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Kommentar: Mit blutroten Fahnen gegen Windmühlen

Von Claus Christian Malzahn

Die revisionistischen Sprüche der niedersächsischen Linke-Abgeordneten über Stasi und Mauerbau sind kein Kavaliersdelikt - sie beleidigen die Opfer des autoritären Sozialismus. Ein Eklat, der Gysi und Lafontaine die Wahlen zur Bürgerschaft in Hamburg verhageln dürfte. 

Der linke Radikalismus, befürchtete Lenin bereits 1920, ist "die Kinderkrankheit des Kommunismus". Knapp 20 Jahre nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums wird diese kühle Analyse noch einmal grotesk bestätigt. Eine designierte Landtagsabgeordnete der Linken verteidigt den Terror- und Unterdrückungsapparat der DDR und erzählt Märchen über den Mauerbau.

Ihr offen zur Schau getragener Geschichtsrevisionismus, der historische Fakten und Erkenntnisse einfach ignoriert, unterscheidet sich im politischen Grundsatz überhaupt nicht von den Provokationen der NPD, in deren Reihen der Holocaust geleugnet wird. Natürlich kann man die Verbrechen der Nazis und die des DDR-Regimes nicht gleichsetzen - die Methoden der Verharmlosung dagegen schon. Wobei die Protagonisten des neudeutschen Faschismus bei diesem Thema inzwischen etwas vorsichtiger auftreten, weil sie wissen, dass ein brauner Satz zu viel direkt hinter Gitter führen kann. Der rechtsextremistische Anwalt Horst Mahler - früher RAF, heute Nazi - ist wegen solcher Sprüche schon mehrfach verurteilt worden. 

Über die DDR, die Mauer und die Stasi kann dagegen in der Bundesrepublik jeder behaupten, was ihm gerade so durch den Kopf geht. Eine ehrliche Bilanz dieses verheerenden sozialistischen Experiments auf deutschem Boden hat es eigentlich nur in den ersten Jahren nach dem Mauerfall gegeben: Damals wusste man noch, wie Braunkohle riecht, man hatte die verrotteten Innenstädte von Erfurt, Leipzig oder Dresden direkt vor der Nase. Die gelben Dunstschwaden hingen noch über Bitterfeld, die Elbe litt noch unter sozialistischen Chemiekeulen. Hätte damals jemand erzählt, dass man die Mauer gebaut habe, um die sozialistischen Supermärkte vor dem Ansturm aus dem Westen zu schützen - man hätte sein Fieber gemessen und ihn zum Arzt geschickt.

Verharmlosung der "kommoden Diktatur"

Doch seit geraumer Zeit wird an der Ehrenrettung der zweiten deutschen Diktatur gearbeitet. Da wird dieser deutsche Staat von Stalins Gnaden zu einer "kommoden Diktatur" (Günter Grass), zu einem mehr oder weniger berechtigten sozialistischen Experiment, schließlich sogar zum "besseren deutschen Staat" umgemodelt. Hätte es die Mauer und die Stasi nicht gegeben - dann hätte man sich im realen Sozialismus doch eigentlich ganz wohl gefühlt, lautet der Subtext solcher Botschaften. Und fröhliche Unterhaltungsfilme wie "Sonnenallee" oder "Good bye Lenin" haben die Idee des "gefühlten Sozialismus" - den es freilich nur im Kino gab - noch heftig verstärkt. Immerhin kam man mit "Das Leben der Anderen" der ebenso tristen wie brutalen Wirklichkeit schon näher - auch wenn sich so ein sympathischer Stasi-Mann wie der von Ulrich Mühe verkörperte Offizier, der seine Opfer schützt, in der DDR wohl nirgendwo nachweisen lässt.

Das zur Schau getragene Entsetzen der Berliner Parteiführung über solch revisionistischen Aussagen ist freilich verlogen. Seit langer Zeit wissen die Ex-PDS'ler, mit welchen verbalradikalen Kraftmeiern und verbohrten Ideologen sie es bei den westdeutschen Genossen zu tun haben. Seit die Fusion zwischen West und Ost angesagt ist, hat man freilich den Mantel des Schweigens darüber gebreitet. Dennoch ist der Unterschied zwischen Ost- und West-Genossen ganz grundsätzlicher Natur. Im Osten hat man es in der Mehrheit mit ehemaligen Staatssozialisten zu tun, die nach der Wende schon ganz zufrieden damit waren, dass sie im neuen Deutschland wieder eine Rolle spielen dürfen. Dass sie in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin sogar zeitweilig mitregieren durften und dürfen, hätten sie in ihren dunkelsten Stunden kurz nach dem Mauerfall freilich nicht einmal zu träumen gewagt.

Die Mauer um die sozialistischen Wärmestube

Im Westen liegt die Sache anders. Während man in der Linkspartei Ost die DDR zumindest so, wie sie war, nicht wiederhaben möchte (schließlich hat man ja in ihr gelebt) - hält man sie im Westen zum Teil immer noch für ein vollkommen legitimes Projekt, ein berechtigtes Experiment (an 16 Millionen Menschen, zu denen man ja Gott sei Dank nicht gehörte). Hier erweist sich, dass der westdeutsche Linksextremismus um vieles dümmer ist als der ostdeutsche Postkommunismus. Die einen greifen mit blutroten Fahnen noch immer Windmühlen an, wo es sich die anderen schon längst bequem gemacht haben. Natürlich finden sich solche Überzeugungen, wie gerade in Niedersachsen geäußert, auch bei nicht wenigen Linken im Osten. Allerdings hat man in den Parteigliederungen dort begriffen, dass solche Thesen, wenn überhaupt, mal am linken Stammtisch fallen dürfen - und nicht vor der Kamera.

Der Preis, die PDS und die Linkspartei in das politische System der Bundesrepublik zu integrieren, ist hoch. Die freiheitlich orientierte Sozialdemokratie musste da schon viele Kompromisse eingehen. Die Sprüche aus Niedersachsen zeigen, dass man den Post-Kommunisten zu wenig abverlangt hat, wenn sich Neo-Stalinisten bei ihnen einnisten durften. Der Geschichtsrevisionismus, der hier offen zur Debatte steht, ist jedenfalls kein Kavaliersdelikt.

Die Sätze über die tapfere Stasi, die reaktionäre Elemente zurückdrängt und die Mauer, die um eine sozialistische Wärmestube gebaut war, beleidigen nicht nur die Opfer des Stalinismus und des autoritären Sozialismus. Sie müssen auch jene Linken empören, die sich nach der Wende um eine ebenso schonungslose wie kritische Bilanz des deutschen Sozialismus bemüht haben. Gerade ihre Stimmen sind jetzt gefragt - sonst verliert das Projekt der "Linken" jegliche historische Autorität.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 263 Beiträge
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1. Vor die Tür setzen
freelance, 15.02.2008
Ganz einfach: rausschmeißen die Frau. Je schneller, umso besser.
2. Ich hoffe nur ....
Michael Giertz, 15.02.2008
Zitat von sysopDie revisionistischen Sprüche der niedersächsischen Linke-Abgeordneten über Stasi und Mauerbau sind kein Kavaliersdelikt - sie beleidigen die Opfer des autoritären Sozialismus.*Ein Eklat, der*Gysi und Lafontaine*die Wahlen zur Bürgerschaft in Hamburg verhageln dürfte.* http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,535503,00.html
... dass die Frau nicht für die Denkweise ihrer Partei steht, sondern sich wirklich nur einen üblen Patzer geleistet hat. Ansonsten - Gratulation: Mit SPD, CDU und der LINKEN sinds nun schon 3 Parteien, die man GAR nicht mehr wählen darf. Die FDP ist auch kritisch und die Grünen haben auch arg an Vertrauen verspielt ...
3. ...
Onkel Uwe, 15.02.2008
Es ist richtig, dass dies kein Kavaliersdelikt ist und die Frau aus dem Landtag verbannt gehört. Was mich jedoch wundert: Wo ist plötzlich der Vermerk hin verschwunden, dass sie gar kein Mitglied der Partei Die Linke ist? In vorherigen Berichten stand wenigstens noch da, dass sie zur DKP gehört. Übrigens auch ein Punkt, den ich kritisieren würde. Wenn ich eine Partei wähle möchte ich bitteschön auch deren Abgeordnete und keine Parteifremden. Hat wohl einen Grund, warum die nicht in der eigenen Partei den Weg in einen Landtag finden.
4. Unsinn
bernd_888, 15.02.2008
Unsinn, wer kriegt das denn schon mit ? Ausserdem: Deswegen wählen die Leute ja nicht die Linken.
5. Ganz gerührt
Reaktionär, 15.02.2008
"Die Landtagsabgeordnete der Linken hatte im ARD-Magazin "Panorama" die Wiedereinführung der Stasi zum Schutz gegen "reaktionäre Kräfte" gefordert ..." Man ist ja regelrecht gerührt bei derartig intensiver Feindesliebe ;))
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