S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Subvention einer Sehnsucht

Eine Kolumne von Jan Fleischhauer

Das Betreuungsgeld zementiere die traditionelle Rollenverteilung, heißt es. Aber wo steht denn, dass nur Frauen in den Genuss dieser Wohltat kommen können? Tatsächlich steckt hinter der Kritik ein anderes Problem: das heimliche Verlangen nach einem ruhigen Leben zu Hause.

Auch die Adenauer-Jahre gehören offenbar zu den Vergangenheiten, die nicht vergehen wollen. 150 Euro im Monat für jeden, der seine Kinder lieber zu Hause erzieht, und schon sind wir wieder auf dem Weg in jene dunkle Epoche, die dem Wort des großen Dichters Günter Grass folgend an Spießigkeit noch die Nazizeit übertraf.

Wann war das letzte Mal, dass eine Ausweitung des Sozialstaats solchen Protest hervorrief wie die Pläne der Regierung zum Betreuungsgeld? Normalerweise setzt man sich als Politiker ins Unrecht, wenn man einer Gruppe etwas nimmt - nicht, wenn man ihr etwas gibt. Aber in der Familienpolitik galten immer schon andere Regeln. Da steht das fortschrittlich gesinnte Deutschland eng zusammen, das ist diesmal nicht anders.

Das Betreuungsgeld zementiere die traditionelle Rollenverteilung, heißt es, es verleite Frauen dazu, ihr Glück wieder im Haushalt zu suchen. Möglicherweise beginnt hier schon das erste Missverständnis. Ich habe mir die Vorschläge zum Betreuungsgeld angesehen; ich habe dort nirgendwo einen Hinweis finden können, dass die geplante Zuwendung auf Frauen begrenzt ist. Tatsächlich sind Männer, die sich dafür entscheiden, ihre Kinder zu Hause zu betreuen, genauso empfangsberechtigt, was die Frage aufwirft, wer hier eigentlich an überkommenen Rollenbildern festhält. Offenbar fällt es den Kritikern des Unterfangens schwer sich vorzustellen, dass auch Männer Kinder wickeln oder das Mittagessen vorbereiten.

Familienpolitiker überschätzen den Wert finanzieller Anreize

Es ist eigenartig, welchen Aufruhr die nun als "Herdprämie" geschmähte Subvention auslöst. Ich würde ja verstehen, wenn man daran Anstoß nähme, dass der Staat sich ständig ins Familienleben einmischt. Aber das steht gar nicht zur Debatte. Als die Regierung Merkel das Elterngeld auf den Weg brachte, waren die gleichen Leute, die nun so vehement protestieren, unter den ersten, die damals applaudierten. Dabei lässt sich auch gegen diese gefeierte soziale Wohltat einwenden, dass sie die Frauen länger aus dem Erwerbsleben holt, als der Karriere förderlich ist.

Es gäbe gute Gründe, für einen Rückzug des Staates aus der Familienpolitik zu optieren. 156 verschiedene Leistungen listet das zuständige Ministerium auf, 100 Milliarden Euro gibt die Bundesrepublik im Jahr zur Förderung von Ehe und Familie aus. Vor ein paar Jahren hat die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen einmal einen Bericht angekündigt, wo eigentlich genau welches Geld bleibt und was es bewirkt. Man hat dann nie wieder etwas von der Studie gehört. Einige Journalisten behaupten, weil ihr die ersten Ergebnisse nicht gefielen - wahrscheinlicher ist, dass die Beamten ihres Hauses irgendwann aufgaben, weil auch sie den Überblick verloren hatten.

Familienpolitiker tendieren dazu, die Wirkung finanzieller Anreize weit zu überschätzen. Das war schon beim Elterngeld so. Was zunächst als Maßnahme gedacht war, der Kinderarmut in Deutschland abzuhelfen, gilt jetzt als Instrument zur Väterpädagogik. Seit sich herausgestellt hat, dass das teure Programm keinen nennenswerten Einfluss auf die Geburtenraten hat, stehen die sogenannten "Wickelmonate" im Vordergrund. Die Väter, die ich kenne, nehmen das Angebot, einmal länger im Beruf auszusetzen, gerne an. Es gibt ja zu Hause immer genug zu tun, angefangen damit, dass der Hobbykeller schon lange nicht mehr richtig aufgeräumt wurde. Es fragt sich nur, ob solche Heimarbeit dem Staat einige Milliarden Euro wert sein sollte.

Hier wird bekämpft, was viele insgeheim begehren

Auch im Fall des Betreuungsgeldes kann niemand ernsthaft annehmen, dass sich in nennenswerter Zahl Frauen für den Haushalt entscheiden, weil das Familienministerium 150 Euro im Monat für die heimische Kinderbetreuung auslobt. So gut rechnen können die Leute dann doch, um zu erkennen, dass sich das nicht wirklich lohnt. Tatsächlich geht es bei dem ganzen Aufruhr auch nicht darum, Geld für andere Zwecke zu sparen, allem voran den Kita-Ausbau. Wer das im Sinn hat, findet weit größere Ausgaben, die sich streichen oder umwidmen ließen. Den Kritikern geht es um die Delegitimierung eines Lebensentwurfs, der in Konkurrenz zu dem favorisierten Modell der durchgängigen Berufstätigkeit steht.

Ich würde keiner Frau raten, den Beruf zu quittieren, um künftig ihre Kinder zu erziehen. Man muss schon ein besonderes Vertrauen in die Stabilität der Ehe haben, wenn man sich diese Entscheidung zutraut. Alle Reformen des Scheidungsrechts laufen seit Jahren darauf hinaus, die rechtliche Position der Hausfrau zu schwächen. Wer mit 50 entdeckt, dass die Beziehung am Ende ist, hat in der Regel keine große Zukunft mehr. Dennoch käme ich nicht auf die Idee, mich deswegen einer Protestbewegung anzuschließen.

Müsste man den aktuellen Aufstand psychologisch deuten, würde man wohl zu dem Schluss kommen, dass hier bekämpft wird, was viele insgeheim begehren. Dieser Übertragungsvorgang ist in der einschlägigen Literatur gut dokumentiert, tatsächlich steht der Furor der Ablehnung oft in einem direktem Verhältnis zu der Anstrengung, die es braucht, das heimliche Verlangen zu unterdrücken.

Es ist ja auch verständlich: Wer träumt nicht gelegentlich davon, die Brocken hinzuschmeißen und sich zu Hause einzuigeln, weitab vom Stress der Arbeitswelt, dem Zwang zu Erfolg und Leistung. Der Rückzug in die Mutterschaft ist eine verlockende Alternative, jedenfalls deutlich verlockender, als viele Frauen sich das eingestehen mögen. Vielleicht sollte man all den StreiterInnen wider das Betreuungsgeld empfehlen, die Yoga-Matte mit ein paar Monaten in einem tibetanischen Kloster zu tauschen. Denkbar, dass dies die Lage deutlich entspannt.

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insgesamt 137 Beiträge
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1.
Senore 20.04.2012
Genauso ist es.. wer hat behauptet dass das Betreuungsgeld wie selbstverständlich nur an Mütter, also Frauen geht? Da beißt sich die Katze in den Schwanz, Väter könnten dies genauso nutzen, aber das wird überhaupt nicht in Betracht gezogen. Und als ob 150 Euro die gesamte Lebensplanung bestimmen, das ist doch lächerlich. Dieser Aufschrei ist scheinheilig.. ich würde gerne wissen wie viele dieser Menschen tatsächlich bereit wären ihre Kinder nur abzugeben um Karriere zu machen. Denn ich stimme dem Autor zu, wenn es darauf ankommt sind eben doch sehr viele Frauen nur zu gern bereit, dürfen oder wollen dies aber heutzutage nicht mehr zugeben. Wohlbemerkt, ich persönlich bin als Mann gegen dieses Geld, ein gutes Betreuungsangebot würde vielen Familien, Müttern und auch Vätern, viel eher helfen. Aber diese Wut gegen Andersdenkende macht mich wütend.. wenn sich eine Familie für das alte Rollenmodell entscheidet dann hat man (und besonders Frau) das gefälligst auch zu akzeptieren.
2. Ich wüsste nicht wo dieser Staat, Geld für
Xircusmaximus 20.04.2012
Zitat von sysopDas Betreuungsgeld zementiere die traditionelle Rollenverteilung, heißt es. Aber wo steht denn, dass nur Frauen in den Genuss dieser Wohltat kommen können? Tatsächlich steckt hinter der Kritik ein anderes Problem: das heimliche Verlangen nach einem ruhigen Leben zu Hause. Debatte über Betreuungsgeld: Subvention einer Sehnsucht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,828718,00.html)
. Ehe und Familie ausgibt und schon gar keine 100 Milliarden.Stelle stets fest, dass im Falle sozialer Bedürftigkeit auf die Familie verwiesen wird auch wenn man jahrzehntelang gezahlt hat. Ehe und Familie leisten mehr für die Gesellschaft als umgekehrt. Die erwähnten 100 Milliarden sind pure Propaganda. Das Verlangen nach einem ruhigem Leben ? Was ist schlecht daran, der Lohnarbeits-Knochenmühle wenigstens zeitweise zu entfliehen zu wollen. Lohnarbeit ist Zwangsarbeit und je eher ich der Lage bin, mir dies nicht mehr antun zu müssen, desto besser. Es gibt ein Millionenheer von Erwerbslosen in disem Land, warum werden nicht die Arbeitszeiten den heutigen hochproduktiven Möglichkeiten angepasst. Aber das würde ja die Beendigung der Massenerwerbslosenkeit als Erpressungspotential bedeuten. Massenerwerbslosigkeit ist erwünscht, nur kosten soll Sie nix. Ansonsten bin ich dafür jeden Erwachsenen, der zu Hause die auch für die Gesellschaft dringend notwendige Haus und Erziehungsarbeit leistet, ein angemessenes Gehalt zu zahlen, das weit über die sogeannte Herdprämie hinaus geht.
3.
lindenbast 20.04.2012
Mir wird die breite Front gegen das Betreuungsgeld auch allmählich unheimlich. Einerseits sehe ich auch keinen Grund, diejenigen, die eine staatliche Leistung nicht in Anspruch nehmen wollen, dafür zu entschädigen; schließlich verlange ich ja auch keine Ausgleichszahlung dafür, dass ich aus Gründen, die meine ganz persönlichen sind, den subventionierten ÖPNV nicht in Anspruch nehme. Und es kann mir auch keiner einreden, dass der Umstand, dass 150 Euro pro Monat und Kind den Staat billiger kommen als ein Kita-Platz, keine Rolle spielt. Dass nun aber der verständliche und auch vernünftige Wunsch von Frauen, nicht wegen eines oder zwei Kindern (mehr sind's ja meist nicht) komplett und möglicherweise dauerhaft aus dem Berufsleben aussteigen zu müssen, dahingehend umgemünzt wird, dass es als nachgerade verdammenswert gilt, seine Kinder selbst betreuen zu wollen, kann ich auch wieder nicht gutheißen. (Übrigens auch nicht, dass die Kindererzeihung, wie hier, als eine Art Wellnessurlaub vorgeführt wird. Sich um Kinder zu kümmern, ist ein Fulltimejob - der doch nicht deswegen anrüchtig wird, weil er nicht fremdbestimmt ist (außer von den Kindern natürlich) und unter Umständen als erfüllend und sinnvoll betrachtet wird. Warum soll eine Frau - oder auch ein Mann natürlich - es nicht als beglückender empfinden dürfen, den Kindern Spaghetti zu kochen und Märchen vorzulesen, als an der Supermarktkasse Tiefkühlgerichte abzuscannen? Hier wird doch die analphabetische Migrantenmami, deren Kinder irgendwann ohne jegliche Deutschkenntnisse in der Grundschule aufschlagen und deren Arbeitslosenkarriere damit schon vorprogrammiert scheint, als Popanz aufgebaut.
4. Mein Problem
maco 20.04.2012
Mein Problem mit dem Entwurf des Betreuungsgelds ist nicht, dass daheim erziehende Eltern - ähnlich dem Elterngeld - einen staatlichen Obulus bekommen - sollen sie haben. Aber die Begründungen der Verfechter finde ich scheinheilig. 1) Wertschätzung der Erziehungsleistung. Dafür sind 150 Euro viel zu wenig, 1500 Euro wären angemessen. 2) Erziehung und Betreuung durch die Eltern fördern. Warum sollen dann auch Eltern Betreuungsgeld erhalten, die Vollzeit arbeiten, während die Oma das Kind betreut? Dann müsste nach 1) die Oma das Geld bekommen, nicht die Eltern. 3) Alternative zur Kita bieten. Das Problem ist eher - viele Eltern haben keine Alternative zur Daheim-Betreuung weil es keine Kitaplätze in ausreichender Anzahl oder geeigneter Gestaltung gibt (unsere Kita nimmt Kinder z.B. nur vormittags oder ganztags. Halbtags am Nachmittag geht nicht - warum auch immer. Blöd für Wechselschichtarbeiter). Einziges (wahres) Ziel scheint zu sein, durch künstlich verringerte Nachfrage den Kitaausbau weiter verschlafen zu können und im Wahlkampf Stimmen durch Sozialbonus zu kaufen. Wie immer geht es um Geld und Machterhalt - nicht um die Familien oder die Kinder.
5.
knarfe 20.04.2012
Zitat von sysopDas Betreuungsgeld zementiere die traditionelle Rollenverteilung, heißt es. Aber wo steht denn, dass nur Frauen in den Genuss dieser Wohltat kommen können? Tatsächlich steckt hinter der Kritik ein anderes Problem: das heimliche Verlangen nach einem ruhigen Leben zu Hause. Debatte über Betreuungsgeld: Subvention einer Sehnsucht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,828718,00.html)
So ganz sicher bin ich mir zwar nicht ob ich Herrn Fleischauer richtig verstanden habe, wenn ja, dann sollte ich den Tag im Kalender anstreichen, den in dem Punkt, das das mit dem Geld eigentlich nichts bringt, kann ich nur zustimmen. Ob der Author nun für oder gegen das Betreungsgeld ist, kann ich dabei nicht so 100%tig erkennen, da ja vor allem Vermutungen über die Motive Derer, die die ablehnen philosophiert wird. Dazu gehöre ich auch, aus dem ganz profanen Grund, weil man jemanden eine Entscheidung, die er wohl sowieso trifft, oder bereits getroffen hat, nicht mit Steuergeldern versüßen muß. Da gibt es beileibe wichtigere Dinge, die der Staat mit dem Geld angehen sollte. Jemanden Geld dafür zu geben weil er seine Kinder lieber zu Hause erzieht? Das erinnert mich irgendwie an den Film Dave. An den Haushaltsposten für die Steigerung der Zufriedenheit der Käufer amerikanischer Autos, der ja berechtigter Weise zugunsten der armen Kinder gestrichen wurde. Also, ab in den Reisswolf mit den Betreuungsgeldplänen, abhaken und an wichtigeren Vorhaben arbeiten.
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