Marsch bei Hitze Soldaten kollabiert - Ausbilder akzeptiert Geldbuße

Weil er beim Marsch in sengender Hitze nicht genug auf seine Soldaten achtete, klagte die Justiz einen Ausbilder der Truppe an. Das Verfahren wurde gegen eine Geldstrafe eingestellt - hat aber trotzdem Folgen.

Verurteilter Bundeswehrausbilder Michael J. (l.)
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Verurteilter Bundeswehrausbilder Michael J. (l.)

Aus Bad Kissingen berichtet


Hauptfeldwebel Michael J. ist sich keiner Schuld bewusst. Aufrecht sitzt der 41-jährige Ausbilder der Bundeswehr am Dienstagmorgen vor dem Amtsgericht Bad Kissingen. Gerade hat er über den 13. September 2016 berichtet, damals leitete er am Standort Hammelburg einen Einzelkämpferlehrgang mit rund 30 Soldaten. Alles sei "wie befohlen" durchgezogen worden, sagt der Soldat, nichts ungewöhnlich gewesen.

Die Staatsanwaltschaft sieht das komplett anders. Die Ermittler haben den Familienvater wegen fahrlässiger Körperverletzung angeklagt, weil an dem sonnigen Septembertag vier Soldaten bei einem Geländemarsch bei fast 30 Grad Hitze kollabierten. Alle vier mussten später wegen schwerer Hitzschläge per Helikopter in Kliniken geflogen werden. Einer von ihnen überlebte nur nach einer Notoperation.

Aus Sicht der Staatsanwälte ist der Ausbilder Michael J. verantwortlich für die Zusammenbrüche. Demnach hätte Michael J. gerade wegen der sengenden Hitze besser kontrollieren müssen, dass die Soldaten körperlich fit genug waren, so die Anklage. Zudem soll er laut den Zeugenaussagen nötige Trinkpausen nicht gewährt oder zumindest nicht überprüft haben, dass die Männer auch wirklich etwas tranken.

Vor Gericht prallen die Lebenswirklichkeit eines Bundeswehrausbilders und die Sicht ziviler Ankläger aufeinander. Der Soldat argumentiert, er habe einen Lehrgang von erwachsenen Männern geleitet, die an ihre körperlichen Grenzen geführt werden sollen. Auch habe er seinen Lehrgang immer wieder angewiesen, viel zu trinken. "Ich weiß nicht, was ich noch mehr hätte tun können", sagt er am Ende einer vorbereiteten Erklärung.

Tatsächlich handelt es sich bei dem sogenannten Einzelkämpferlehrgang um eine Eliteausbildung. Mit dem Abzeichen sind Bewerbungen bei Spezialeinheiten aussichtsreicher, ambitionierte Soldaten melden sich deswegen freiwillig für die körperlich fordernde Ausbildung, bereiten sich auch dementsprechend vor. Passend dazu sagt Michael J. vor Gericht, der Lehrgang sei eben kein Kindergeburtstag.

Die Richterin und der Staatsanwaltschaft halten dagegen. Gerade weil es sich um einen freiwilligen Lehrgang der Bundeswehr handelte und sich die Männer vor den Ausbildern beweisen wollten, hätte Michael J. eine "besondere Verantwortung" gehabt, sagt die Richterin. Dass man an so einem heißen Tag besondere Vorsicht walten lassen muss, führt sie weiter aus, lerne man ja schon von seinen Eltern, nicht erst bei der Bundeswehr.

Der Fall wird für die Bundeswehr Folgen haben

Der Prozess in Bad Kissingen endet schnell. Nachdem die Richterin sehr deutlich prophezeit, dass sie ein Urteil für wahrscheinlich hält, akzeptiert Michael J. ihren Vorschlag, das Verfahren gegen die Zahlung einer Geldstrafe einzustellen. Später sagt sein Anwalt, sein Mandant empfinde sich zwar als unschuldig, habe aber einer Verurteilung mit möglichen Folgen für seinen Dienst bei der Bundeswehr aus dem Weg gehen wollen.

Für die Bundeswehr wird der Fall Folgen haben. In den vergangenen Jahren sind bei Märschen der Truppe mehrmals Soldaten zusammengebrochen, meistens erlitten sie Hitzschläge. Spätestens seit im Sommer 2017 in Munster ein junger Soldat nach einem solchen Hitzeschock starb, wird viel darüber diskutiert, ob die Ausbildung zu hart ist oder die verantwortlichen Lehrgangsleiter ihre Schützlinge überfordern.

Die Truppe kündigt in Bad Kissingen schon an, der Fall von Michael J. habe "enorme Strahlkraft" für die Ausbildung der Bundeswehr. Demnach sei nun zu prüfen, ob die Ausbilder tatsächlich besser kontrollieren müssen, dass Lehrgangsteilnehmer bei Märschen auch tatsächlich trinken. "Wie das technisch gehen soll, kann ich mir nicht recht vorstellen", sagt der Ausbildungskommandeur Constantin Spallek nach Prozessende.

Interne Folgen sind nicht ausgeschlossen

Auch die Ermittler in Lüneburg werden sich das Ergebnis des Prozesses genau ansehen. Dort läuft seit 2017 ein Ermittlungsverfahren gegen unbekannt wegen des tödlichen Marsches in Munster. Im Verteidigungsministerium rechnet man damit, dass die Staatsanwaltschaft auch in diesem Fall eine Anklage wegen Körperverletzung gegen die verantwortlichen Ausbilder erheben wird.

Ob die Bundeswehr ihren Hauptfeldwebel im Nachhinein diszipliniert, ist noch nicht entschieden. Zunächst hatten die Vorgesetzten in einem Bericht kurz nach dem Vorfall keinerlei Versäumnisse oder Dienstvergehen bei dem folgenreichen Marsch ausgemacht. Nun, so jedenfalls zwei Vertreterinnen der Wehrdisziplinaranwaltschaft der Truppe nach dem Prozessende, soll der Fall noch einmal geprüft werden.

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