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09. Februar 2013, 16:50 Uhr

Annette Schavan

Ein richtiger Rücktritt - leider

Ein Kommentar von

Annette Schavan ist so, wie sich die meisten Menschen einen Politiker wünschen: seriös, unaufgeregt, uneitel. Doch ihr Rücktritt war notwendig - weder sie noch die Kanzlerin hätten einen Verbleib im Amt erklären können.

Es ist ja richtig, der politische Skandal ist auch nicht mehr das, was er einmal war. Früher gingen Minister wie Franz-Josef Strauß, weil sie das Parlament belogen hatten. Andere mussten hinschmeißen, weil sie in handfeste Schwarzgeldaffären verwickelt waren. Heute zerlegt es Annette Schavan, weil sie in einer länglichen Doktorarbeit vor 30 Jahren beim Zitieren wohl ein bisschen zu lax vorgegangen ist. Ach Gott, möchte man da sagen. Haben wir in Deutschland keine anderen Sorgen?

Die Frage muss erlaubt sein. Man kann den Rücktritt von Annette Schavan für übertrieben halten. Klar. Natürlich muss auch die Frage erlaubt sein, wer angesichts solcher "Skandale" überhaupt noch Lust verspürt, hierzulande Politiker zu werden. Ja, auch das ist eine gute Frage. Aber am Ende ist es doch ganz einfach: Annette Schavan musste gehen. Es ist richtig. Und sie hatte keine andere Wahl.

Schavan hat keine großen Erfolge vorzuweisen. Aber sie hat ihr Haus ruhig und unaufgeregt geführt, man kann sie mit gutem Recht als seriös bezeichnen. Sie ist so, wie sich die meisten Bürger - zumindest in der Theorie - ihre Politiker wünschen. Sie macht kein Tamtam, sie hält sich von jeder Form von aufregenden Schlagzeilen fern, sie meidet Attacken gegen ihre Gegner und kontert selbst die härtesten Angriffe mit stoischer Ruhe. Dafür verdient sie Respekt.

Sie mussten die Notbremse ziehen

Die Zitierfehler in ihrer Arbeit wären verzeihlich, wenn sie, sagen wir, Umweltministerin wäre. Aber eine Bildungsministerin, der die eigene Alma Mater die Doktorwürde aberkennt, ist eben nicht mehr tragbar. In Deutschland entstehen jedes Jahr Tausende Doktorarbeiten. Viele dienen dem ernsten wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn, andere sollen vor allem die Karriere des Verfassers befördern. Die Arbeiten unterliegen strengen Regeln. Wer soll diese Regeln künftig noch befolgen, wie sollen diese Regeln durchgesetzt werden, wenn im Fall der obersten Bildungspolitikerin beide Augen zugedrückt würden? Eben: niemand.

Schavan wusste das. Angela Merkel wusste das. Sie mussten die Notbremse ziehen.

Merkel und Schavan haben rational gehandelt, wie es eben ihre Art ist. Ein Durchhalten war politisch erkennbar nicht möglich: Die Opposition hätte das Thema als Wahlkampfmunition genutzt, die Wissenschaft hätte sich über die Causa Schavan heillos zerstritten. Das konnte die Kanzlerin nicht gebrauchen. Und das wollte sich wohl auch Schavan nicht antun.

Merkel hätte die Sache auch innerparteilich nicht durchgehalten. Die letzten Fans des gestrauchelten Stars Karl-Theodor Guttenberg wollten Rache. Es war Schavan, die einst Guttenbergs akademische Verfehlungen mit deutlichen Worten kritisierte und damit seinen Abgang beschleunigte. Nun musste Merkel den Zorn dieser Fans fürchten. Auch deshalb gab sie nach.

Das Netz kann gnadenlos sein

Der Fall Schavan hat aber noch eine weitere Dimension: Die Ministerin wurde letztlich durch den anonymen Schwarm im Netz zu Fall gebracht. Ein einzelner Plagiatsjäger zeigte sich dabei besonders eifrig, ließ nicht locker und zwang so die Universität Düsseldorf zum Handeln. Würde es das Netz nicht geben, Schavan wäre wohl immer noch munter im Amt. Es ist eine Laune der Geschichte, Politiker-Pech, dass sie nun auf diese Weise von ihrer Vergangenheit eingeholt wird.

Das Netz kann gnadenlos sein. Es verändert die Politik, es übernimmt die Deutungshoheit, entscheidet über Wohl und Wehe von Ministern. Es löst Debatten aus und bringt Affären ins Rollen. Das mögen all jene bedauern, die bislang die Deutungshoheit über Politik innehatten. Das kann erschreckende Ausmaße annehmen. Das ermahnt jeden einzelnen von uns zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit Informationen im Netz.

Aber eins ist auch klar: Diese Entwicklung ist unumkehrbar.

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