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Merkels Auftritt vor der Presse: Die kohleske Kanzlerin

Ein Kommentar von

Euro-Krise, Muslime-Aufruhr, Energiewende - egal welches Problem sich auftut, ich habe es im Griff. Das ist die Botschaft, die Angela Merkel mit ihrem großen Auftritt vor der Presse unter das Wahlvolk bringen will. Selbstzweifel scheint diese Kanzlerin nicht mehr zu kennen. Das kann sich rächen.

AFP

Wer wissen will, wie der nächste Bundestagswahlkampf ablaufen wird, bekommt in diesen Tagen einen kleinen Vorgeschmack. Angela Merkel gibt sich bei ihrem Auftritt vor den Hauptstadtjournalisten in ihrer Lieblingsrolle, die ihr im nächsten Jahr die Wiederwahl sichern soll. Sie ist ganz Staatsfrau, sehr ernst, sachlich, pragmatisch. Den Wählern soll das wohlige Gefühl vermittelt werden, die Kanzlerin habe alle Probleme einigermaßen im Griff - vom Euro bis zum Aufstand gegen den Mohammed-Film in der Welt des Islam.

Zugleich ist ein neuer Zug an dieser Kanzlerin zu erkennen: Erstmals legt Merkel eine fast kohleske Selbstzufriedenheit an den Tag. Sie ist nicht arrogant, aber fühlt sich unangreifbar. Ihre Regierung habe viele Erfolge vorzuweisen, man werde alle anstehenden Probleme gut lösen, sagt sie. Zweifel, gar leise Kritik an ihrem Kurs wischt sie beiseite. Als die Journalisten sich einen kurzen Lacher erlauben, weil Merkel über ihre hohe Arbeitsbelastung spricht, blickt sie pikiert in die Runde. Majestätsbeleidigung wird an ihrem Hofe nicht geduldet.

Das Schöne für Angela Merkel ist: Sie kann sich tatsächlich in ihrer Rolle derzeit sicher fühlen. Sie steht im Zenit ihrer Macht; dass es bislang trotz Krise noch nicht zum großen Euro-Crash gekommen ist, wird ihr von der Bevölkerung hoch angerechnet. Sie wagt es sogar, von der Neuauflage der schwarz-gelben Koalition zu sprechen.

Das K-Chaos bei der SPD hilft

Ein innerparteilicher Konkurrent ist nicht in Sicht, ihre persönlichen Umfragewerte sind bombig, selbst der ewig nervende Horst Seehofer wird scheinbar handzahm. Die Opposition muss der Kanzlerin ohnehin keine Sorgen machen: Das Durcheinander bei der SPD rund um die K-Frage strebt mal wieder einem neuen Höhepunkt zu. Es gibt zwar drei Kandidaten (oder nur noch zwei?). Aber keiner der Anwärter hat auch nur den Ansatz eines Plans, wie Merkel eigentlich aus dem Amt vertrieben werden soll. Da spielt auch keine Rolle, dass Merkel womöglich die FDP als Koalitionspartner abhanden kommt. Sie setzt auf ein Ergebnis jenseits der 40 Prozent - gegen sie soll niemand regieren können. Und wenn es mit der FDP reicht, dann wäre das wohl allein ihr Verdienst.

Und doch hinterlässt diese neue Selbstzufriedenheit einen faden Beigeschmack. Früher oder später sind alle Kanzler abgehoben - Kritik an ihrem Kurs wurde als persönliche Beleidigung empfunden. Von ihnen selbst und von ihrer Umgebung. Der eigene Erfolg machte blind für Probleme, Risiken, notwendige Veränderungen.

Diese abgeschottete Welt ist mehr und mehr auch die Welt der Angela Merkel: Ihre Regierung und sie machen natürlich stets alles richtig, das ist die Lesart. Wenn etwas nicht so läuft in ihrem Zuständigkeitsbereich, dann werden dafür eben die Umstände verantwortlich gemacht - oder die Nachbarstaaten in Europa. Die Euro-Krise? Ist eben leider ein riesiges Projekt, das sich nicht über Nacht lösen lässt. Die Energiewende? Ist auch ein riesiges Projekt, klar geht das nicht so schnell. Die Altersarmut? Packen wir an, aber bitte Geduld.

Hochmut kommt vor dem Fall

Dabei ist die Wahrheit eine andere: Jenseits der Euro-Krise hat die Merkel-Regierung die Arbeit weitestgehend eingestellt. Etliche ihrer Minister beschränken ihre Amtstätigkeit weitestgehend auf das Verlesen von Grußworten. Die Energiewende wird viel zu langsam in Angriff genommen, Wirtschaftsministerium und Umweltministerium leisten sich haarsträubende Kompetenzgerangel. Es gibt keinerlei Idee, was zu tun ist, wenn auch hierzulande die Wirtschaft in den Sog der Euro-Krise gerät. Die lautstark versprochene Aufklärung der NSU-Morde wird von Merkels Behördenapparat mit verschleppt. Und, und, und.

Hochmut kommt vor dem Fall, lautet ein schönes altes Sprichwort, und es lässt sich auch gut auf die Politik übertragen. Wenn Kanzler sich ihrer eigenen Sache zu sicher waren, markierte dies meist den Beginn ihres Niedergangs. Das ging Helmut Schmidt so, aber auch Helmut Kohl und Gerhard Schröder. Angela Merkel ist noch nicht so weit. Aber es wird der Moment kommen, in dem die Bürger fragen: Für welche Idee, für welches Projekt sollen wir sie eigentlich wiederwählen? Und dann sollte sie einige konkrete Antworten parat haben.

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1. Die Fragen sind wichtiger.
hartungp 17.09.2012
Zitat von sysopAFPEuro-Krise, Araber-Aufruhr, Energiewende - egal welches Problem sich auftut, ich habe es im Griff. Das ist die Botschaft, die Angela Merkel mit ihrem großen Auftritt vor der Presse unter das Wahlvolk bringen will. Selbstzweifel scheint diese Kanzlerin nicht mehr zu kennen. Das kann sich rächen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,856255,00.html
Wichtiger als die Antworten der wurschtigen Kanzlerin sind die vielen Fragen der internationalen Presse. Sie zeigen, wo es in der Welt, in Europa und in Deutschland brennt. Die Kanzlerin spielt dabei nur eine Nebenrolle.
2. weniger ist mehr
Eutighofer 17.09.2012
" Für welche Idee, für welches Projekt sollen wir sie eigentlich wiederwählen?" Hoffentlich für kein "Projekt", die meisten Projekte (Hauptstadtflughafen, Solarförderung, E-10 Sprit, Gemeinschaftsschule) kosten viel Steuerzahlergeld und bringen nichts. Weniger ist manchmal mehr.
3. Selbstherrlichkeit.
wutz53 17.09.2012
Ich habe diese PK mitangesehen,das teilweise Kopfschütteln und Grinsen der Fragesteller.Da schien jemand an Realitätsverlust zu leiden.In Deutschland hast du nur soviel Macht wie die Medien dir zugestehen.Das ist im Moment der einzige Vorteil den die Christlich Demente Union geniest.
4. Selbst unsere Kanzlerin wird Selbstzweifel haben
derandersdenkende 17.09.2012
Zitat von sysopAFPEuro-Krise, Araber-Aufruhr, Energiewende - egal welches Problem sich auftut, ich habe es im Griff. Das ist die Botschaft, die Angela Merkel mit ihrem großen Auftritt vor der Presse unter das Wahlvolk bringen will. Selbstzweifel scheint diese Kanzlerin nicht mehr zu kennen. Das kann sich rächen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,856255,00.html
Aber muß Sie diese deshalb täglich zur Schau tragen? Diesen Part hat die Troika übernommen. Die SPD stellt sich jammervoll dar, wo soll da anderes als Selbstzweifel herkommen? Gut, da wäre noch die Selbstüberschätzung, aber besser wär diese auch nicht zu beurteilen.
5.
Semmelbroesel 17.09.2012
Zitat von sysopAFPEuro-Krise, Araber-Aufruhr, Energiewende - egal welches Problem sich auftut, ich habe es im Griff. Das ist die Botschaft, die Angela Merkel mit ihrem großen Auftritt vor der Presse unter das Wahlvolk bringen will. Selbstzweifel scheint diese Kanzlerin nicht mehr zu kennen. Das kann sich rächen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,856255,00.html
Ich rechne Frau Merkel gar nicht hoch an...weder ihr noch der schwarz-gelben Koalition...und der angeblich kommenden schwarz-roten schon gleich gar nicht. So, jetzt gehts mir besser :-)
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