Kulturelle Ressentiments Feindbild Ostler

Der Ostdeutsche hasst alles Fremde. Ständig fühlt er sich benachteiligt und hintergangen. Wahrscheinlich schlägt er auch öfter seine Kinder. Warum ist das Ostler-Bashing im Westen so beliebt?

Kundgebung in Bautzen
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Kundgebung in Bautzen

Eine Kolumne von


Ein Glück, dass es den Ostler gibt. Was hätten wir sonst zu lachen? Über Ausländer darf man sich ja nicht mehr lustig machen, das gilt als ungehörig. Harald Schmidt war der letzte, der sich getraut hat, Polen-Witze zu reißen und damit durchkam. Auch der Herrenwitz ist tot. Wer einen erzählt, bekommt es mit Manuela Schwesig zu tun. "Familienministerin fordert Engagement gegen Altherrenwitze", war neulich zu lesen.

Die einzige Volksgruppe, über die man ungestraft herziehen darf, sind die Ostdeutschen. Der Ostler ist die Minusvariante des Bundesdeutschen, ein Herrenwitz auf zwei Beinen sozusagen. Wenn es ihn nicht gäbe, müsste man ihn erfinden.

Der Ostler hasst alle Fremden, was ihn schon mal ins Abseits stellt. Er kennt keine Fremden, weil es dort, wo er lebt, kaum welche gibt. Trotzdem findet er, dass sie nur Probleme machen. Wenn er nichts Besseres zu tun hat, was oft der Fall ist, setzt er sich in sein Auto und fährt in die nächstgelegene Stadt, um Plakate hochzuhalten, auf denen steht, dass die Demokratie ein Betrug ist. Er hat überhaupt ziemlich schnell das Gefühl, zu kurz zu kommen, weshalb er auch immer schrecklich verkniffen wirkt.

Warum er so anders ist? Man muss nur etwas zurückgehen, dann hat man den Grund. Ostler wurden nicht gestillt, weil die Mütter immer arbeiten mussten. Außerdem hat man sie in der Krippe zu festen Zeiten aufs Töpfchen gesetzt, was bei den heute Über-30-Jährigen bleibende seelische Schäden verursacht hat, wie der berühmte Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz schon vor Jahren diagnostizierte. Wahrscheinlich schlagen sie im Osten auch ihre Kinder öfter.

Kulturelle Gewohnheiten wachsen sich nur langsam aus

Was für den Ostler spricht, ist der Sex. Weil es in der DDR ansonsten kein Vergnügen gab, wurde halt mehr geschnackselt. Kulturelle Gewohnheiten wachsen sich nur langsam aus, da braucht es Generationen. Ich bin sicher, wenn man das in einer Talkshow vertreten würde, nähme niemand daran Anstoß, außer den Ostlern natürlich, aber die zählen ja nicht.

Die Statistik spricht gegen die Menschen in Ostdeutschland, so viel ist wahr. Bei den rechtsextremen Straftaten führt der Osten gegenüber dem Westen vier zu eins, aber darum geht es nicht. Das Ostler-Bashing kommt ohne Statistik und damit Objektivierung aus.

Wenn es um Zahlen ginge, müsste man dazu sagen, dass auf jeden Ausländerfeind mindestens genauso viele brave Menschen kommen, die nichts gegen Flüchtlinge haben. Aber von denen ist nie die Rede. Der Witz liegt gerade in der Generalisierung. Wer im Westen vom Ostler spricht, sieht den Pegidisten, nicht den Fraktionschef der CDU, der vier Flüchtlingskinder aus Afghanistan bei sich zuhause aufgenommen hat.

Jeder Anlass ist recht, um das Feindbild zu bestätigen. Wenn vor dem Bahnhof in Köln Frauen so bedrängt werden, dass anschließend die Verschärfung des Asylrechts als angezeigt gilt, ist das ein bedauerliches, aber erklärbares Polizeiversagen. Wenn in Leipzig die Justizbeamten einen Terrorverdächtigen nicht am Selbstmord hindern, wird eine ganze Region samt ihrer Repräsentanten in Haftung genommen. Wie erbärmlich, das Versagen auch noch verteidigen zu wollen, heißt es dann: So typisch für das ostdeutsche Politpersonal.

Ich will ja hier nicht aufrechnen. Aber wenn ich mich richtig erinnere, hat es nach den Vorgängen in Köln fünf Tage gebraucht, bis sich Ministerpräsidentin Hannelore Kraft eine dürre Erklärung abrang. Der verantwortliche Innenminister ist bis heute im Amt. Dennoch war nirgendwo zu lesen, dass der Nordrhein-Westfale an sich ein Problem darstelle.

Auf die Generalisierung folgt in der Regel die Abwertung

Das Feindbild hat eine lange Tradition. Vor der Wende waren die Ostdeutschen die armen Verwandten, die man im Westen wegen ihrer knatternden Spielzeugautos und der komischen Jeans belächelte, die so viel mit einer Levis zu tun hatten wie Karo mit Kaffee. Nach dem Fall der Mauer sorgte ihr Verlangen nach Anschluss an die D-Mark für Belustigung.

Wenn es ein Bild gibt, das die Vorbehalte auf den Punkt brachte, dann das berühmte "Titanic"-Cover der "Zonen-Gaby", die glückselig eine geschälte Gurke in der Hand hatte, die sie für ihre "erste Banane" hielt. Der Auftritt der "Zonen-Gaby" feiert diesen Herbst sein 27-jähriges Jubiläum, aber die Herablassung, die das "Titanic"-Bild transportierte, ist bis heute abrufbar.

Gibt es Unterschiede zwischen Volksgruppen? Sicher gibt es die. Landstriche, Sprache, die Religion (oder die Abwesenheit derselben): all das bildet kulturelle Besonderheiten aus. Der Hamburger ist anders als der Bayer, der Bayer anders als der Sachse. Auch über Landesgrenzen hinweg lassen sich Unterschiede feststellen, wie jeder weiß, der seinen Urlaub nicht ausschließlich auf dem Balkon verbringt. Dass es so etwas wie einen Volkscharakter gibt, ist eine ebenso oft bestrittene wie durch die Anschauung bewiesene Tatsache des Lebens. Ich bediene mich in meinen Kolumnen regelmäßig nationaler Stereotypen.

Der Chauvinismus beginnt da, wo man meint, aus den Unterschieden ein Überlegenheitsgefühl ableiten zu können. Wenn vom Ostler die Rede ist, bleibt es ja nicht bei der Feststellung, dass er anders ist. Auf die Generalisierung folgt in der Regel die Abwertung. Der Ostdeutsche ist weniger weltgewandt, geistig ein wenig unbeweglich und ökonomisch zurückgeblieben, weshalb aus dem Osten ja auch die guten Frauen weglaufen.

Kurz, er ist im Vergleich mit seinem westdeutschen Nachbarn das, was der Südstaatler im Vergleich mit seinem reichen Verwandten im Norden ist: ein Hillbilly, dem man am besten das Wahlrecht entzieht, wenn am Ende nicht so etwas wie Donald Trump oder die AfD herauskommen soll.

Das Ressentiment sei der Ausdruck einer "imaginären Rache" für ein Gefühl der Machtlosigkeit, hat Nietzsche einmal gesagt. Vielleicht sind sich Ost und West ähnlicher als sie denken: Wer es nötig hat, sich auf Kosten anderer Luft zu verschaffen, bei dem stimmt im Psychohaushalt etwas nicht. Was das sein könnte, vertiefen wir in einer der nächsten Kolumnen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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schlaueralsschlau 17.10.2016
1. Aneinanderreihung von Tatsachen
ohne Lösung. "Die Statistik spricht gegen.." Das reicht mir auch schon fast. Ich habe nichts gegen Ossis (Achtung, jetzt kommt dieses Wort), aber gegen nazis und Landstriche in denen sie sich austoben können, weil sie vom "Volk" unterstützt werden, bzw. es keine Zivilgesellschaft gibt, die groß genug ist deren Unwesen einzudämmen. Naja, die Sprache ist auch komisch "da drüben"...
Ragnar the Bold 17.10.2016
2.
Ich bin viel zu schockiert über die Nachrichten, um über die Leute da Witze zu machen. Über Ostwestfalen (auch irgendwie Ostler), gerne...
Hilfskraft 17.10.2016
3. ach ja ... seufzt ...
... alles nur aus Liebe zu Mutti. Ist das nicht rührend?
mechanicsmike15 17.10.2016
4. Herrliche Kolumne,
Herr Fleichhauer. Zwei kleine Nachträge meinerseits, ist nicht eher Ossi statt Ostler gebräuchlich? Und dann sind die Bayern und die Sachsen eher ähnlich statt unterschiedlich. Regelmäßiges Bayernbashing ähnlich dem jetzigen Sachsenbashing kann man hier jedenfalls beobachten. Noch was: Die vierfache Anzahl rechter Straftaten im Osten gegenüber dem Westen können Sie durch was belegen?
vorneweg333 17.10.2016
5. wow, kann ich nur zustimmen
das ist der erste richtig gute Artikel von Ihnen, Herr Fleischhauer. Mir persönlich sind Ostler (um auch mal sowas Generelles zu sagen) sogar allgemein lieber, weil viele empathischer sind als der Durchschnitts-Wessi. Vermutlich erlernt in der Vergangenheit in der DDR, da im Mangel gegenseiteiges Helfen unabdingbar war. Es gibt auch bei uns sehr angenehme aber auch unangenehme Menschen - huch, vielleicht gibt es am Ende gar keine Unterschiede, die sich über Generationen hinweg generalisieren lassen! Gott bewahre!
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