Anschlag auf "Charlie Hebdo" Warum Blasphemie dazugehört

Der Anschlag auf "Charlie Hebdo" zeigt, wie gefährlich es ist, sich über Religion lustig zu machen - selbst in Europa. Umso skandalöser, dass Gotteslästerung in Deutschland noch immer unter Strafe steht.

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"Charlie Hebdo"-Cover: "Die wahre Geschichte des kleinen Jesus"
Charlie Hebdo

"Charlie Hebdo"-Cover: "Die wahre Geschichte des kleinen Jesus"


Die "Charlie Hebdo"-Karikaturisten Cabu, Tignous, Charb und Wolinski haben für ihre satirischen Zeichnungen jahrelang ernst zu nehmende Todesdrohungen erhalten - und trotzdem weitergemacht. Sie haben im Namen der Meinungsfreiheit ihr Leben riskiert. Jetzt wurden sie von religiösen Fanatikern umgebracht, gemeinsam mit acht weiteren Menschen.

Wenn diese Tragödie eines zeigt, dann dieses: Eine freiheitliche Demokratie braucht Blasphemie. Denn Blasphemie stellt Dogmen infrage. Und Dogmen - seien es religiöse oder politische - sind mit ihrem absoluten Wahrheitsanspruch der natürliche Feind des kritischen Denkens.

Zur Erinnerung: Wenn von westlichen Werten die Rede ist, spielen sich die christlichen Kirchen gern als deren Geburtshelfer auf. Doch das Gegenteil ist der Fall. Jene Werte der Aufklärung, auf die sich auch Deutsche heute gern berufen - Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung - wurden nicht von den Kirchen, sondern meist gegen sie durchgesetzt.

Das zentrale Merkmal der Aufklärung ist, alles hinterfragen zu dürfen. Das Licht der Vernunft soll in jeden Winkel scheinen, um Unterdrückung, Aberglaube, Intoleranz und Vorurteile zu überwinden. Und das stört all jene, die manche Bereiche lieber im Dunkeln lassen wollen.

Eines der meistbenutzten Instrumente dieser Dogmen-Verteidiger ist das religiöse Gefühl. Wer den Schutz religiöser Gefühle für sich markiert, erhebt seine persönliche Weltanschauung über den kritischen Diskurs, er erklärt Teile seines Glaubenssystems für heilig, ihr Hinterfragen zum Affront. "Das verletzt meine religiösen Gefühle" ist ein Satz, der jede Debatte beenden kann.

Die Karikaturisten von "Charlie Hebdo" ließen sich davon nicht beirren. Sie haben nicht nur den Islam durch den Kakao gezogen ("Mohammed: 100 Hiebe, wenn du nicht vor Lachen stirbst!"). Auch Christen ("Die wahre Geschichte des kleinen Jesus"), Juden ("1000 weitere Wohnungen in den Kolonien bei Jerusalem") und Diktatoren wie Nordkoreas Kim Jong Un ("Sony küsst den fetten Hintern von Pjöngjangs großem Trottel und Killer") bekamen ihr Fett weg. Ihren Mut haben die Satiriker nun mit dem Leben bezahlt.

Vor diesem Hintergrund ist es ein Skandal, dass Religionen und andere Weltanschauungen in Deutschland noch immer gesetzlichen Schutz vor allzu harter Kritik genießen. In Paragraf 166 des Strafgesetzbuchs heißt es:

"Wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft."

Der Anschlag auf "Charlie Hebdo" verdeutlicht, wie absurd diese Argumentation ist: Ihr zufolge müssten in Deutschland nicht nur die mordenden Fanatiker, sondern auch die Karikaturisten bestraft werden.

Der Staat macht sich mit solchen Gesetzen zum Unterstützer der Feinde des offenen Diskurses. Vertreter jedweder Ideologie, ob politisch oder religiös, müssen es schlicht ertragen können, dass ihre Weltanschauung hinterfragt, kritisiert und, ja, auch lächerlich gemacht wird.

Manche sehen darin einen Verfall der westlichen Kultur. Doch sie irren. Satire wie die der "Charlie Hebdo"-Macher zeigt, dass die westliche Kultur das Mittelalter überwunden hat. Dass sie in ihren besten Momenten keine Furcht vor jenen kennt, die Kritik an ihrer Weltanschauung unterdrücken wollen.

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Markus Becker ist Ressortleiter Wissenschaft bei SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Markus_Becker@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Niederbayer 09.01.2015
1. Blasphemie?
Wer entscheidet eigentlich was Blasphemie ist? Wer entscheidet was eine Religion ist? Gibt es da eine amtliche Kommission, die das beurteilt? Für einige Zeitgenossen ist zum Beispiel Schalke 04 Religion und die Spieler mindestens Halbgötter. Ist es dann Blasphemie zu behaupten, das Schalke 04 Mist ist? Ich persönlich verehre den Osterhasen. Und wer jetzt lästert, den zeige ich an...
Mannheimer011 09.01.2015
2. Wenn Diskurs so wichtig ist
warum wird dann auf politische Korrektheit so viel Wert gelegt?
reviloland 09.01.2015
3. Religion und Menschenrechte
Danke für diesen wichtigen Beitrag. Auch wenn die Kirchen sich gerne auf die Gottesebenbildlichkeit des Menschen als die Grundlage für die Würde des Menschen berufen: in der Praxis wurden die Menschrechte immer gegen die Kirche erkämpft. Die Aufklärung und der säkulare Staat sind die Grundlage der Freiheit. Diese Errungenschaften gilt es zu verteidigen.
merkur08 09.01.2015
4. Meinungsfreiheit wird auch bei uns bestraft, wenn es zur Beleidigung ausartet
Und das ist richtig so. Irgendwo gibt es Grenzen. Was allerdings nicht den Vorwand fuer Mord liefern kann. Aber auch die Presse- oder Meinungsfreiheit muss sich an Regeln halten. Uebrigens basiert unser Rechts- und Wertesystem wirklich auf der christlichen lehre bez den 10 Geboten. Sogar der Sozialismus konnte sich nur aus dem Christentum entwickeln. Mit ein Grund warum er sonst in der restlichen Welt grandios scheiterte oder pervertiert wird.
georg schwarz 09.01.2015
5. Religiöser Fanatismus
Sehr geehrter Herr Becker, für Ihren Kommentar sei Ihnen gedankt. Die Morde von Paris waren eine Gewalttat religiöser Intoleranz, daran gibt es nichts zum Zweifeln. Die Verfechter des Christentums sind im Mittelalter auch über tausende von Leichen gegangen, um Ihre Religion zu Dominanz zu verhelfen. Der Gotteswahn gipfelte und gipfelt in allen monotheistischen Religionen zu solchen Gewalttaten. Religion, wenn sie denn sein muß, ist in säkulären Staaten absolute Privatsache und jede Kritik an ihr auch und durch die Meinungsfreiheit geischert. Leider verletzt Deutschland mit seinen staatlich gestützten Kirchen die vom Grundgesetz geforderte Religionsfreiheit. Viele Landesverfassungen haben einen dagegen verstoßenden Gottesbezug und einige soger Blasphemieverbote in ihren Gesetzen. Die dunkle Nacht des Mittelalters senkt sich also auch immer noch über Mitteleuropa.
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