Flüchtlingsdrama Deutschlands Flucht vor der Wahrheit

Wer ist eigentlich schuld am Flüchtlingschaos? Die Kanzlerin, die Politik, klar. Aber es gibt noch weitere Verantwortliche. Und die sind wir selbst.

Flüchtlingskind in Berlin: Deutschland verschließt die Augen
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Flüchtlingskind in Berlin: Deutschland verschließt die Augen

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Wenn es darum geht, Schuldige für die aktuellen Flüchtlingsprobleme zu finden, sind wir Deutschen ziemlich gut.

Auf Platz eins stehen die EU, die Kanzlerin, die anderen Politiker: logo. Sie kümmern sich nicht genug um das Thema, zeigen keine Empathie. Sind überfordert, chaotisch. Sie unternehmen zu wenig gegen rechts. Zum Beispiel in Heidenau. Richtig.

Platz zwei: die anderen Europäer. Ungarn, Italiener, Serben, Griechen. Sie lotsen den Zug der Flüchtlinge immer gleich zu uns, statt sich selbst zu kümmern. Ist ja klar.

Platz drei: Schleuser, Kriminelle, die an dem Flüchtlingstreck gut verdienen. Auch richtig.

Eine Gruppe aber fehlt in der Auflistung. Wir selbst, die große Mehrheit der deutschen Wähler.

Wir sind mitschuld, weil wir uns am liebsten aus allen Problemen dieser Welt heraushalten. Nun kommen die Probleme zu uns in Gestalt von armen und verzweifelten Menschen, die zurecht unseren Schutz verdienen.

Deutschland ist nicht verantwortlich für die Kriege und Krisen auf der Welt, die Menschen dazu veranlassen, zu uns zu fliehen. Aber wir tragen Verantwortung dafür, dass so wenig dagegen unternommen wird. Nun bekommen wir die Quittung.

Beispiel Balkan: Die Bundeswehr beteiligt sich zwar an der Sicherung des Friedens im Kosovo. Aber wenn es darum geht, Serbien, Mazedonien, Albanien in die EU aufzunehmen, bekommen viele Deutsche Schnappatmung. Entsprechend zögerlich agieren unsere Politiker. Dabei ist das der einzige Weg, in diesen Ländern jene Stabilität herzustellen, die notwendig ist, um Armutsflucht zu verhindern.

Beispiel Syrien: Wir haben keine wirkliche Strategie im Kampf gegen den Diktator Assad oder gegen den IS. Die Amerikaner tun wenigstens etwas: Sie bombardieren die Terroristen aus der Luft. Und wir Deutschen? Wir schicken ein paar alte Gewehre an die Peschmerga. Das war's. Mehr trauen wir uns nicht, mehr wollen wir nicht vor Ort unternehmen. Wir wollen auch nicht mit Assad verhandeln. Wir wollen einfach unsere Ruhe.

Beispiel Libyen: Das Land ist uns Wählern wurscht. Dabei ist Libyen längst ein weiterer "failed state" vor unserer Haustür. Von dort kommen die meisten Flüchtlingsboote mit Afrikanern über das Mittelmeer. Es gibt keinerlei staatliche Instanz, die dies verhindern könnte - weil wir das Land nach Gaddafis Tod sich selbst überlassen haben. EU und Deutschland versuchen, die Probleme mit Diplomatie zu lösen. Das ist lobenswert, aber ganz offenkundig reicht es nicht. Eine Debatte über militärische Optionen ist für uns tabu. Warum eigentlich?

Beispiel Afghanistan: Jahrelang hat sich die Bundeswehr dort für die Sicherheit engagiert, doch die Zustimmung in der deutschen Bevölkerung war gering. Die Folge: Die Bundeswehr zieht sich wie andere westliche Staaten mehr und mehr zurück - die Taliban sind wieder auf dem Vormarsch.

Die Liste ließe sich beinahe endlos fortsetzen. Natürlich kann Europa oder ein Land wie Deutschland nicht alle Probleme dieser Welt lösen. Aber wir können nicht über das Flüchtlingschaos stöhnen und gleichzeitig die Augen vor den Problemen der Welt verschließen. Wir können nicht auf die hilflosen Politiker schimpfen, sie aber gleichzeitig davon abhalten, die Probleme in den Krisenländern vor Ort mit massivem finanziellen und politischem (sowie zur Not auch militärischem) Einsatz anzugehen. Deutschland und die anderen Länder Europas müssen ihre Einstellung grundlegend ändern. Wir müssen da draußen mehr tun.

Zum Autor
Roland Nelles ist Ressortleiter Politik und Leiter des Berliner Büros sowie Mitglied der Chefredaktion von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Roland_Nelles@spiegel.de

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