Debatte über ADAC-Manipulation Seehofers Ablenkungsmanöver

CSU-Chef Seehofer macht sich mit Pathos und doppelter Absicht über den ADAC her: Zum einen ist ein wichtiger Gegner der Maut geschwächt - und gleichzeitig kann er vom Skandal über den "kleinen Doktor" seines Generalsekretärs ablenken.

CSU-Chef Seehofer mit Generalsekretär Scheuer: Groteske Posse um den Zwergendoktor
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CSU-Chef Seehofer mit Generalsekretär Scheuer: Groteske Posse um den Zwergendoktor

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Nein, das weiß man ja: Bescheidenheit gehört nicht zu Horst Seehofers hervorstechenden Charaktereigenschaften. Kaum ist bekannt, dass der ADAC die Zahlen bei der Vergabe des hauseigenen Autopreises manipuliert hat, meldet sich der CSU-Chef mit markigen Worten. Ihn, Seehofer, überraschten die Eingeständnisse des Automobilclubs überhaupt nicht. Er habe sich auch schon bei anderer Gelegenheit gefragt, wie der ADAC sonst so zu seinen Expertisen komme. Bei der Maut zum Beispiel, wo die Autofahrerlobbyisten die Forderung der CSU nach einer Abgabe für Ausländer immer wieder torpediert hatten, da sei er schon ins Grübeln gekommen.

Die ADAC-Affäre kommt wie gerufen für die CSU und ihren Chef. Nicht nur, weil einer der mächtigsten Gegner der sogenannten Ausländermaut auf einmal nicht mehr ganz so makellos dasteht. Ein altehrenwerter Club, der mit 19 Millionen Mitgliedern und einer vollen Kampfkasse Stimmung gegen die Maut macht, ist ein ernstzunehmender Gegner. Ein ADAC, der die Zahlen bei der eigenen Preisverleihung manipuliert, nicht. Für Seehofers Verkehrsminister Alexander Dobrindt ist es viel einfacher geworden, aus dem Wahlkampfschlager der CSU ein Gesetz zu machen.

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Posse um den "kleinen Doktor"

Vor allem aber kann Seehofer mit seiner Kritik an der Mauschelei beim ADAC von dem köchelnden Skandal in den eigenen Reihen ablenken. CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer wurde in den vergangenen Tagen von Jahre alten Vorwürfe eingeholt, er trage seinen Doktortitel in Bayern nicht zu Recht. Dazu kommt, dass er beim Erwerb des sogenannten kleinen Doktors in Prag auch noch abgeschrieben haben soll.

Ob das stimmt oder nicht, ist eigentlich auch schon egal - mit der grotesken Posse um den Zwergendoktor, den Seehofer zum obersten Parteimanager berufen hat, gibt sich die CSU der Lächerlichkeit preis. Mit ihren titelgierigen Karrieristen von Ex-Parteistar Guttenberg bis zu Scheuer wirken die Christsozialen wie eine Truppe von Provinzlern und nicht wie eine Partei, deren Wort in Berlin Gewicht hat.

Seehofer wirft sich in die Pose des Chefanklägers

Vielleicht sollten die bibelfesten Christsozialen mal in der Bergpredigt nachlesen. "Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?", heißt es da.

Der CSU-Chef wirft sich in die Pose des Chefanklägers gegen den ADAC, dabei hätte er in den eigenen Reihen genug zu tun. "Alles auf den Tisch, Transparenz, und nach Möglichkeit eine unabhängige, objektive Prüfung", fordert Seehofer in Richtung ADAC. Doch einen Ruf nach Aufklärung in der Causa Scheuer hat man von Seehofer bislang nicht vernommen. Im Gegenteil: Am vergangenen Freitag und an diesem Montag erneut im Parteivorstand in München stellte sich Seehofer hinter seinen General.

Was bleibt ihm auch übrig? Im Gegensatz zu anderen Parteien wählt die CSU ihren Generalsekretär nicht auf einem Parteitag. Der oberste Parteimanager wird vom CSU-Chef allein bestimmt. Eine richtige Affäre Scheuer wäre daher auch gleich eine Affäre Seehofer. "Jetzt warten wir ab", sagt er zu Scheuer nur und meint damit die Prüfung der Uni in Prag.

Wie gut also, dass man jetzt auf den ADAC draufhauen kann. Wie sagte heute Morgen der neue Verkehrsminister und Mautfreund Alexander Dobrindt: Er wünsche sich von den großen Verbänden "manchmal etwas mehr Bescheidenheit im Auftreten". Dobrindt meinte natürlich den ADAC und andere breitschultrige Lobbyisten. Er hätte es besser auch an die Adresse seines Chefs gesagt.

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Seite 1
wallabi 20.01.2014
1. Was
soll das, Spon? Aufgrund ihrer Überschrift könnte man meinen, dass Seehofer den ADAC-Skandal extra inszeniert und dann auf die Tagesordnung gebracht hat. Ich jedoch glaube, dass der ADAC-Skandal ohne Zutun Seehofers entstanden ist und er sich auch ohne "Scheuer" und "Maut" so geäußert hätte!
mercadante 20.01.2014
2. Wie kontert jetzt der Gelbe Engel ?
Vielleicht mit der Drohung der Hauptsitz irgendwoanders zu verlegen ? Was für ein Geschenk ist Europa für Bayern , speziell München , ein Geschenk ohne Nebenwirkungen .
fuenfringe 20.01.2014
3. Klar Wallabi
Zitat von wallabisoll das, Spon? Aufgrund ihrer Überschrift könnte man meinen, dass Seehofer den ADAC-Skandal extra inszeniert und dann auf die Tagesordnung gebracht hat. Ich jedoch glaube, dass der ADAC-Skandal ohne Zutun Seehofers entstanden ist und er sich auch ohne "Scheuer" und "Maut" so geäußert hätte!
Natürlich ist der ADAC-Skandal nicht auf Seehofers Initiative zurück zu führen. (Was ist das schon?) Aber klar ist auch, dass er den Skandal so benutzen will. Und Scheuer... der Mann ist eigentlich durch. "Wer betrügt, fliegt" und so. Aber hier gilt natürlich Hottes Spruch nicht. Geht ja um einen Amigo.
fuenfringe 20.01.2014
4. Selbstkritik
Zitat von sysopDPACSU-Chef Seehofer macht sich mit Pathos und doppelter Absicht über den ADAC her: Zum einen ist ein wichtiger Gegner der Maut geschwächt - und gleichzeitig kann er vom Skandal über den "kleinen Doktor" seines Generalsekretärs ablenken. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/kommentar-zu-seehofers-kritik-an-adac-manipulationen-a-944525.html
ist bei der CSU nicht in den Genen. Da gibt's nur Watschen für die anderen und Ablenken vom eigenen Mist. Aber Scheuer - den wollen wir so wenig vergessen wie sein Vorbild Karl Theodor.
adal_ 20.01.2014
5.
Zitat von wallabisoll das, Spon? Aufgrund ihrer Überschrift könnte man meinen, dass Seehofer den ADAC-Skandal extra inszeniert und dann auf die Tagesordnung gebracht hat. Ich jedoch glaube, dass der ADAC-Skandal ohne Zutun Seehofers entstanden ist und er sich auch ohne "Scheuer" und "Maut" so geäußert hätte!
Was hat der ADAC-Skandal mit der CSU zu tun? Eigentlich nüscht. Aber seit "Gott" Seehofer seine Schadenfreude über den tiefen Fall des ehrwürdigen Vereins zu Protokoll gegeben hat, eine ganze Menge. :-)
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