Kohl in Brüssel "Der einzige lebende Ehrenbürger Europas"

Die EVP-Fraktion im Europäischen Parlament huldigte Helmut Kohl mit langanhaltendem Beifall und räumte ihm einen Platz mitten am Vorstandstisch ein. Sein erster Besuch vor den EU-Parteifreunden als Altkanzler brachte weder neue Erkenntnisse noch Geständnisse. Warum auch?

Von Rudolf Wagner


Altkanzler Helmut Kohl
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Altkanzler Helmut Kohl

Brüssel - Alle waren gekommen: EU-Kommissionspräsident Romano Prodi, zwei Kommissare (aber nicht die deutschen, weil die zur SPD und den Grünen gehören), die Präsidentin des Europäischen Parlamentes, Nicole Fontaine, der ehemalige Kollege aus Luxemburg, Ministerpräsident Jean-Claude Juncker, und noch viele andere Größen des europäischen Politbusiness. Natürlich waren die 232 Abgeordneten der größten Parlamentsfraktion aus 31 Einzelparteien auch da, CDU/CSU inbegriffen, Krankheitsfälle abgerechnet.

Seit dem Regierungswechsel war der Abgeordnete Kohl nicht mehr mit seinen Brüsseler Freunden zusammengetroffen. Unter den europäischen Christdemokraten und Konservativen ist niemand in seine Stiefel geschlüpft, niemand hat seine politische Statur, niemand verwirklicht deutsch-französische Visionen, wie er es einst tat. Noch heute weichen Abgeordnetenassistenten auf den Parlamentsgängen scheu dem berühmten Mann aus, und der Redner im Fraktionssaal bricht im Satz ab, als er Kohl kommen sieht. Dieses Kohl-Europa samt seiner Anhänger hat sich nie um Parteispenden gekümmert, und für seine europäischen Volksvertreter bleibt der Altkanzler mächtige Kultfigur.

Erst bekam Nachfolger Gerhard Schröder von diesem politischen Urgestein eins ausgewischt, weil er Vorschläge zur Reform der Europäischen Union in Parteitagsanträge kleide und diese nicht vorher mit den EU-Partnerstaaten abgestimmt habe. "Ich glaube nicht, dass man mit solchen Alleingängen viel erreichen kann", setzte Kohl hinzu. Was wir brauchten, seien Diskussionsvorschläge, meinte er später, und "ich warne, sich mit verbalen Prestigevorschlägen vorzuwagen."

Kein Wort über Haider

Als Mitschöpfer des Euro, womöglich mit dem Bild der ihm stets verhassten Ex-Premierministerin und erbitterten Kohl-Gegnerin Margaret Thatcher im Auge, wandte er sich an die britischen Konservativen im Saal: "Ich sage Ihnen voraus, dass die City, das Londoner Finanzzentrum, zum Euro geht, und bin gespannt, wer es sich leisten kann, draußen zu bleiben." Der Euro sei Teil der europäischen Identifikation geworden. Bei den Adressaten blieb der Beifall dünn. Wäre Tony Blair dabei gewesen, hätte er sich bedanken müssen.

Kein Wort leistete sich Kohl über das Gespann aus Österreichs Rechtsaußen, Haider, und dem konservativen Bundeskanzler Schüssel. Doch er kritisierte heftig die Haltung der EU-Staats- und Regierungschefs, die Österreich zeitweilig wegen der Koalitions- und Regierungsbildung in Wien geschnitten hatten. Die Europäische Union sei "unsäglich mit Österreich umgegangen". Man könne nicht "kulturelle Dimensionen" an der Zahl der Einwohner ablesen. An der Einwohnerzahl, die Haider gewählt haben, muss Kohl gemeint haben.

Anlass der Brüsseler Veranstaltung war übrigens die Verleihung der Auszeichnung des Mérite Européen in Gold, verliehen von einer luxemburgischen Stiftung an den deutschen EVP-Fraktionsvorsitzenden Hans-Gert Pöttering. Auch im Vorjahr war diese Ehrung an einen Deutschen, an Berlins Regierenden Bürgermeister Diepgen, gegangen. Für die Laudatio war ein leibhaftiger Geistlicher erschienen, für Kohl blieb in Wirklichkeit nur eine Art Korreferat. Natürlich hätte er etwas über die Nahostkrise, Genaueres zur EU-Reform oder zur überfälligen Steuerharmonisierung sagen können. Stattdessen appellierte er an seine Zuhörer, sich "den weiten Horizont nicht nehmen zu lassen".

Grund genug für Preisträger Pöttering, "stolz zu sein, dass der einzige lebende Ehrenbürger Europas zur EVP gehört". Applaus, Applaus!



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