Kommentar Was Möllemann und Barschel gemeinsam hatten

Für Jürgen Möllemann war ein Leben ohne Politik nicht vorstellbar. Er war, wie viele Politiker, der Droge Macht erlegen. Wird die Droge entzogen, ist Selbstmord für viele Süchtige die logische Konsequenz.

Von Jürgen Leinemann


Politisch tot war Jürgen Möllemann bereits in der Nacht der Bundestagswahl. Während sich die FDP-Spitzen im Saal des Thomas-Dehler-Hauses demonstrativ um Guido Westerwelle scharten, verschwand der Münsteraner durch die Tiefgarage. Tags drauf forderte ihn der Parteichef auf, sein Amt als Bundesvize zurückzugeben.

Doch Möllemann wollte nicht aufgeben. Mit einer wirren Mischung aus Versteckspiel und Angriff versetzte er die FDP monatelang in Alarmbereitschaft. Mal flehte er öffentlich um Wiederaufnahme in seine "liberale Familie". Dann wieder streute er Gerüchte über eine geplante Spaltung der Partei. "Der Tag der Abrechnung", drohte er, "wird kommen".

Ein Leben ohne Politik war für Möllemann offenbar nicht vorstellbar. Zwar bedrängte ihn vor allem seine Frau, es "endlich bleiben zu lassen". Doch der fühlte sich nach eigenem Bekunden mehr und mehr "wie ein Tiger im Käfig".

Er betäubte sich mit Alkohol und Medikamenten. "Wenn Möllemann keine Politik macht", urteilte sein langjähriger Weggefährte Fritz Goergen, "geht er kaputt". Die Parallelen zum Ende Uwe Barschels sind unübersehbar. Auch der CDU-Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, der 1987 unter mysteriösen Umständen tot in der Badewanne eines Genfer Hotels gefunden worden war, endete als Opfer seiner geltungssüchtigen Betriebsamkeit und einer Machtgier, die die Grenzen der Wirklichkeit sprengte.

Barschel, 1944 geboren, galt als einer der kommenden Leute der Union. Dass er Bundeskanzler werden wollte, vielleicht sogar der erste Präsident der Vereinigten Staaten von Europa, hatte er schon als Schüler mitgeteilt. Als ihm die Macht in Kiel zu entgleiten drohte und er sich überdies nach einem Flugzeugunfall mit Psychopharmaka und Alkohol über die Runden zu retten versuchte, verlor er immer mehr den Kontakt zur Realität und verstrickte sich in Lügen und Hirngespinste. Bischof Ullrich Wilckens, der Vorsitzende der Nordelbischen Kirche, bezeichnete Barschel in seiner Trauerrede als ein Opfer der Machtsucht.

Dass Politik zur Sucht werden kann, bestätigt jeder, der länger dabei ist. Wer plötzlich hohe Ämter und Funktionen in Parlament, Regierung oder Partei einbüßt, leidet unter "Entzugserscheinungen". Alle klagen über den Verlust an regelmäßigen Kicks durch öffentlichen Beifall und interne Machtbefriedigung.

War Möllemann also ein Politik-Junkie? Konnte er den Entzug der Droge Macht nicht verkraften? Fehlten ihm öffentliche Anerkennung und Aufmerksamkeit als Aufputsch-Mittel? Es sind ja nicht die Drogen, die abhängig machen, sondern es ist ihre Wirkung. "Sucht", hat der Frankfurter Psychologe Werner Gross geschrieben, "ist eine Möglichkeit, dem Leben davon zu laufen, eine innere Leere auszufüllen". Suizid ist für viele Süchtige die letzte logische Konsequenz.



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