Kommentar Wer rettet die CDU?

Von Dieter Degler


Die Union ist paralysiert. Obwohl ihr der Untergang als Volkspartei droht und nur ein tiefer, schmerzhafter, aber befreiender Schnitt noch Hilfe verspricht, spielt sie weiter auf Halten. Ob Schäuble, Rühe oder Merkel - alle verschanzen sich hinter der Erklärung, man könne doch auch mal vergessen, ob man 100.000-Mark-Spender nur ein- oder mehrmals getroffen habe.

Der Paralogismus ist offenkundig: Jede Kleinigkeit wird für sich genommen und als erklärlich oder gar entschuldbar verteidigt, die Betrachtung im Zusammenhang ist nicht mehr möglich. Dass schwarze Kassen und Konten, Gesetzesbrüche und Ehrenworte, Erinnerungslücken und korrigierte Falschaussagen zusammengehören, wird nicht mehr erkannt.

Schäuble irrt, wenn er glaubt, ein zunächst verschwiegener Eintrag in seinem Terminkalender sei eine lässliche Petitesse. Der Mann wähnt sich noch immer an der Spitze der Aufklärung und merkt nicht, dass er zum Problem gehört statt zur Lösung.

Auch Volker Rühe, dem in Schleswig-Holstein eine schwere Niederlage droht, gelingt es nicht, jene Distanz zum Spendensumpf zu entwickeln, die ihn womöglich vor dem Scheitern bewahren könnte.

Und auch Angela Merkel, die von allen noch den relativ klügsten Kurs erkennt und verfolgt, bringt nicht die Kraft auf, ihre Partei aus der existenziellen Krise zu führen.

Warum Edmund Stoiber die Pannengarde der CDU weiter verteidigt, ist klar: Er weiß, dass kaum eine der handelnden Personen auf Dauer zu halten sein wird, und je tiefer die Schwesterpartei abstürzt, desto größer seine Chancen auf die nächste Kanzlerkandidatur.

Was hilft? Die CDU braucht einen harten, ja brutalen personellen Wechsel. Wer in der Ära Kohl der Macht zu nahe war, ist als Aufklärer und Erneuerer untauglich. Und wer die Union, so sie denn die schwerste ihrer Krisen übersteht, retten will, muss nun antreten.



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