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Kommentar: Atomkraft, das war's!

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Die Atomkatastrophen in Japan sind eine Zäsur für die weltweite Debatte über die Kernkraft. Sie ist kein Zukunftsmodell. Kanzlerin Merkel wird ihren Pro-AKW-Kurs schon bald ändern.

Demo vor dem AKW Neckarwestheim: Wende in der Geschichte der modernen Technik Zur Großansicht
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Demo vor dem AKW Neckarwestheim: Wende in der Geschichte der modernen Technik

Um eines klarzustellen: Es gibt viele Gründe, die für die Atomkraft sprechen. Anders als die schrecklichen Kohlekraftwerke ist sie CO2-arm, das hilft dem Klima. Zudem ist sie eine schöne Sache für Länder, die zum Beispiel kein eigenes Gas haben. Kernkraft bedeutet ein Stück Unabhängigkeit, energiepolitische Autonomie. Auch ist Strom aus abgeschriebenen Meilern im Prinzip billig, das freut den Verbraucher.

Aber das zählt alles nicht, nicht mehr. Seit in Japan die Erde bebte und von dort fast stündlich neue atomare Schreckensnachrichten kommen, dürfte selbst dem letzten Atomkraftbefürworter klar sein: Es geht nicht mehr. Aus. Vorbei. Die Atomkraft ist für den Menschen nicht beherrschbar, da hilft kein noch so gutes Argument. Der GAU ist eine reale Gefahr, er ist möglich, jederzeit, in einem Super-Hightech-Land wie Japan und eben auch bei uns. Es kann kein Vertrauen mehr wachsen für die Sicherheit der Anlagen, nirgendwo.

Das Beben in Japan wird zu einem entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der modernen Technik. Das lernende System Mensch wird wieder einmal verstehen: Nicht alles, was technisch machbar ist, ist am Ende gut. Es müssen neue Wege gefunden werden, um den Energiebedarf einer wachsenden Erdbevölkerung zu decken. Und der Mensch muss dabei schneller vorangehen, als er es bisher tut.

Das gilt weltweit und natürlich auch für Deutschland. Wer hierzulande sagt, so etwas wie in Japan könnte bei uns nicht passieren, macht sich seit dem vergangenen Wochenende lächerlich. In Japan gab es eine Verkettung von unglücklichen Umständen, das Erdbeben, der Tsunami. Klar. Aber was sind Katastrophen denn anderes als die Verkettung von unglücklichen Umständen? Flugzeugabstürze, Autounfälle, Kernschmelzen, irgendetwas geht eben immer schief, wenn der Mensch seine Finger im Spiel hat. Irgendwann wird es diese unglückliche Verkettung auch bei uns geben oder bei den Nachbarn drüben in Frankreich, die so vernarrt sind in die Atomkraft. Und dann?

Kanzlerin Merkel und die Bundesregierung wollen die Sicherheitsstandards der deutschen Atomkraftwerke überprüfen. So hoffen sie, die neue Atomdebatte in Deutschland zu ersticken. Aber warum müssen die Sicherheitsvorkehrungen eigentlich überprüft werden? War uns nicht immer gesagt worden, die Kraftwerke in Deutschland seien die sichersten der Welt? Ja, was denn nun?

Krisentreffen, Sicherheitsgipfel, Sonderprüfungen, das sind nur noch Rückzugsgefechte einer sterbenden Branche und ihrer politischen Helfer. Der Atomausstieg in Deutschland wird kommen, schneller als die Atom-Befürworter glauben. Die alte Angst vor dem Super-GAU kehrt zurück nach Deutschland, die Atom-Gegner bei SPD und Grünen werden sie für sich nutzen. Kanzlerin Merkel, die Pragmatikerin, wird dies erkennen - und ihren Kurs ändern. Das kommt so sicher wie das Amen in der Kirche.

Die Frage, die sich die Bundesregierung stellen muss, lautet: Wie schnell kann sie umsteuern? Ist das Land beim Ausbau der erneuerbaren Energien wirklich ehrgeizig genug? Mit Sicherheit nicht. Die Betreiber der deutschen Atomkraftwerke verdienen Milliarden mit ihren Meilern, doch nur ein kleiner Teil der Gewinne wird heute für den Ausbau der erneuerbaren Energien eingesetzt. Das muss sich ändern.

Natürlich ist es Quatsch, von heute auf morgen alle Kraftwerke hierzulande abzuschalten, wie es jetzt wieder gefordert wird. Aber nur wenn klar ist, dass die Meiler tatsächlich bald auf immer vom Netz gehen, entstehen auch die Kräfte, die gebraucht werden, um alternative Energien zu entwickeln. Das war die Grundidee des rot-grünen Ausstiegsbeschlusses. Diese Idee wurde durch den schwarz-gelben Beschluss zu den Laufzeitverlängerungen ausgehebelt. Es zeigt sich: Das war ein Fehler. Er muss korrigiert werden.

Nein, es macht keinen Spaß mehr, für die Atomkraft zu streiten. Jetzt nicht mehr.

Die Stufen der INES-Skala
7 - Katastrophaler Unfall
Folgen außerhalb der Anlage Folgen innerhalb der Anlage Bedeutung für die Sicherheit Fallbeispiele
Schwerste Freisetzung von Radioaktivität, Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt in einem weiten Umfeld Katastrophe von Tschernobyl 1986 (UdSSR, heute Ukraine)
Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES)
Quelle: NDR/ INES
6 - Schwerer Unfall
Folgen außerhalb der Anlage Folgen innerhalb der Anlage Bedeutung für die Sicherheit Fallbeispiele
Erhebliche Freisetzung von Radioaktivität, voller Einsatz der Katastrophenschutz- Maßnahmen Katastrophe von Kyschtym 1957 (UdSSR, heute Russland)
Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES)
Quelle: NDR/ INES
5 - Ernster Unfall
Folgen außerhalb der Anlage Folgen innerhalb der Anlage Bedeutung für die Sicherheit Fallbeispiele
Begrenzte Freisetzung von Radioaktivität, teilweiser Einsatz der Katastrophenschutz- Maßnahmen Reaktorkern / radiologische Barrieren schwer beschädigt Atomunfälle von Windscale/Sellafield 1957 (Großbritannien), Three Mile Island 1979 (USA) und Tokaimura 1999 (Japan)
Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES)
Quelle: NDR/ INES
4 - Unfall
Folgen außerhalb der Anlage Folgen innerhalb der Anlage Bedeutung für die Sicherheit Fallbeispiele
Geringe Freisetzung von Radioaktivität, Strahlenbelastung der Bevölkerung etwa in Höhe natürlicher Quellen Reaktorkern / radiologische Barrieren erheblich beschädigt, Strahlen- belastung von Mitarbeitern mit Todesfolge Atomunfälle von Windscale/Sellafield 1973 (Großbritannien), Saint-Laurent 1980 (Frankreich)
Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES)
Quelle: NDR/ INES
3 - Ernster Störfall
Folgen außerhalb der Anlage Folgen innerhalb der Anlage Bedeutung für die Sicherheit Fallbeispiele
Sehr geringe Freisetzung von Radioaktivität, Strahlenbelastung der Bevölkerung in Höhe eines Bruchteils natürlicher Quellen Schwere radioaktive Kontaminierung, Mitarbeiter erleiden akute Gesundheits- schäden Beinahe-Unfall: keine weiteren Sicherheits- vorkehrungen, die einen Unfall verhindert hätten Störfall von Vandellòs 1989 (Spanien)
Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES)
Quelle: NDR/ INES
2 - Störfall
Folgen außerhalb der Anlage Folgen innerhalb der Anlage Bedeutung für die Sicherheit Fallbeispiele
Erhebliche radioaktive Kontaminierung, unzulässige Strahlen- belastung von Mitarbeitern Störfall mit erheblichen Ausfällen von Sicherheits- vorkehrungen Störfälle von Philippsburg 2001 (Deutschland) und Forsmark 2006 (Schweden)
Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES)
Quelle: NDR/ INES
1 - Störung
Folgen außerhalb der Anlage Folgen innerhalb der Anlage Bedeutung für die Sicherheit Fallbeispiel
Abweichung von den zulässigen Bereichen für den sicheren Anlagenbetrieb Störung durch Ventilschaden im südhessischen Atomkraftwerk Biblis, Block A im Dezember 1987
Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES)
Quelle: NDR/ INES
0
Folgen außerhalb der Anlage Folgen innerhalb der Anlage Bedeutung für die Sicherheit Fallbeispiel
Keine oder sehr geringe sicherheitstechnische Bedeutung
Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES)
Quelle: NDR/ INES

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insgesamt 882 Beiträge
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1. Es ist wie überall,
winnetou16 14.03.2011
Zitat von sysopDie Atomkatastrophen in Japan sind eine Zäsur für die weltweite Debatte über die Kernkraft. Sie ist kein Zukunftsmodell. Kanzlerin Merkel wird ihren Pro-AKW-Kurs schon bald ändern. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,750704,00.html
es muss immer erst etwas passieren bevor sich etwas ändert. Gerade eine Physikerin sollte sie um die Gefahr der Kernenergie wissen, aber sowas wird gern zugunsten der Lobbyisten verdrängt.
2. Falsche Aussage
HariboHunter, 14.03.2011
Kanzlerin Merkel wird ihren Pro-AKW-Kurs schon bald ändern. Mit Verlaub Spon. Diese Aussage ist falsch und sollte heissen: "Wir werden die Kanzlerin schon bald ändern." Merkel Mappus und Co. sind mit der Atomlobby Kernverschmolzen und regieren gegen den Willen der Mehrheit an. Demnaechst sehen wir wieder Reiterstaffeln, Wasserwerfer und pruegelnde Polizisten.
3. Abschalten sofort
johndoe2 14.03.2011
Zitat von sysopDie Atomkatastrophen in Japan sind eine Zäsur für die weltweite Debatte über die Kernkraft. Sie ist kein Zukunftsmodell. Kanzlerin Merkel wird ihren Pro-AKW-Kurs schon bald ändern. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,750704,00.html
Ist es nicht, ganz im Gegenteil. Strom gibt es genug in Deutschland und je früher wir diesen AKW-Mist abschalten umso eher reduzieren wir das davon ausgehende Risiko. Und anstatt immer pessimistisch auf die Nachbarländer zu verweisen, wie es die Befürworter gerne tun, solle man dorthin KnowHow und Technologie vermitteln, damit auch dort die AKWs bald vom Netz gehen.
4. Atomkraft in Deutschland leicht ersetzbar !
zeitmax 14.03.2011
Durch Wasserkraft aus Norwegen! Von der Politik unbemerk(el)t? Hier: http://www.swr.de/report/-/id=233454/nid=233454/did=6770834/mpdid=6960192/2mmoqr/index.html Aber die Atommlobby stellt sich taub .
5. Titel-los wie Guttenberg
hypnos 14.03.2011
Zitat von sysopDie Atomkatastrophen in Japan sind eine Zäsur für die weltweite Debatte über die Kernkraft. Sie ist kein Zukunftsmodell. Kanzlerin Merkel wird ihren Pro-AKW-Kurs schon bald ändern. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,750704,00.html
Von wegen, denn hier geht es um viel Geld. Die Wähler vergessen ganz schnell. Arbeitsplätze und Wettbewerbsfähigkeit werden es richten. Und schon bei der Wahl Ende März wählen alle wieder brav CDU und Atom-Mappus.
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Zwei Tage nach dem Beben: Verwüstete Ostküste
Die Ausbreitung der radioaktiven Wolke Zur Großansicht
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Die Ausbreitung der radioaktiven Wolke


Erdbeben- und Tsunamigebiet in Japan Zur Großansicht
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Erdbeben- und Tsunamigebiet in Japan

Kernkraftwerke in Fukushima
Fukushima I (Daiichi)
Das Atomkraftwerk Fukushima I (Fukushima Daiichi) besteht aus sechs Blöcken mit jeweils einem Reaktor. Probleme gibt es vor allem in Block 1 und Block 3. Bei beiden Reaktoren wird zumindest eine teilweise Kernschmelze befürchtet. Die Kühlsysteme sind ausgefallen, die Betreiber haben Meerwasser in die Reaktoren gepumpt. Das Gebäude um Block 1 explodierte am Samstag - Grund soll eine Verpuffung der Gase zwischen Reaktor und Reaktorhülle gewesen sein. Der atomare Notstand wurde ausgerufen, im Umkreis von 20 Kilometern wurde evakuiert. Am Montag ereignete sich eine weitere Explosion. Nach Angaben der Regierung hat die Stahlhülle des Blocks 3 aber standgehalten. Die schlechten Nachrichten reißen allerdings nicht ab: Auch in Reaktor 2 ist die Kühlung inzwischen ausgefallen.
Fukushima II
Das Atomkraftwerk Fukushima II (Fukushima Daini) besteht aus vier Blöcken. Betreiber ist ebenfalls die Tokyo Electric Power Company (Tepco). Die Kühlsysteme der Reaktoren 1, 2 und 4 sind nach Angaben der japanischen Regierung ausgefallen. Der atomare Notstand wurde ausgerufen, im Umkreis von zehn Kilometern wird evakuiert.

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Fotostrecke
Karten: Vom Beben zur Riesenwelle
Erdbebenstärken
Die Richterskala
Die Stärke eines Erdbebens wird mit Hilfe der Richterskala und anderer Skalen beschrieben. Der jeweils angegebene Wert, die Magnitude , kennzeichnet dabei die freigesetzte Energie.

Mittels Seismografen werden die Maximal amplituden (also die Ausschläge der Nadel) bestimmt, die umgerechnet von Erdbeben in 100 km Entfernung erzeugt worden wären. Der dekadische Logarithmus der gemessenen Maximalamplituden ergibt die Magnitude. Die Erhöhung der Magnitude um 1 bedeutet dabei eine 33-fach höhere Energiefreisetzung – ein Erdbeben der Magnitude 5,0 ist also 33-mal so stark wie eines der Magnitude 4,0. Die Skala wurde 1935 von Charles Francis Richter und Beno Gutenberg am California Institute of Technology entwickelt.

Genau genommen werden Erdbebenstärken jedoch heute in der Moment-Magnituden-Skala angegeben. Sie berücksichtigt neben der Energie auch die Größe des gebrochenen Gesteins. Die Bruchfläche lässt sich aus der Erdbebenmessung vieler Seismografen berechnen.
Die Auswirkungen
Grob lassen sich die typischen Effekte der Erdbeben in der Nähe des Epizentrums folgendermaßen beschreiben:
  • - Stärke 1-2: nur durch Instrumente nachweisbar
  • - Stärke 3: nur selten nahe dem Epizentrum zu spüren
  • - Stärke 4-5: 30 Kilometer um das Zentrum spürbar, leichte Schäden
  • - Stärke 6: mittelschweres Beben, Tote und schwere Schäden in dicht besiedelten Regionen
  • - Stärke 7: starkes Beben, das zu Katastrophen führen kann
  • - Stärke 8: Groß-Beben
Weltweit ereignen sich jährlich etwa 50.000 Beben der Stärke drei bis vier, 800 der Stärke fünf oder sechs und durchschnittlich ein Groß-Beben. Das stärkste auf der Erde gemessene Beben hatte eine Magnitude von 9,5 und ereignete sich 1960 in Chile .
Die schwersten Erdbeben
Die stärksten Beben seit 1900
1960 Chile, Valdivia , Stärke 9,5
1964 Großes Alaska-Beben , Stärke 9,2
2004 Seebeben vor Sumatra , Stärke 9,1
1952 Kamtschatka, Stärke 9,0
2010 vor Maule, Chile , Stärke 8,8
1906 vor Ecuador, Stärke 8,8
Todesopfer bei Beben
1976 China, Tangshan , offiziell 255.000 Tote, inoffizielle Schätzung: 655.000 Opfer
2004 Seebeben vor Sumatra , 227.898 Tote
2010 Haiti , nach offizieller Schätzung 222.570 Tote
1920 China, Haiyuan , 200.000 Tote
1923 Japan, Kanto, 142.800 Tote
1948 Turkmenistan, Ashgabat, 110.000 Tote
Historische Beben
1556 China, Shaanxi , 830.000 Tote
1976 China, Tangshan , offiziell 255.000 Tote, inoffizielle Schätzung: 655.000 Tote
1138 Syrien, Aleppo, 230.000 Tote
2004 Seebeben vor Sumatra , 227.898 Tote
2010 Haiti , Stärke 7,0, 222.570 Tote
856 Iran, Damghan, 200.000 Tote

Quelle: U.S. Geological Survey
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