Kofferbomber-Prozess Nach neun Minuten klickten wieder die Handschellen

Von , Beirut

2. Teil: Dschihad Hamad wurde in alles hineingezogen - argumentiert sein Anwalt.


Zwei fehlen an diesem Mittwoch in Beirut vor Gericht. Youssef al-Hajdib sitzt seit deiner Festnahme am 19. August 2006 in Berlin in Untersuchungshaft und wartet dort auf seinen Prozess, der im Sommer eröffnet werden soll. Sowohl Youseff al-Hajdib als auch Dschihad Hamad hatten sich, nachdem sie ihre Bomben platziert hatten, in den Libanon abgesetzt. Al-Hajdib jedoch flog wenige Tage später zurück nach Deutschland, und wurde am 19. August 2006 in Kiel festgenommen, weshalb er als einziger in Deutschland vor Gericht stehen wird. Der sechste Angeklagte Saddam al-Hajdib, ebenfalls ein Cousin von Youseff, ist auf der Flucht.

Alle sechs sind verdächtigt, in der ein oder anderen Weise an dem Versuch beteiligt gewesen zu sein, "Menschen in Zügen in Deutschland zu ermorden". So steht es in der libanesischen Anklageschrift, zu deren Verlesung das Gericht bei seiner ersten Sitzung gar nicht erst kommt: Nachdem die Personalien der vier anwesenden und zwei abwesenden Angeklagten festgestellt worden sind, reichen die Anwälte den Antrag ein, den Prozess an das Gericht von Tripoli, der Heimatstadt dreier der Bezichtigten, zu verlegen. Der Staatsanwalt bejaht, der Vorsitzende Richter klappt seinen Aktendeckel zu, das Gericht vertagt die Entscheidung über die Verlegung des Prozesses auf Mittwoch in einer Woche.

Sein Vater wischt sich die Tränen aus dem Gesicht

Der Auftakt zu dem Prozess, bei dem die mutmaßlichen Drahtzieher des größten versuchten Anschlags gegen deutsche Bürger vor Gericht stehen, hat exakt neun Minuten gedauert. Das Gericht erhebt sich, zwei Dutzend Familienmitglieder der Angeklagten drängen nach vorn zur Anklagebank, die jungen Männer werden gedrückt, geküsst, Freunde rufen gute Wünsche, dann legen die Soldaten der libanesischen Elite-Einheit "Panther" den Männern wieder die Handschellen an und führen sie aneinander gekettet ab.

Schahid Hamad wischt sich die Tränen vom Gesicht, als er aus dem Gerichtssaal geht. Der Vater des mutmaßlichen Kofferbombers hatte schon eine gute Stunde vor dem Prozessauftakt immer wieder Tränen in den Augen. Zusammen mit seiner Frau stand er am Morgen auffallend klein und gebeugt in der Wandelhalle des Justizpalasts und tat etwas, was er in den vergangenen Wochen auf Rat des Familienanwalts nur noch gegen die Zahlung von mindestens tausend US-Dollar getan hat. Vielleicht war es die Tatsache, dass der Anwalt keine Zeit hatte, seine zwielichtige Vermittlerrolle in diesem Geschäft Geld gegen Interview wahrzunehmen: Vater Hamad war glücklich, immer wieder eine Fotokopie des Abitur-Zeugnisses seines Sohnes hervorzukramen. Ecole St. Elie war auf dem Briefkopf zu lesen. "Ich habe ihn sogar auf eine christliche Schule geschickt, mein Sohn ist kein Fanatiker", sagte der Vater.

Er zeigte seinen alten Dienstausweis der libanesischen Armee. Es habe einen Großteil seiner Pension gekostet, seinen Ältesten in Deutschland studieren zu lassen. "Wie konnte das alles nur passieren?", sagte Schahid Hamad fassungslos. Die Kosten für den Prozess und den Anwalt werden die Familie weiter in die Armut treiben. "Ich werde unsere Wohnung verkaufen müssen, um all das zu bezahlen", sagte Shahid Hamad bitter. Dschihads Mutter, Bushra Dschaber, machte sich unterdessen sorgen um die anderen Kinder: "Ich habe einen anderen Sohn, der in Russland studiert. Ich will, dass er nach Hause kommt, nachher passiert ihm auch so etwas", sagte die ganz in schwarz gekleidete Mutter von sechs Kindern.

Mit einer "Zufallsbekanntschaft" soll alles begonnen haben

Dass Dschihads Wandlung zum Terroristen bloß dem Zufall und dem Einfluss der schlechten Gesellschaft Youssef al-Hajdibs zu verdanken ist, ist auch die Argumentation seines Anwalts Fawaz Zakariya. "Einfach Pech" sei es gewesen, dass Dschihad an seiner Beiruter Universität Chalid al-Hajdib kennen gelernt habe, sagt der Anwalt nach der ersten Sitzung. Kurz vor Dschihads Abreise nach Deutschland habe Chalid dem jungen Mann die E-Mail-Adresse seines am Kieler Studienkolleg eingeschriebenen Cousins Youssef gegeben, für alle Fälle. "Damit hat alles begonnen, eine Zufallsbekanntschaft", sagt Zakariya. "Dschihad wurde da hinein gezogen." Der Anwalt hofft, dass die Kooperationsbereitschaft seines Mandanten, der ausführlich gestanden hat und auch den extra eingeflogenen deutschen Ermittlern ausgiebig Rede und Antwort stand, das Strafmaß senken wird. Auch habe sich Dschihad am 24. August freiwillig gestellt. "Ich rechne mit einem einjährigen Prozess und drei Jahren Haft."

Es kann nicht sein, weil es nicht sein darf: Dass sein Mandant nicht der harmlose Verführte ist, sondern womöglich Pläne für eine Karriere als islamistischer Kämpfer hatte, mag sich Zakariya lieber nicht vorstellen "Ich bin ja nur der Familienanwalt, ich habe überhaupt keine Ahnung von Terror und so." Sollte sich der Verdacht erhärten, dass von den Kofferbombern eine Verbindung bis zu al-Qaida geknüpft werden kann, sollte sich die Familie Hamad vielleicht einen anderen Anwalt suchen.



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