SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück: Die beste Wahl

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Die Genossen sind endlich aufgewacht, die leidige Kanzlerkandidatenfrage ist entschieden. Peer Steinbrück ist die größte Hoffnung für die SPD - und die größte Gefahr für Angela Merkel.

dapd

Nun also Peer Steinbrück. Es ist vollbracht. Frank-Walter Steinmeier will nicht Kandidat werden. Das hat er für sich wohl schon länger entschieden und nun auch jenen gesagt, die es wissen sollten.

Was die genauen Gründe für Steinmeiers Verzicht sind, weiß nur er selbst. Aber man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass seine Frau dabei ein gewichtiges Wort mitgeredet hat - nach der schweren Nierentransplantation, die das Ehepaar durchgemacht hat, werden sich die Steinmeiers Fragen gestellt haben: Müssen wir uns einen so harten Wahlkampf noch einmal antun? Gibt es nicht noch ein Leben jenseits der Politik? Es sind ganz persönliche Dinge, die bei so etwas eine Rolle spielen können.

Für die Partei geht es bei der Kandidatenentscheidung allein um taktische Erwägungen. Parteichef Gabriel, Steinmeier und Steinbrück haben in den vergangenen Monaten immer wieder im Dreierkreis über die K-Frage gesprochen. Sie haben offen ihre jeweiligen Stärken und Schwächen abgewogen. Steinmeier wird erkannt haben, dass er für einen aggressiven Wahlkampf gegen Angela Merkel einfach nicht der richtige Typ ist. Das sehen auch Gabriel und Steinbrück so. Gabriel wird sich noch gut an den letzten Bundestagswahlkampf erinnern, damals fehlte Steinmeier schlicht das Temperament, um die eigene Truppe gegen Merkel zu mobilisieren.

Einen solchen Wahlkampf will Gabriel nicht noch einmal erleben. Die Absage Steinmeiers passt also in seinen Plan.

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SPD-Politiker Steinbrück: Der Kandidat
Steinmeier hat das geahnt. Es war die Zeit gekommen, die Sache öffentlich zu machen. Das Festhalten am Zeitplan mit einer Kür des Kandidaten nach der niedersächsischen Landtagswahl im Januar erschien vielen nur noch als Farce. Die wabernden Gerüchte um vermeintliche Vorentscheidungen vergifteten das Klima in der SPD. Ein weiteres Zaudern hätte Steinmeier selbst beschädigt - aber auch den Kandidaten Peer Steinbrück und den Vorsitzenden Gabriel. Man kann wahrscheinlich sagen: Halb zog es Steinmeier, halb sank er nieder.

Die Troika macht klar: Sie will 2013 auf Sieg spielen, nicht auf Platz. Steinmeier wäre nur der Kandidat für die Große Koalition gewesen. Dieses Wahlziel genügt aber nicht, um die SPD-Wähler an die Urnen zu holen. Die kommen bekanntlich nur, wenn es wirklich etwas zu entscheiden gibt, wenn sie Hoffnung haben auf eine Besserung ihrer persönlichen Lebenssituation, Hoffnung auf einen Wechsel.

Steinbrück soll diese Hoffnung vermitteln. Von allen drei Troika-Mitgliedern kann er dies am ehesten. Steinbrück brennt, er ist kampfbereit. Bei ihm heißt es: alles oder nichts. Er hat nichts zu verlieren, wenn er scheitert, bleibt er eben so wie bisher vergnügter Vorruheständler im Bundestag. Das wird ihm weniger ausmachen, als mancher glaubt.

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Kann Steinbrück siegen?

Peer Steinbrück ist Kanzlerkandidat der SPD. Hat er eine Chance, gegen Angela Merkel zu gewinnen?

Die Union wird von dieser Kandidatenkür kalt erwischt. Viele hatten sich auf Steinmeier eingestellt, auf einen Kuschelwahlkampf. Doch nun hat Merkel einen gefährlichen Gegner: Mit seinen Vorstößen zur Bekämpfung der Zockerei in Banken, trifft er die schwarz-gelbe Koalition an einer empfindlichen Stelle. Einen Überbietungswettbewerb, wer die Geldhäuser und Märkte besser abkassiert und reguliert, können bürgerliche Parteien gegen eine aufbrausende Linke nicht gewinnen.

Griff nach den Helmut-Schmidt-Wählern

Zugleich strahlt Steinbrück als erfahrener, pragmatischer Macher weit in die Mitte der Gesellschaft, er kann die Helmut-Schmidt-Wähler für die SPD gewinnen, all jene also, die nicht links sind, sich aber eine zupackende Regierung wünschen. Das zeigen alle Umfragen. Steinbrück kann polarisieren, ohne dabei allzu plump zu wirken. Das ist sein großer Vorteil.

Mit Steinmeier und Gabriel an seiner Seite hat er zudem zwei starke Co-Piloten, die weitere Wähler mobilisieren können. Sie werden auch dafür sorgen müssen, dass die SPD-Linke den eigenen Kandidaten auf der Strecke bis zur Wahl nicht zerlegt. Das ist die größte Gefahr für Steinbrück und für die SPD. An diesem ewigen Hang der Partei zur Selbstzerfleischung kann das Projekt scheitern. Der gefährlichste Gegner der SPD ist die SPD selbst.

Steinbrück muss die SPD gar nicht stärker machen als die Union. Er muss sie nur so stark machen, dass es für eine Koalition reicht. In einem Bundestag mit fünf oder sechs Parteien ist alles möglich. Von Rot-Grün bis zur Ampel. Die Grünen muss er mitnehmen, er ist sicherlich nicht ihr Lieblingskanzler. Aber für die FDP ist Steinbrück der Andockpunkt für eine mögliche Ampel.

Angela Merkel wird sich ernste Gedanken machen müssen. Sie hat nur sich allein - und vielleicht noch Ursula von der Leyen und Thomas de Maizière. Sie strahlt als Euro-Retterin und hat ihre Sache in den Augen vieler Bürger tatsächlich sehr gut gemacht. Aber was macht eigentlich der Rest ihrer Regierung? Was wird aus dem Trümmerfeld FDP? Wie sehen die schwarz-gelben Ideen für die nächste Legislaturperiode aus? Bald werden die Wähler sich solche Fragen stellen - und dann muss Angela Merkel Antworten parat haben. Mit einem Schmusewahlkampf wie 2009 wird sie nicht durchkommen. So viel steht fest.

Das Wahljahr verspricht spannend zu werden. Danke SPD.

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insgesamt 451 Beiträge
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1. Endlich
dr_a_dieu 28.09.2012
Wahlkampf!
2. Und...
Binideppert? 28.09.2012
...die größte Gefahr für Steinbrück ist die SPD!
3.
chefkoch1 28.09.2012
Zitat von sysopdapdDie Genossen sind endlich aufgewacht, die leidige Kanzlerkandidatenfrage ist entschieden. Peer Steinbrück ist die größte Hoffnung für die SPD - und zugleich die größte Gefahr für Angela Merkel. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/kommentar-zum-spd-kanzlerkandidaten-steinbrueck-fuer-die-wahl-2013-a-858498.html
Herrliches Bild - erinnert etwas an Datei:Unclesamwantyou.jpg (http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Unclesamwantyou.jpg&filetimestamp=20081223224122)
4. stimmt
TangoGolf 28.09.2012
Zitat von sysopdapdDie Genossen sind endlich aufgewacht, die leidige Kanzlerkandidatenfrage ist entschieden. Peer Steinbrück ist die größte Hoffnung für die SPD - und zugleich die größte Gefahr für Angela Merkel. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/kommentar-zum-spd-kanzlerkandidaten-steinbrueck-fuer-die-wahl-2013-a-858498.html
Für mich als überzeugten CDU-Wähler ist in der Tat Steinbrück objektiv betrachtet die beste Wahl als Kanzlerkandidat. Wäre der nicht in der SPD - ich würde ihn wählen. Dennoch bietet sich hier auch eine große Gefahr für die SPD: die linke Flanke ist nun offen wie ein Scheunentor. Ber der Linkspartei dürfte man gejubelt haben...
5. Wer
abschminker 28.09.2012
ersetzt dann Steinbrück, wenn dieser Merkel tatsächlich ersetzen konnte !
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  • Getty Images
    Peer Steinbrück, 65, trat 1969 in die SPD ein. Nach dem Studium der Volkswirtschaft und Sozialwissenschaft begann er im Bundesbauministerium. Es folgten Stationen im Forschungsministerium und Kanzleramt, ehe Steinbrück ab Ende 1986 das Büro von NRW-Ministerpräsident Johannes Rau leitete.

    1993 machte ihn die schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis zum Wirtschaftsminister. 1998 wechselte er wieder nach NRW und wurde zunächst Wirtschafts-, später Finanzminister.

    Nach dem Wechsel von NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement in die Bundesregierung übernahm Steinbrück Ende 2002 das Amt des NRW-Regierungschefs, 2005 verlor er die Landtagswahl. Nach der Bundestagswahl 2005 wurde er Finanzminister in der Großen Koalition, verschaffte sich als Manager in der Finanzkrise 2008 hohes Ansehen.

    Seit der SPD-Niederlage bei der Bundestagswahl 2009 sitzt Steinbrück als einfacher Abgeordneter im Bundestag. Seinen Posten als SPD-Vizechef gab er Ende 2009 auf.
Kurzporträts der SPD-Spitze
Parteivorsitzender: Sigmar Gabriel
REUTERS
Mit 51 Jahren wurde Gabriel, Jahrgang 1959, jüngster Parteichef seit Willy Brandt. In der Großen Koalition war er bis Herbst 2009 Umweltminister und profilierte sich im Wahlkampf mit Attacken gegen die Atomkraft. Nach dem Wahldesaster der Sozialdemokraten griff er entschlossen nach dem Parteivorsitz. Nach einem starken Start hat seine Autorität zuletzt im Streit um Thilo Sarrazin und die Migrantenquote Schaden genommen. Als natürlicher Kanzlerkandidat gilt er inzwischen nicht mehr.

Der gelernte Lehrer aus Goslar ist seit 1977 SPD-Mitglied. Mit 40 Jahren war er jüngster deutscher Ministerpräsident in seinem Heimatland Niedersachsen (1999-2003). Nach der Abwahl wechselte Gabriel nach Berlin und gab ein Intermezzo als "Pop-Beauftragter" der Sozialdemokraten, was ihm eher Spott als Anerkennung einbrachte ("Siggi Pop"). Gabriel ist mit einer Zahnärztin verheiratet.
Parteivize: Manuela Schwesig
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Manuela Schwesig schaffte in nur sechs Jahren den Aufstieg von der Finanzbeamtin zur SPD-Vizechefin. Frank-Walter Steinmeier pries die 1974 geborene Schwesig einst als "strahlenden Nordstern der SPD". Im Präsidium ist sie für Familienpolitik zuständig und katapultierte sich vor allem während der Verhandlungen um die Hartz-IV-Reform in die Schlagzeilen.

Die gebürtige Brandenburgerin studierte Steuerrecht und folgte ihrem Mann nach Schwerin. Dort engagierte sie sich zunächst in der Kommunalpolitik, bevor sie im Oktober 2008 ins Schweriner Kabinett eintrat - als bundesweit jüngste Landesministerin. Sie ist Mutter eines Sohnes.
Parteivize: Hannelore Kraft
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Kraft, 1961 geboren, ist SPD-Landeschefin und Ministerpäsidentin von Nordrhein-Westfalen. Seit Mitte Juli 2010 führt sie eine rot-grüne Regierung in Düsseldorf - die ersten beiden Jahre als Minderheitsregierung, seit der Landtagswahl im März 2012 mit einer deutlichen Mehrheit.

Die gelernte Bankkauffrau und studierte Wirtschaftswissenschaftlerin sieht sich selbst als Pragmatikerin, die keinem SPD-Flügel angehört. Auch ohne den typischen Stallgeruch und die übliche Ochsentour machte sie im größten SPD-Landesverband schnell Karriere - zunächst als Europa- und dann bis Mai 2005 als Wissenschaftsministerin. Später wurde sie Fraktionschefin in Düsseldorf. Kraft ist verheiratet und hat einen Sohn.
Parteivize: Klaus Wowereit
DPA
Regierender Bürgermeister von Berlin und schon seit neun Jahren an der Spitze einer rot-roten Koalition. Gilt deshalb - für nicht wenige in der SPD irrtümlich - als Linker sowie als Wegbereiter einer bundesweiten Öffnung zur Linkspartei.

Wowereit, Jahrgang 1953, ist der Senior innerhalb der SPD-Spitze. Gelernter Jurist, passionierter Partygänger, Skat- und Golfspieler. Lebt mit einem Arzt zusammen. Bekanntester Satz, immer noch: "Ich bin schwul - und das ist auch gut so."
Parteivize: Olaf Scholz
AP
Bis Herbst 2009 war Scholz, geboren 1958, Bundesarbeitsminister. Aber auch jetzt ist er wieder gut beschäftigt: Im Februar 2011 holte er bei der Bürgerschaftswahl in Hamburg die absolute Mehrheit und ist seitdem Erster Bürgermeister in der Hansestadt.

Der Fachanwalt für Arbeitsrecht hat in der SPD schon viele Karrierestationen hinter sich: Innensenator in Hamburg, SPD-Generalsekretär und Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion. Scholz ist verheiratet mit einer Hamburger SPD-Politikerin.
Parteivize: Aydan Özoguz
DPA
Die Hamburgerin, Jahrgang 1967, mit türkischen Wurzeln hat einen steilen Aufstieg in der SPD hinter sich. Seit 2009 sitzt sie im Bundestag, im Dezember 2011 übernahm sie einen der Posten als Bundes-Vize. Vorher arbeitete sie unter anderem als Intergrationsbeauftragte der SPD-Fraktion. Für Aufsehen sorgte sie 2010 mit dem Appell, die Is­lam­kon­fe­renz von Bun­desin­nen­mi­nis­ter Hans-Pe­ter Friedrich (CSU) zu boy­kot­tie­ren. Sie hatte dem Minister vorgeworfen, einen pauschalen Terrorverdacht gegen Muslime zu unterstellen. Özoguz ist mit einem Hamburger SPD-Politiker verheiratet und lebt in Oldenfelde sowie einer Berliner Dienstwohnung.
Generalsekretärin: Andrea Nahles
AP
Nahles, geb. 1970, ist schon lange bei der SPD aktiv. Vor ihrer Wahl zur Generalsekretärin war Nahles stellvertretende SPD-Vorsitzende. Einst war sie Chefin der Nachwuchsorganisation Jusos und für kurze Zeit schon einmal als Generalsekretärin vorgesehen: 2005, gegen den Willen von Franz Müntefering, der deshalb nicht mehr Parteichef sein wollte.

Nahles stammt aus Rheinland-Pfalz, sie ist Germanistin und bekennende Katholikin. Liiert ist sie mit einem Bonner Kunsthistoriker.