NSA-Abhörskandal: Die zwei Gesichter der Angela M.

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Kanzlerin Merkel: Respekt für die Finte

Im Parteienstreit um die NSA gibt Kanzlerin Angela Merkel die Unschuld vom Lande. Tatsächlich erlaubt aber gerade dieser Fall einen tiefen Einblick in ihren ausgeklügelten Politikstil.

Was macht eigentlich Angela Merkel? Urlaub in der Natur, ach, stimmt ja. Es gab ja diese schönen Bilder, auf denen sie durch die Berge kraxelt. Und in der nächsten Woche erwartet sie ein herrliches Wahlkampfprogramm. An einer Berliner Schule will unsere Kanzlerin eine "Geschichtsstunde über die Einheit" halten, wie schön. Dem Volk zeigt sie sich am Mittwoch bei ihrer großen Wahlkampfkundgebung in Helmut Kohls Heimatstadt Ludwigshafen, auch nett.

Wie schon in den vergangenen Jahren will sie sich als Kanzlerin aller Deutschen präsentieren, als Mutter der Nation, die über den Parteien steht und dem ewigen, scheinbar kleinlichen Gezänk. Nichts soll den Plan der Kanzlerin stören. Ihre Botschaft lautet: Ich bin die Gute.

Knallhart, abgebrüht, kalkulierend

Doch die Kanzlerin hat noch ein zweites Gesicht: Diese Angela Merkel ist knallhart, abgebrüht, kalkulierend. So ist sie weit gekommen. Jetzt gerade erleben wir einen jener seltenen Momente, in denen diese andere Seite der Angela Merkel aufblitzt.

Die Attacke des stellvertretenden Regierungssprechers gegen Frank-Walter Steinmeier, er habe im Grunde die Zusammenarbeit des BND mit der NSA beschlossen, ist ein brutaler Stoß, gezielt gesetzt, ein Wirkungstreffer. Ausgeführt wird er nicht von der Kanzlerin selbst, sondern von einem ihrer Büchsenspanner. Nur Naivlinge würden annehmen, das sei nicht mit ihr abgesprochen.

Die SPD erscheint plötzlich als eine Truppe von Heuchlern, die sich über Dinge erregen, die sie selbst verbockt haben. Das konservative Lager jubelt, allen voran die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Sie sieht die NSA-Affäre quasi bereits als "übles Stück politischer Hysterie" demaskiert.

An der Sache selbst ändert sich dadurch allerdings rein gar nichts. Dass die SPD zur Zeit von Gerhard Schröder Geheimdienstarbeit unterstützt hat, ist längst bekannt. Die Vorwürfe, dass die NSA - mit oder ohne Wissen deutscher Stellen - massenhaft Daten deutscher Bürger absaugt, stehen weiter im Raum. Über die Hintergründe der Spitzelsysteme Prism und Tempora erfährt die Öffentlichkeit so gut wie nichts von offizieller Seite. Und wie glaubwürdig ist es, dass der BND aus Millionen von Daten brav und effektiv alle Deutschen herausfiltert, bevor er sie an die Amerikaner weitergibt?

Respekt für diese Finte

Aber Respekt für diese Finte. Ganz klar: Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt. So geht Wahlkampf à la Merkel: Ihr Vorgänger Schröder hätte wahrscheinlich selbst noch in den politischen Misthaufen gelangt und wäre über den Gegner hergefallen. Das ist nicht Merkels Stil. Sie macht sich die Hände nicht schmutzig. Zumindest nicht sichtbar.

Jeder, der sich mit Merkel angelegt und verloren hat, weiß um die Doppelgesichtigkeit dieser Kanzlerin. Die Liste der Gescheiterten ist lang: Edmund Stoiber, Roland Koch, Norbert Röttgen, Friedrich Merz. Die kennen das.

Die Grausamkeiten des Politikbetriebs wirken auf das Publikum anziehend und abschreckend zugleich. Die meisten Menschen wollen keine Regierungschefin, die unentwegt in politischen Schlammschlachten steht. Sie soll sich im entscheidenden Moment durchsetzen können. In Europa, in Deutschland, in ihrer Regierung. Aber wie das genau geht, will man lieber nicht wissen. Merkel bedient dieses Gefühl perfekt.

Wenn man auf der Suche nach ihrem Erfolgsgeheimnis ist: Da ist es.

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insgesamt 467 Beiträge
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1.
neu_ab 09.08.2013
Tja, aber genau so ist es doch auch. Oder was sonst will uns der Autor suggerieren?
2. und wieder nur ein Artikel...
domiandom 09.08.2013
im allgemeinen Wahlkampfgetöse, mit dem Ziel den politischen Gegner möglichst effektiv zu defamieren. Wo bleibt die kritische Auseinandersetzung mit den wahren Verantwortlichen für die Ausspähung in Deutschland (siehe Steinmeier).
3. Sie ist einfach überfordert , aber sie will es nicht zugeben
mercadante 09.08.2013
weil sonst wurde das schöne Ding was ihr im Schoss gefallen ist , verlieren , das schöne Ding ist " die Macht " sie hat Gefallen daran gefunden .
4. Angelas Tauchstation
belohorizonte 09.08.2013
mag in der Innenpoltiik mit erfolgreichen Taktiergehabe hier und da Wirkung zeigen, in ca zwei Jahren spätestens muss Sie ihre Büttenrede zur europ. Finanzkrise halten. mal sehen , was ihr dann einfaellt. Dann muss Sie die Zwangsmassnahmen verkaufen, oder setzt Sie erneut ihren Finanzhansel ein ? Ob dann Stoiber`s "äh" sich aneinanderreihen ?
5. Sehe ich hundert Prozent genauso
chagall1985 09.08.2013
Zitat von sysopIm Parteien-Streit um die NSA gibt Kanzlerin Angela Merkel die Unschuld vom Lande. Tatsächlich erlaubt aber gerade dieser Fall einen tiefen Einblick in ihren ausgeklügelten Politikstil. Kommentar zu Merkel und der NSA-Affäre: Angelas zwei Gesichter - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/kommentar-zu-merkel-und-der-nsa-affaere-angelas-zwei-gesichter-a-915695.html)
Genau so ist es. Merkel hat und hatte immer Leute die mit üblen Tricks und Wadenbeißertaktik zurückgeschlagen haben. Merkel kämpft nicht! Merkel lässt sich auf keine Debatte oder Überzeugung ein. Merkel schickt Wadenbeißer und Debatteure. Verlieren Sie weiß sie nichts davon oder weißt sie staatsmännisch in Ihre Grenzen. Gewinnen Sie übernimmt Merkel die Verantwortung dafür. Ich kann schon verstehen, dass die Opposition echte Schwierigkeiten mit der FRau hat. Wie will man sie angreifen? Was tut sie denn?
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