Kommentar zur Gehaltsgleichheit Kein Gesetz ändert den Unterschied

Die Große Koalition wird sich über das geplante Gesetz zur gleichen Bezahlung von Mann und Frau zerstreiten wie noch nie. Was für eine Zeitverschwendung.

Familienministerin Schwesig: Gehaltsunterschiede per Gesetz aus der Welt schaffen
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Familienministerin Schwesig: Gehaltsunterschiede per Gesetz aus der Welt schaffen

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Wenn es einmal allzu still wird beim abendlichen Treff unter Freunden, dann ist da immer noch das Thema "Mann und Frau". Geht es noch dazu ums liebe Geld und die Frage, wer hat mehr als der oder die andere, dann wird es richtig turbulent. Die große Koalition steht an der Schwelle zu einer solchen Auseinandersetzung, die SPD will ein Gesetz zur "Entgeltgleichheit", die Union will es in Wahrheit nicht.

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Heft 11/2015
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Die Gehaltsunterschiede zwischen Mann und Frau belaufen sich rein rechnerisch auf um die 20 Prozent. Bei nüchterner Betrachtung schrumpft sie auf um die sieben Prozent - was in jedem Einzelfall immer noch Skandal genug ist. Keine Frage.

Die tiefer liegenden, eigentlichen Gründe für die ungleiche Durchschnitts-Entlohnung wird das Gesetz aber nicht berühren. Es sind Fragen von tradierten Rollenbildern, die zu einer bestimmten Berufswahl führen; es sind althergebrachte Aufgabenteilungen, wonach 70 Prozent der Mütter in Teilzeit gehen, wenn ein Kind da ist, aber nur sechs Prozent der Väter. Es sind Eigenschaften, die - aus welchen Gründen auch immer - Frauen zurückhaltender in ihren Gehaltsverhandlungen auftreten lassen als Männer. Es sind Tarifverträge, die den Geist der Fünfzigerjahre atmen, als Arbeit überwiegend körperliche Arbeit war, also vermeintlich "Männersache".

Gehälter sind Privatsache

Das alles kann man mit guten Gründen als vormodern beklagen und auf jeder Ebene dafür eintreten, dass sich die Verhältnisse zum Besseren verändern. Nur eines kann man nicht, wie die Erfahrungen in Schweden und Österreich zeigen: das Problem per Gesetz aus der Welt schaffen. Was die zuständige Ministerin Schwesig vorhat, ist deshalb nur die Behauptung von Politik, mithin das Gegenteil dessen, was Politik sein soll: etwas, das die herrschenden Verhältnisse ändert.

Zugleich müssen Gesetze einen messbaren Nutzen für so viele bringen, dass erwartbare Nachteile anderer zu Recht hintanstehen. Auch das scheint nicht der Fall zu sein, ganz unberechtigt sind die Warnungen der Firmen nämlich nicht. Werden auch kleinere von ihnen mit dem bislang nur in Umrissen bekannten Vorhaben überzogen, könnten unverhältnismäßig hohe, bürokratische Pflichten entstehen, eine Vielzahl von Tarifverträgen wackeln und sich einiger Unfrieden unter den Mitarbeitern breitmachen. In einer Gesellschaft, die ist, wie die deutsche ist, sind Gehälter Privatsache, sorgsam gehütet vor notorisch neidischen Blicken.

Nein, der Druck, die Missstände abzustellen, muss von anderer Stelle kommen: aus der Gesellschaft, aus den Chefetagen der Unternehmen selbst, manche tun es bereits mit Erfolg - vor allem aber vom Einzelnen. Der nahende Fachkräftemangel gibt Frauen (wie Männern) die Chance, sich die Arbeitgeber auszusuchen, die sie fair behandeln und für wirklich identische Leistung gleichen Lohn zahlen. Der Mut zur Abstimmung mit den Füßen würde wirken. Viel stärker und schneller als ein Gesetz, über das man nur schön streiten kann.

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Nikolaus Blome studierte Geschichte, Volkswirtschaft und Politik in Bonn und Paris. Seit Oktober 2013 ist er Mitglied der Chefredaktion und Leiter des Hauptstadtbüros von SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Nikolaus_Blome@spiegel.de

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Zuletzt war an dieser Stelle SPIEGEL ONLINE-Redakteurin Annett Meiritz in ihrem Kommentar für ein Gesetz zur Gehaltstransparenz eingetreten.

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insgesamt 116 Beiträge
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Seite 1
heisenberg18, 09.03.2015
1. Sie haben ja recht ...
der Impuls von außen wird immer ein lästiges Korsett bleiben. Und ist, wenn überhaupt, nur temporär hinnehmbar. Aber ... Wenn es uns um die skandalösen 7 Prozent Unterschied und ihre Beseitigung ginge, warum nicht einen staatlichen Zuschuss für die klassischen Frauenberufe? Wenn Lehrerinnen an Grundschulen, Erzieherinnen, generell Beschäftigte in pflegenden Berufen, an das Niveau des Metallarbeiters, des Müllwerkers etc. heran subventioniert werden, müsste sich das Gezerre innerhalb der Berufsfelder doch von alleine wegschwitzen. Wenn Milliarden für kriselnde Nachbarstaaten da sind, wäre das Binnenprojekt für einen Zeitraum von 10 Jahren ohne weiteres zu stemmen.
rickmarten 09.03.2015
2. Ein anderer Weg wäre denkbar
Eine gemeinsame Deklaration der Parteien, der Regierung, der Gewerkschaften und Unternehmerverbände mit der Einrichtung eines gemeinsamen Lenkungsausschusses wäre der bessere Weg. Das Gesetz führt wieder zur in Deutschland üblichen Prozesshanselei, und das bis zum Bundesverfassungsgericht. Bei Anwälten mit der Spezialisierung Schwesig-Ideen klirren die Sekt-Gläser.
lederal 09.03.2015
3. Diskriminierung
Die Diskriminierung gibt's auch zwischen Volksgruppen,.Arbeitsamt un Leifirmen haben Abkomen mit Arbeitsgeber zum Druck ausüben, un die Arbetsnemer haben keine Wahl um Lohn verhandeln, es wird 80% unter Tarif gearbeitet.Die Tarifen werden nur in großen Firmen eingehalten. In vielen Firmen gibt's keine Betriebsräte, und Gewerkschaften, die Arbetnemer sind unterbezahlt. Für gleiche Arbeit, wird unterschiedlich bezahlen, bis40% unterscheid.
analyse 09.03.2015
4. Danke Herr Blome für die sachliche Stellungnahme !
Das erschreckende ist doch,daß es für eine Partei wie der SPD noch möglich erscheint ,mit einem solchen Thema auf Stimmenfang zu gehen !Das gelingt aber nur mithilfe gewisser Medien,die ständig die von Ihnen genannten 7 % zu 100% hochagitieren !
Marellon 09.03.2015
5. Nix Gescheites
Man könnte nun darauf verweisen, dass dieses Frau Schwesig mal Steuerfahndungsprüferin war und sagen, da könnte ja nix Gescheites draus werden... Frau Sch. verfolgt ganz einfach ihre eigenen Interessen und will im Gespräch bleiben. Das kann man verstehen. Schlimm an der Sache ist, dass niemand sie stoppt, wenn sie ihren gefährlichen Unsinn erzählt - oder den Unsinn, den ihre Leute ihr zusammengeschrieben haben.
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