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S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Die Griesgrämin

Eine Kolumne von

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Hannelore Kraft: In den Medien einen Bombenruf

Hannelore Kraft gilt als die starke Frau der SPD. Warum ist die NRW-Ministerpräsidentin bloß immer so schlecht gelaunt und schnell reizbar, wenn sie in Berlin ist?

In jeder Firma gibt es jemanden, der im Namen der Mitarbeiter auf die sogenannte Hauskultur achtet. Der genau aufpasst, dass "die da oben" sich nicht zu viel herausnehmen und auf Konferenzen gern an die Traditionen des Unternehmens erinnert, die angeblich dieses oder jenes verbieten.

Weiterführende Ideen sollte man von diesem Typ des nörgelnden Wächters des Betriebsfriedens nicht erwarten, dazu ist seine Weltsicht zu eng. Dafür weiß man, wo Ärger droht, schließlich nörgelt er immer im Namen der anderen und damit der vielen. Auch die SPD hat ihren Hausgriesgram respektive ihre Hausgriesgrämin, bei den Sozialdemokraten heißt sie Hannelore Kraft.

Seit die SPD darüber nachdenkt, mit der Union die nächste Regierung zu bilden, brilliert die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin in der Rolle der Bedenkenträgerin aus Prinzip. Beim ersten Treffen beließ sie es noch dabei, das Gesicht zu verziehen - das allerdings gleich so eindrucksvoll, dass es anderntags in der Zeitung stand. Beim zweiten Sondierungsgespräch gab sie die beleidigte Zwischenruferin, die sich lieber mit der CSU anlegte, als über Verbindendes nachzudenken.

Die Frau aus NRW ist fein raus

Für Kraft ist das eine bequeme Rolle. Scheitert das Bündnis am Votum der SPD-Mitglieder, trifft sie als einzige in der Führung keine Schuld an dem Debakel. Kommt es trotz aller Widerstände an der Basis zur Großen Koalition, ist sie später diejenige, die es immer schon gewusst hat, wenn die ersten Misshelligkeiten auftreten. Wie es also ausgeht: Die Frau aus NRW ist fein raus, sie kann man nie verantwortlich machen.

Dass man so keine Partei führen kann, schon gar nicht eine, die den Anspruch auf Regierungsfähigkeit aufrechterhalten will, ist offensichtlich. Aber das muss Frau Kraft nicht bekümmern. Die für sie entscheidende Wahl findet im Frühjahr 2017 in Nordrhein-Westfalen statt, da ist eine Beteiligung der SPD an einer CDU-geführten Bundesregierung nur hinderlich.

Es heißt, Hannelore Kraft habe Ambitionen auf Höheres. Kaum schafft jemand als Ministerpräsident eine Wiederwahl, kann er sich plötzlich alles Mögliche vorstellen, das scheint in diesem Amt nahezu unvermeidlich. Woher Frau Kraft ihr Selbstbewusstsein bezieht, jetzt sogar die Kanzlerin anzuherrschen, ist auf den ersten Blick nicht ganz ersichtlich. Aus eigener Kraft kann das von ihr geführte Bundesland schon länger nicht mehr leben. Bis 2017 fehlen Milliarden, die woanders herkommen müssen, vorzugsweise aus den erfolgreicheren Gegenden der Republik. Deshalb streitet die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin ja auch so vehement für Steuererhöhungen. Offiziell geht es um Bildung und Infrastruktur, aber das am liebsten ohne Verwendungsnachweis, das hat Kraft schon deutlich gemacht.

Die "starke Frau" der SPD genießt einen Bombenruf

In den Medien genießt die "starke Frau" der SPD einen Bombenruf. Man kann dort lesen, wie bescheiden sie geblieben sei und wie sehr ihr das Wohl der einfachen Menschen am Herzen liege. Dass andere erst mühsam verdienen müssen, was die Ministerpräsidentin dann als "Kümmererin" mit großer Geste unter die Leute bringt, spielt bei dieser Art der Berichterstattung eine untergeordnete Rolle. Gewürdigt wird der Ansatz, die Finanzierung ist zweitrangig.

Auf Kritik reagiert Kraft umgekehrt erstaunlich dünnhäutig. Wenn sich im Düsseldorfer Landtag jemand von der Opposition mit ihrer Regierung befasst, hält es sie kaum auf ihrem Stuhl. Dann verzieht sie das Gesicht und kritzelt auf Zetteln Entgegnungen mit wütenden Ausrufezeichen. Möglicherweise war der Ausbruch am Montag in Berlin weniger kalkuliert, als es auf die Anwesenden den Anschein hatte.

Kraft hat auf Nachfrage wiederholt betont, sie sehe ihre Zukunft in NRW. Was immer die konkreten Karriereplanungen sein mögen: Der Wechsel nach Berlin ist nicht ungefährlich, wie man aus der Vergangenheit weiß.

Die SPD hat mit dieser Art von Transfer sehr ungute Erfahrungen gemacht. Erinnert sich noch jemand an Kurt Beck? Das war dieser grundsympathische Mensch mit Mecki-Schnitt und der Vorliebe für deftige Heimatkost, der irgendwann im Frühjahr 2006 in Berlin auftauchte, um die Sozialdemokratie zurück an die Macht zu führen. Zwei Jahre reichten aus, um aus einem populären Landespolitiker eine Witzfigur zu machen.

Es ist eine Sache, ob man ordentlich ein Bundesland regiert hat oder ob man sich anschickt, ins Kanzleramt einzuziehen. Da genügt es dann nicht mehr, dass man schöne Eröffnungsreden halten kann und immer so leutselig lächelt.

Vielleicht tun alle Menschen, die Frau Kraft Hoffnungen auf das Kanzleramt unterstellen, ihr aber auch Unrecht. Vielleicht will sie gar nicht das Land regieren. Es gibt Leute, die sie seit längerem beobachten und meinen, ihr würde es völlig reichen, Joachim Gauck im Amt des Bundespräsidenten nachzufolgen. Dann wäre sie nicht ein zweiter Kurt Beck, sondern ein zweiter Johannes Rau. Bundespräsident ist zudem ein Posten, bei dem man in der Regel von allzu scharfer Kritik verschont bleibt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. BErlin
roxxor 17.10.2013
Zitat von sysopDPAHannelore Kraft gilt als die starke Frau der SPD. Warum ist die NRW-Ministerpräsidentin bloß immer so schlecht gelaunt und schnell reizbar, wenn sie in Berlin ist? Kolumne von Jan Fleischhauer: Hannelore Kraft, Griesgram der SPD - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/kolumne-von-jan-fleischhauer-hannelore-kraft-griesgram-der-spd-a-928431.html)
ganz einfach, wer ist schon gerne in Berlin? wenn ich da aus dem Flieger steige kommt schon der erste Brechreiz, reizbar bin ich allerdings schon, wenn ich weiß, dass es demnächst wieder nach Berlin geht.
2. Wenn Sie immer mit solchen Dollbohrern wie
Nörgelkopf1 17.10.2013
Zitat von sysopDPAHannelore Kraft gilt als die starke Frau der SPD. Warum ist die NRW-Ministerpräsidentin bloß immer so schlecht gelaunt und schnell reizbar, wenn sie in Berlin ist? Kolumne von Jan Fleischhauer: Hannelore Kraft, Griesgram der SPD - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/kolumne-von-jan-fleischhauer-hannelore-kraft-griesgram-der-spd-a-928431.html)
sie von der CDU/CSU verhandeln sollen, dürfte ihre Laune wohl auch auf den Tiefpunkt sinken.
3.
mm71 17.10.2013
Zitat von sysopDPAHannelore Kraft gilt als die starke Frau der SPD. Warum ist die NRW-Ministerpräsidentin bloß immer so schlecht gelaunt und schnell reizbar, wenn sie in Berlin ist? Kolumne von Jan Fleischhauer: Hannelore Kraft, Griesgram der SPD - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/kolumne-von-jan-fleischhauer-hannelore-kraft-griesgram-der-spd-a-928431.html)
Kraft hatte sich sicherlich gefreut, ihren maroden Haushalt etwas zu entlasten, indem sie sich Bundesratszustimmungen von Zeit zu Zeit abkaufen lässt. Im Falle einer Grossen Koalition geht das nicht, da es auf NRW nicht ankommt. Daher ihre schlechte Laune, und daher auch ihre Versuche die Koalitionsverhandlungen zu unterminieren wo es nur geht. (Positiver Nebeneffekt: Stürzt Gabriel ist sie die nächste "natürliche" Kanzlerkandidatin. Nebeneffekt hier: Im Erfolgsfall muss sich dann jemand anderes um den maroden NRW-Haushalt kümmern. Wohltaten raushauen und andere aufräumen lassen, ein Traum für jeden Politiker.)
4. Unterirdisch
fraecael 17.10.2013
Ihre Politik ist einfach unterirdisch schlecht.
5. Die Fragen
nemensis_01@web.de 17.10.2013
im Artikel mögen berechtigt sein, aber was wäre, wenn die Frau einfach nur ab und zu nach ihrer Überzeugung handelt? Kaum vorstellbar, im heutigen Politikbetrieb. Wenn man Merkel gewöhnt ist, diese Berufskontorsionistin.
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