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Kommentar zum Streit über Verdienstkreuz: Es muss Platz für Langer und Giordano geben

Der Schriftsteller Ralph Giordano fordert, der Anwältin und Israel-Kritikerin Felicia Langer das Bundesverdienstkreuz abzuerkennen. Das ist völlig überzogen, findet Yassin Musharbash: Die Ehrung ist eine Auszeichnung für die Lebensleistung, nicht für die richtige Meinung.

Seit seiner Stiftung durch Bundespräsident Theodor Heuss 1951 haben rund 240.000 Personen den Verdienstorden erhalten. Fast eine Viertelmillion! Viele sind ausgezeichnet worden, weil die Summe dessen, was sie taten, dachten und sagten ein Lebenswerk darstellt, das öffentlich anerkannt werden sollte.

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dpa

Anwältin Langer: Streitet für Frieden im Nahen Osten

Bei den allermeisten, machen wir uns nichts vor, weiß niemand so genau, was sie gedacht haben könnten oder denken mögen. Erstaunlich viele Fußballtrainer sind darunter, ein Zirkusdirektor, Urologen, Tierrechtler. Ach ja, und dann wären dann noch - auch das nur eine Auswahl - ein ehemaliger Wehrmachtsgeneral, der letzte Schah von Persien, eine Apologetin der Militärjunta von Burma.

Die israelische Anwältin Felicia Langer aber soll nun ihr gerade verliehenes Bundesverdienstkreuz wieder aberkannt bekommen. Das fordert jedenfalls Ralph Giordano, andernfalls will er seine Auszeichnung zurückgeben. Die Vorwürfe gegen Langer sind alt: Sie betreibe die Dämonisierung Israels, heißt es, und teile den Nahen Osten in böse Israelis und gute Palästinenser. Tatsächlich ist Felicia Langer, eine in Polen geborene Holocaust-Überlebende, in ihrer Wortwahl stets drastisch. Der Gaza-Streifen ist in ihren Augen ein Ghetto, Israel betreibt für sie eine Politik der Apartheid.

Man muss das nicht ebenso sehen. Man kann sogar dezidiert anderer Meinung sein. Es ist nicht einmal absurd, zu dem Schluss zu kommen, dass Langers Ansichten nicht die der Bundesregierung, des Bundespräsidenten oder der Stadt Tübingen sind. Denn Langer vertritt eine Minderheitenposition.

Auch Langer streitet für Frieden im Nahen Osten

Eben deshalb ist auch der Vorwurf Giordanos, niemand habe "in den letzten 25 Jahren mit einer bis an Blindheit grenzenden Einseitigkeit Israel mehr geschmäht als sie", schlichtweg grotesk. Hat Langer Raketen gebaut wie die Hamas? Betreibt sie in Tübingen ein Atomprogramm? Oder sollte Giordano tatsächlich den Worten von Felicia Langer so viel Bedeutung beimessen?

Wohl kaum, wenn er ehrlich ist. Was Giordano und Co. stört, ist nicht Langers Einfluss, der sehr gering ist, sondern Langers Meinung, die sie nicht teilen - und anscheinend für gefährlich halten, weil sie offenbar fürchten, dass sie die Anerkennung Israels unterminieren helfen könnte.

Das Bundesverdienstkreuz ist aber keine Auszeichnung für die "richtige" Meinung. Geehrt werden sollte, wer das geistige Leben in diesem Land bereichert hat, neue Einsichten ermöglicht hat, sich auf die Seite der Schwachen gestellt, sich engagiert hat. Und das hat Langer - jedenfalls mehr als die meisten Fußballtrainer.

Die Ehrung Langers stellt nicht die Staatsräson auf den Kopf

Felicia Langer hat zum Beispiel, als eine der ersten und eine der lautesten, die strukturelle Diskriminierung der arabischen Israelis und der Palästinenser in den besetzen Gebieten beschrieben. Es ist verständlich, dass einige das nicht hören mögen. Noch verständlicher ist, dass sie die drastischen Schlussfolgerungen Langers nicht teilen.

Es gibt auch in der persönlichen Biografie von Felicia Langer einiges, das man abstoßend finden mag, ihre angeblich "stalinistische" Phase etwa. (So wie man sich auch über Giordanos Äußerungen über Muslime empören kann). Aber auch Felicia Langer streitet für Frieden im Nahen Osten. Vielleicht einen anderen als Giordano ihn sich wünscht. Doch sie strebt nicht die Vernichtung Israels an, sie ist keine Antisemitin, sie ruft nicht zu Gewalt auf. Sie sieht die Dinge bloß anders - vielleicht auch aus anderen persönlichen Erfahrungen heraus.

Unter den Trägern des Bundesverdienstkreuzes sollte eine gewisse Pluralität jedoch möglich sein, so wie es auch in der deutschen Gesellschaft ist. Die Ehrung für Felicia Langer stellt weder die Staatsräson der Bundesrepublik Deutschland gegenüber Israel auf den Kopf noch bedeutet sie eine Minderung der Verdienste von Ralph Giordano.

Es ist gut, sehr gut, dass in Deutschland Platz ist für Felicia Langer wie für Ralph Giordano. Und es wäre wünschenswert, wenn beide sich damit arrangieren könnten, auf der langen, langen, langen Liste der Geehrten zu stehen.

Lesen Sie am Donnerstag Henryk M. Broders Kommentar zur Debatte um das Bundesverdienstkreuz für Felicia Langer.

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