Koks-Verdacht im Bundestag CSU-Politiker will Haarprobe für Abgeordnete

Die angeblichen Kokainfunde in 22 Toiletten des Reichstags schlagen hohe Wellen. Der CSU-Politiker Wolfgang Zeitlmann plädiert dafür, dass Politiker bereit sein sollten, eine Haarprobe abzugeben. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse ist entsetzt.


Hamburg/Berlin - "Ich halte nichts davon, wenn Abgeordnete sagen, ich bin bereit zur Haarprobe. Das wird ja allmählich zum Volkssport", sagte Bundestagspräsident Wolfgang Thierse in der ZDF-Sendung "Johannes B. Kerner-Show".

Thierse zeigte sich allerdings überrascht über die angeblichen Kokainfunde. "Damit konnte man ja nicht rechnen", sagte er. Ins Reichstagsgebäude hätten nicht nur Abgeordnete, sondern etwa 2500 Journalisten und sehr viele Besucher Zugang. Zugleich übte Thierse Kritik an den Medien: Der Sat.1-Bericht sei "Höhepunkt des deutschen Journalismus. Die Toilettenschnüffelei beginnt." Wenn der allgemeine Verdacht zugelassen werde, Politiker seien süchtig, "dann wird's problematisch", sagte Thierse. Nun müsse sich die Staatsanwaltschaft um die Vorwürfe kümmern.

CSU-Politiker: "Bei mir würden die nichts feststellen"

Bundestag: Verschnupfte Abgeordnete?
AP

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Wolfgang Zeitlmann, Rechtsexperte der CSU, plädierte dagegen in bestimmten Fällen dafür, dass Politiker ihr Haar für eine Probe abgeben. Zeitlmann sagte der Zeitung "B.Z.": "Wenn die Staatsanwaltschaft konkrete Verdachtsmomente hätte, dann wäre ich dafür, dass diese Abgeordneten auch zur eigenen Entlastung eine Haarprobe machen." Zeitlmann selbst "hätte kein Problem damit, ein Haar abzuliefern. Bei mir würden die nichts feststellen."

Institutsleiter hält Kokainübertragung mit Wischwasser für denkbar

Unterdessen wächst die Verwirrung um die angeblichen Kokainfunde in den 22 Toiletten des Reichstags: Der mit der Untersuchung der Kokainproben aus dem Bundestag befasste Professor Fritz Sörgel hält nun offenbar die zufällige Übertragung von Kokain doch für möglich. Wie die Zeitung "Die Welt" berichtet, vermutet Sörgel, dass Putzfrauen in ihrem Wischwasser die Drogen von einer Fläche zur anderen übertragen haben könnten.

Dagegen hatte Sörgel noch am Mittwoch gesagt, es sei nicht denkbar, dass die Droge zufällig oder mit anderen Stoffen in die Toiletten geraten sei: "Kokain kommt nicht irgendwie irgendwohin."

Sörgel sagte nun, die gefundene Höchstmenge sei zu gering, als dass unmittelbar vorher Kokain-Konsum stattgefunden haben könne. Bereits zuvor hatte er erklärt, Reste eine Konsums könnten auch haften bleiben, wenn die Toiletten ständig gereinigt würden. Nach Angaben der Zeitung will der Wissenschaftler sein abschließendes Gutachten an diesem Freitag erstellen. Sörgel war von dem Sat.1-Magazin "Akte 2000" mit der Untersuchung beauftragt worden.

Die Staatsanwaltschaft prüft

Die Staatsanwaltschaft Berlin begann am Donnerstag bereits mit der Prüfung des Vorgangs. Nach Angaben der Behörde gibt es aber noch kein offizielles Ermittlungsverfahren in der Sache. Es werde geprüft, ob ein Anfangsverdacht begründet sei. Der Ältestenrat des Parlaments wird sich auf Antrag der FDP in der kommenden Woche mit dem Thema befassen.



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