Ausblick auf 2016 So wird das neue Jahr besser als das alte

Terror, Kriege, Flüchtlingskrise - so viel Durcheinander war selten. Folgt aufs Chaos-Jahr 2015 jetzt das Chaos-Jahr 2016? Die Antwort hängt mehr von Ihnen ab, als Sie denken.

Kanzlerin Merkel im Bundestag: "Can-do Nation"
AP/dpa

Kanzlerin Merkel im Bundestag: "Can-do Nation"

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Nicht mehr hier und noch nicht dort. So hängen wir jetzt zwischen den Jahren. Das alte Jahr, das noch nicht ganz weg ist, hat uns verunsichert. Kriege, Krisen, Katastrophen - wann hat es das zuletzt in diesem Ausmaß gegeben? Das neue Jahr, das noch nicht da ist, wird wahrscheinlich genau so weitermachen, wie das alte aufgehört hat: Krieg in Syrien, Konflikt mit Russland, Pegida-Menschen in Sachsen, Millionen auf der Flucht.

Ein mächtiges Durcheinander.

Nur: Wer hat eigentlich behauptet, dass es eine Art Verschnaufpause in Krisendingen geben könnte? Das gab es noch nie in der Geschichte. Die Illusion, das Chaos komplett beseitigen zu können, spielt letztlich immer nur den politischen Vereinfachern in die Hände.

Kein Wunder, dass diese Leute im Jahr 2015 zur Stelle waren - und es auch im kommenden sein werden. Wird die Welt als chaotisch, überkomplex und also bedrohlich wahrgenommen, haben jene Konjunktur, die das politische All-inclusive-Paket anbieten: Präsentation eines Schuldigen plus scheinbar simpler Problemlösung. So geben sich Islamphobie und Anti-Amerikanismus gleichermaßen ein Stelldichein auf Pegida-Demonstrationen, Verschwörungstheorien dringen bis in die politische Mitte vor, und mancher Deutsche hegt eine Sehnsucht nach dem starken Max vom Schlage Putin.

Man kann das Komplexitätsreduktion nennen. Oder Dummheit. Es ist jedenfalls menschliche Dummheit, und deshalb kann man auch etwas dagegen tun. Vielleicht schon im neuen Jahr.

Erstens: Wir sprechen oft allzu abstrakt von "westlichen Werten". Es braucht aber mehr konkrete, wahrnehmbare - auch emotionale - politische Schlussfolgerungen daraus. Beispiel Europa: Eigentlich Friedens- und Freiheitsprojekt, hat Brüssel heute eine reichlich technizistische Anmutung. Es ist der Ort, wo man Sparpolitik und Marktliberalismus mit Werten verwechselt. Das wohl größte Problem aller europäischen Gesellschaften aber ist die zunehmende Schere zwischen Arm und Reich. Diese mangelnde Gerechtigkeit lässt sich ganz konkret bekämpfen - zum Beispiel mit entsprechender Besteuerung und mehr Umverteilung. Heißt: Mehr konkretes Europa, bitte!

Zweitens: Wir müssen erkennen, dass früher auch nicht weniger Durcheinander war als heute. Beispiel Terrorismus: Den gab es auch in den Siebziger- und Achtzigerjahren, die uns im Rückblick aber als überaus friedlich erscheinen. Und: Der Kampf gegen die Islamisten wird dauern, möglicherweise das Leben einer ganzen Generation, ja. Aber es geht nicht um Untergang oder Überleben der westlichen Demokratien wie einst im Kampf gegen Hitlers Nazis. Die heutigen Terroristen können nicht siegen. Der Kabarettist Josef Hader hat gerade den sehr wahren Satz gesagt, er habe keine Angst vor dem Terrorismus, denn: "Man kann nicht vor etwas Angst haben, das einen ständig bedroht. Ich habe auch nicht Angst, einen Herzinfarkt zu erleiden." Heißt: Mehr Realitätssinn, bitte!

Drittens: Wir erleben in Deutschland die politische Radikalisierung einer Minderheit bei fortdauerndem Rückzug von Teilen der demokratisch gesinnten Mehrheit ins Private. Sogar der simpelsten Form der Beteiligung enthalten sich immer mehr Menschen: des Wählens. Gleichzeitig gibt es ein Vakuum, das Bedürfnis nach Sinnsuche ist ausgeprägt. Die Antwort aber kann nicht die Rückbesinnung aufs Christentum sein, sondern ein selbstbewusster Republikanismus - auch mit Blick auf die zu integrierenden Zuwanderer. Dass die Deutschen Engagement können, das zeigen übrigens Tausende Helfer in der Flüchtlingskrise. Zur neuen "Can-do Nation" hat die "New York Times" jüngst Deutschland schon geadelt. 2016 geht dann vielleicht auch noch mehr in Sachen demokratischer Beteiligung: Mehr Bürgersinn, bitte!

Viertens: Wir leben in einem alternden, ängstlichen Land. Im Straßenbild kleiner bis mittelgroßer deutscher Städte schlägt der Rollator das Skateboard. Je älter eine Gesellschaft ist, desto weniger Offenheit gibt es für Veränderung. Das ist nur logisch. Es liegt dann aber an der Politik, wie man mit dieser Situation umgeht: Spielen die Politiker auch noch die Angstmacher der Ängstlichen? Im vergangenen Jahr wurde ständig von den "Sorgen und Ängsten der Bürger" geredet - statt von Hoffnungen, Träumen, Chancen. Das muss sich ändern: Mehr Mut, bitte!

Politik also kann ordnen, Probleme lösen, Menschen helfen. Aber sie kann nicht die Geschichte beenden. Und wir? Können alle miteinander ein bisschen weniger Angst und ein bisschen mehr Optimismus zeigen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
dirk1962 27.12.2015
1. Es würde schon
...sehr viel helfen, wenn unsere Politiker es mal mit Fakten und Ehrlichkeit versuchen. Und zwar in allen Bereichen. Angefangen mit der Unterstützung der Türkei, die gerade Völkermord begeht, über einen Krieg an dem wir ohne jedes Konzept teilnehmen, weiter mit der Integration, ohne jeden Plan dahinter und zum Schlußfolgerung die Reduzierung der Flüchtlinge, die immer noch ungebremst ins Land kommen. Nichts von alledem kann oder will die Politik uns, dem Souverän erklæren. Also wie soll da wohl was besser werden?
ulrich g 27.12.2015
2. Mehr Realitätssinn
Stimme zu. Am besten fängt unsere Kanzlerin damit an und erkennt, dass sie in einer Gemeinschaft wie der EU nicht machen kann was sie will. Zur Realität gehört auch, dass Deutschland Dank Merkel zunehmend isoliert dasteht.
gossmann.michael 27.12.2015
3.
Mit der Chaos-Kanzlerin, die nur an ihrem Machterhalt interessiert ist, wird auch 2016 wieder ein Chaos-Jahr.
goethestrasse 27.12.2015
4. Ich bin dabei !
"fortdauerndem Rückzug von Teilen der demokratisch gesinnten Mehrheit ins Private". Ich zahle Steuer, ich habe mein Mandat politischen Parteien übertragen, ich halte mich an Gesetz und Ordnung und "liebe meinen Nächsten" wie mich selbst. - Da das alles nichts bringt. Ziehe ich mich zurück .
defy_you 27.12.2015
5. Naja...
Erstens: mehr Umverteilung in Europa?!? Die EU und der Euro sind die größte Umverteilung der Geschichte! Und Deutschland verteilt und verteilt... Noch mehr davon? Nicht Ihr Ernst. Mit welchem Ziel bitte? Zweitens: Terror gab es immer. Aber die Waffen von heute sind leider andere. Und religiöser Fanatismus mit dem Wille zur Aufgabe des eigenen Ichs ist leider unberechenbarer als der alte Terror. Und ein weiteres Problem ist die relativ große Akzeptanz der IS-Ideologie der Vernichtung aller Andersgläubigen in der islamischen Welt. Da wäre mir eine zweite RAF deutlich lieber... Drittens: Viele Deutsche fühlen sich einfach nicht mehr repräsentiert. Glaubt irgendjemand allen Ernstes, wir hätten die Einwanderer heute hier, wenn das Volk entschieden hätte?!? Dann wären die Grenzen dicht... Nicht wegen der Rechten, sondern wegen der Mitte! Viertens: Veränderung muss nichts Schlechtes sein. Skepsis vor ihr aber auch nicht. Die Politik hat die einfachen Menschen hierzulande sehr oft betrogen. Wenn die mit "Wir schaffen das" in Worte gegossene Planlosigkeit einen Staat regiert, dann muss einem Angst und Bange werden. Nur 10% der Einwanderer werden registiert. 55 Mrd. € Kosten pro Jahr. Plötzlich ist für all die Dinge angeblich Geld da, die der eigenen Bevölkerung immer mit Blick auf die Finanzen versagt wurden. Wenn es einen Plan gäbe, wäre das vielleicht leichter zu akzeptieren. Das könnte Mut machen. Nur hat Merkel leider keinen.
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