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Debatte zum AfD-Wahlsieg: Nicht schön, aber ganz normal

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AfD-Wahlplakat: Sehnsucht nach klaren Regeln

Ewiggestrige Protestpartei, die sich von selbst entzaubern wird: So lautet das gängigste Urteil über die Alternative für Deutschland. Doch im internationalen Vergleich hat dem bundesdeutschen Parteienspektrum eine Partei wie die AfD gefehlt.

Wie sollen wir es halten mit der Alternative für Deutschland? Wie sollen wir umgehen mit ihren plötzlichen Wahlerfolgen, zuletzt in Thüringen und Brandenburg? Veit Medick plädiert auf SPIEGEL ONLINE für Entzauberung durch Einbindung: "Besserwisser enttarnt man am besten, indem man sie selbst mal richtig arbeiten lässt." Nikolaus Blome prognostiziert im SPIEGEL: "Die AfD bleibt eine kurzlebige Protestpartei. Es sei denn, die CDU macht alles falsch." Beide Kommentatoren sprechen der AfD ab, dass sie langfristig eine ernsthafte politische Alternative für einen nennenswerten Teil der Deutschen bilden könnte. Denn, so Veit Medick: "Diese Partei passt nicht ins Deutschland des 21. Jahrhunderts. Das muss ja wohl jedem klar sein, der halbwegs bei Sinnen ist."

Wirklich jedem?

Natürlich, niemand kann ausschließen, dass sich die AfD binnen kürzester Zeit selbst zerlegt, weil sie von Querulanten und Spinnern überrannt wird. Dieses Schicksal droht jeder neuen Partei. Doch im Unterschied zu vielen anderen Protestparteien spricht die AfD tatsächlich relevante gesellschaftliche Milieus an, die in den vergangenen Jahren keine politische Heimat (mehr) hatten. Zu diesen Milieus zählt der selbst ernannte Leistungsträger, dem die FDP-Sozialpolitik bereits zu verweichlicht erscheint. Dazu zählt der Handwerksmeister, der sich über immer neue Umweltauflagen für seinen Betrieb ärgert. Dazu zählt der Rentner, der mit Europa vor allem Kriminalität verbindet und mit dem Euro Inflation. Und schließlich zählt dazu die Hausfrau und Mutter, die ihr traditionelles Lebensmodell entwertet sieht, seit selbst CDU-Politiker von Gender Mainstreaming reden und beim Christopher Street Day das Grußwort halten.

Man muss die potenziellen AfD-Wähler nicht mögen. Aber es gibt sie, und sie sind viele. Die Sozialforscher des Sinus-Instituts schätzen, dass die Milieus der "Traditionellen" und der "Konservativ-Etablierten" gemeinsam knapp ein Viertel der deutschen Bevölkerung ausmachen. Eine Partei, die konsequent diese - und nur diese - Milieus anspricht, kann niemals Volkspartei werden. Aber sie kann es stabil über die Fünfprozenthürde schaffen. Und zwar auch ohne die Stimmen der versprengten Protestwähler, die vor allem in Ostdeutschland ihr Kreuzchen überall machen, wo "dagegen" draufsteht.

In vielen Staaten hat die Mischung aus gesellschaftspolitisch konservativen und wirtschaftspolitisch liberalen Positionen einen festen Platz in der Parteienlandschaft. Die britischen Tories funktionieren nach diesem Muster und die Republikaner in den USA. Dass solch eine ideologische Melange nun auch in der AfD eine Heimat findet, macht Deutschlands Parteienspektrum zwar nicht schöner - aber ein Stück normaler.

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Rickens ist Leiter des Wirtschaftsressorts bei SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Christian_Rickens@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 175 Beiträge
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    Seite 1    
1. recht vernünftig
Manollo 16.09.2014
Wohl einer der ersten unaufgeregten, sachlichen und fairen SPON-Kommentare zur AfD. Man sieht: mit etwas gutem Willen geht es ja.
2.
EmmaDiel 16.09.2014
Man könnte auch sagen: eine neue Partei, da ist Michel erst mal misstrauisch und stänkert. Man will ja Veränderung, und Reformen sind ja sooo gut, hört man ja immer. Aber es soll doch bitte alles so bleiben, wie es ist. Und da steht Mutti für, glaubt man. Die Sozen kann Michel inzwischen abhaken, und links wählt Michel schon gar nicht. Aus Prinzip. Auch wenn das inzwischen die einzigen sind, die das GG noch respektieren. Tja, da kommt halt schon mal was Neues raus, das so neu vielleicht gar nicht ist?
3. AFD ist ein Gespenst der Unfreiheit
hatschon 16.09.2014
Tut im leid aber wer ein Gehirn sein Eigentum nennt kann diese Leute nicht wählen . Kein Euro kein Europa Angst vor Migranten schwulen Lesben und alles was fremd ist : ist klar der Herr mit dem Schnäutzer wäre eine Alternative ! Nicht mit mir
4. Entspannung bei der Diskussion....
esegerer 16.09.2014
das finde ich gut
5. Gute Analyse,
halueth 16.09.2014
man fragt sich nur noch: Wen vertritt eigentlich die CDU?
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