher kamen die Rechtsextremen?

Oberbürgermeister Hauschild (SPD) zeigte sich im ZDF-"Morgenmagazin" erschrocken über Gewaltaufrufe am Sonntagabend bei den anschließenden Protesten.

Es sei schwer, wenn die Gewalt von außen nach Köthen komme, sagte er. Mit Blick auf die letztlich weitgehend friedlich verlaufenen Proteste fügte Hauschild hinzu: "Leider waren eben doch viele Rechte da gewesen, die versucht haben, sich Gehör zu verschaffen vor den Köthenern." Die Stimmung sei durch Zugereiste angeheizt worden.

Hauschild sprach von "rechten reisenden Touristen", die vorher auch in Chemnitz gewesen seien und Social-Media-Aufrufen gefolgt seien. Hauschild sagte weiter, er sei froh, dass die anheizenden Redner keine Köthener gewesen seien.

Grundsätzlich sei das Zusammenleben von Asylbewerbern und Köthenern gut, Streit gebe es überall. Aber vor allem die dezentrale Unterbringung der Geflüchteten trage dazu bei, dass Integration in Köthen besser möglich sei.

Wie geht es weiter?

Am Montagmittag erklärten Justizministerin Anne-Marie Keding und Innenminister Holger Stahlknecht in einer gemeinsame Pressekonferenz in Magdeburg, was bislang über die Beschuldigten und über den rechten Marsch in Köthen bekannt ist.

Christiane Bergmann, Abteilungsleiterin im Innenministerium, sagte, wegen der Redebeiträge am Sonntag würden Verfahren wegen Volksverhetzung geprüft. Von Medienvertretern sei eine Körperverletzung und eine Beleidigung angezeigt worden.

Zu den beiden mutmaßlichen Gewalttätern hieß es, sie seien als unbegleitete Minderjährige nach Deutschland gekommen, mittlerweile aber volljährig, beide hätten einen Aufenthaltstitel.

Einer der beiden hätte in Kürze abgeschoben werden sollen. Das Einverständnis dazu haben die Staatsanwaltschaft erst am 6. September nach Beendigung mehrerer Ermittlungsverfahren erteilt. Justizministerin Keding sagte nun, das Einverständnis bestehe wegen des neuen Tatvorwurfs nicht mehr.

cht

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