Kind und Job Väter, ihr seid ne Macht

Immer wieder beklagen Männer, sie hätten nicht genug Zeit für ihre Kinder - aber nach wie vor arbeitet nur ein Bruchteil in Teilzeit. Väter müssen mutiger werden.

Vater mit Baby: Viele wünschen sich mehr Zeit für ihre Kinder
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Vater mit Baby: Viele wünschen sich mehr Zeit für ihre Kinder

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Sie würden ja so gern, aber irgendwie geht es nicht. Seit Jahren zeigen Untersuchungen immer die gleiche Tendenz: Väter sehnen sich danach, weniger zu arbeiten, aber in der Realität tut das immer noch nur ein Bruchteil. Im Gegenteil: Nach der Geburt sind laut einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung Väter sogar mehr Wochenstunden im Job als ihre kinderlosen Kollegen.

Aber sind Väter wirklich bereit, von der Arbeit zur Kita oder Schule zu hetzen, Windeln zu wechseln, Essen zu kochen, Hausaufgaben zu betreuen? Denn mal ehrlich: Wer kleine Kinder hat, dem kommt es im Büro oft vor wie auf Kur. Sich in Ruhe einen Kaffee einschenken, einen Gedanken zu Ende denken - zu Hause ist das fast unmöglich.

Aber wenn der Wunsch der Väter ernst gemeint sein sollte und mehr ist als eine erwünschte Antwort - warum verwirklichen sie ihn dann nicht?

Vor allem haben Väter nach eigenen Angaben Angst. In einer neuen Studie nannten die meisten als Gründe dafür, warum sie keine Elternzeit genommen haben, obwohl sie eigentlich gewollt hätten: Furcht vor Einkommensverlusten, vor Nachteilen im Beruf und vor Problemen bei der Organisation im Betrieb.

Manche Chefs müssen umerzogen werden

Das ist verständlich - aber keine Ausrede. Wer weniger Zeit im Job verbringen will und mehr Zeit mit der Familie, der muss eben bereit sein, dafür einen Preis zu bezahlen.

Für Mütter gilt das seit Langem. Ja, es ist manchmal unangenehm, früher zu gehen und die Arbeit nicht ganz geschafft zu haben. Zwölf Monate Elternzeit zu nehmen, wenn man weiß, dass das zu Organisationchaos im Betrieb führt. Geld und Verantwortung im Job geht auch verloren. Da muss man durch, die Kollegen und die Chefs auch. Dafür erlebt man seine Kinder mehr.

Natürlich gibt es auch viele reale Hindernisse: uneinsichtige Chefs, die finden, Väter müssten rund um die Uhr für sie zur Verfügung stehen, Personaler, die geistig in den Fünfzigerjahren steckengeblieben sind. Aber kampflos fügen muss man sich diesen Leuten nicht. Viele Väter zusammen sind eine Macht - und manche Chefs müssen eben auch umerzogen werden. Sie müssen lernen: Ein gesetzlich verankertes Recht auf bis zu drei Jahre Elternzeit und währenddessen Teilzeitarbeit haben auch Väter.

Mütter müssen loslassen

Ein Vater berichtet in der neuen Studie, dass es ihm beim zweiten Kind leichter gefallen sei, eine Auszeit zu nehmen, weil in seinem Betrieb inzwischen "jeder" angehende Vater von der Elternzeit Gebrauch mache.

Erst die Masse macht's eben - aber die muss erst mal eine kritische Größe erreichen. In Norwegen etwa sagen manche Chefs und Chefinnen inzwischen, für sie sei es ein genauso großes "Risiko" einen jungen Mann wie eine Frau einzustellen, weil eben viele Väter mehrere Monate für ihr Kind pausieren.

Aber auch die Mütter müssen ehrlicher werden. Sie wünschen sich häufig, dass Väter mehr bei den Kindern sind. Manchmal widerspricht eine Art Kontrollwut dieser Sehnsucht. Immerhin elf Prozent der Männer sagen, sie seien nicht in Elternzeit gegangen, weil ihre Partnerin es nicht gut gefunden hätte, wenn sie sich alleine ums Kind gekümmert hätten.

Mütter müssen loslassen, wenn sie tatsächlich wollen, dass Jobs und Familie gerechter aufgeteilt werden. Sie müssen dann akzeptieren: Der Vater wird es anders machen als sie selbst.

Frauen, die ihren Mann in Teilzeit arbeiten sehen wollen, müssen auch bereit sein, ihn von dem Druck zu befreien, die Familie im Wesentlichen allein zu ernähren. Sie müssen bereit sein, selbst mehr arbeiten zu gehen. Denn selbst, wenn die Frau vor der Geburt mehr verdient hat als ihr Partner - meist reduziert nur die Mutter danach ihre Arbeitszeit. Viele Mütter wollen in den ersten Jahren bei ihrem Kind sein, aber wenn auch der Vater den Wunsch hat, dann müssen auch Frauen einen Kompromiss eingehen.

Das Ringen darum kann unter Eltern anstrengend und konfliktreich sein - aber am Ende alle glücklicher machen.

Zur Autorin
Jeannette Corbeau
Anna Reimann ist Redakteurin bei SPIEGEL ONLINE im Ressort Politik.

E-Mail: Anna_Reimann@spiegel.de

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insgesamt 189 Beiträge
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Seite 1
Alfred Ahrens 07.07.2015
1. Mütter wollen nicht selber länger arbeiten,
und schon garnicht, damit der Mann mehr Zeit mit dem Kind verbringen kann. Die Wahrheit ist eher umgekehrt. Kinder werden nooch zu oft gezeugt um den Anteil an weiblicher bezahlter Arbeit zu verringern.
yshitake 07.07.2015
2. Das ist doch alles nicht wahr
In der Realität läuft es doch so: Die Frau will die Kinder erziehen, möchte aber gleichzeitig nichts als Heimchen verschrien werden. Dann tut sie so als wäre der Mann schuld, weil er nur arbeitet anstatt sich aktiver in die Erziehung einzubringen. Tut der Mann aber nun, wie im geheißen und geht in Teilzeit... Wird schnell die Klage aufkommen wo denn nun das nötige Geld für die Mint-Erziehung bleibt... Also geht die Mehrzahl der Frauen dann halbtags eben mal als Vorstand in den nächstbesten DAX-Konzern oder eher in großer Zahl für 8,50 Euro das Treppenhaus irgendwo putzen...so 20- 40 Std./ Woche um die Teilzeit-Ausfälle des Mannes nach Steuern wieder einigermaßen herein zu bekommen? Wieviel Zeit bleibt dann der Familie im Gesamten? Weniger! Dafür sind dann aber sicher die Hälfte der Beteiligten um einges gestresster vm Alltag
Top Level 07.07.2015
3. mmmh ja genau
erst den Chef überzeugen, dann die Mammi schön bitten das sie den ach so anstrengenden Elternjob - ich habe 3 Kinder das Jüngste ist 4 Jahre alt weiß also was los ist - los lässt und dann noch die Gesellschaft - vorwiegend Frauen haben doch den Beißrefelex wenn in den Klüngelrunden plötzlich ein Vater auftaucht - kurz ändern.. und schon darf man Vater sein - einfach eigentlich. Männer macht es doch gleich so, dass ihr keine Familie und feste Frau/Freundin euch zulegt. Spart viel Nerven und bei einer Scheidung vor allem Geld. Ich glaube auch das machen immer mehr Männer so......
inver 07.07.2015
4. Alles nur Theorie, die Praxis sieht ganz anders aus!
Es mag sein, dass auch die Väter gerne die Erziehung- UND Hausarbeit übernehmen wollen, aber bei den meisten Arbeitsstellen ist dies nicht möglich. Ich hätte gerne bei drei Kindern gearbeitet, aber dies war zeitlich definitiv nicht zu schaffen. Mein Mann wäre auch gerne teilweise zu Hause geblieben, aber dies war auf seiner Ebene, im Management nicht möglich. Als ich fragte, was denn passieren würde, wenn er es trotzdem mache, meinte er, dass dann seine Karriere ruiniert wäre. Ich habe auch weniger verdient und hätte die große Familie nicht alleine ernähren können. Unsere Entscheidung hat nichts mit den tausend Vorurteilen zu tun, sondern wurde im Rahmen dessen getroffen, was für die Kinder und für uns das Beste ist. Leider bin ich jetzt ein Opfer des neuen Scheidungsgesetzes und schreibe an dieser Stelle: Obwohl meine drei Kinder alle super sind, würde ich in dieser Gesellschaft keine Kinder mehr in die Welt setzen. Egal, wie frau es macht, es ist immer falsch. Da ist es besser, sich erst garnicht diesen Vorurteilen auszuliefern. Im Übrigen brauchen die Kinder und eine gute Erziehung Zeit, Zeit und nochmals Zeit. Ich finde es auch absurd, wenn Kinderlose etwas zum Thema schreiben, denn diese haben noch nicht einmal im Ansatz eine Ahnung davon, was es heißt, mehrere Kinder großzuziehen. Früher wurden die Mütter zurecht geachtet und ihre aufopferungsvolle! Arbeit gewürdigt. Heute zählt nur noch der berufliche Erfolg, der in der Regel ohne familiäre Belastungen, leicht umzusetzen ist. Dann muss sich die Gesellschaft halt darauf einstellen, dass Kinder "Mangelware" werden. Ich werde meiner Tochter jedenfalls raten, auf Kinder zu verzichten, denn dies ist in der heutigen Gesellschaft viel zu riskant!
firehorse67 07.07.2015
5. Ja!
toller und wahrer kommentar. männer bemängeln doch oft, dass sie sich nicht mehr mit anderen messen können, und vorm chef knicken sie dann ein. auch bei mir in der arbeit höre ich sprüche wie "mein mann kann keine elternzeit nehmen, dann wird er schief angesehen im geschäft". ja und? frauen machen das seit sie arbeiten. und das mit den frauen stimmt eben auch. wenn ich ein mann wäre und mich um den haushalt kümmere, und meine frau käme heim und würde an allem nörgeln, dann hätte ich auch keine lust mehr. "Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert."
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