Wirbel um Oberpirat Ponader: Basis frisst Führung

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Piratenpartei-Geschäftsführer Johannes Ponader lebt von Kunst, Hartz IV - und neuerdings auch von Spenden. Das empört die Basis. Der Fall offenbart die Unfähigkeit der Partei, sinnvolle Debatten zu entfachen. Das könnte sie den Einzug in den Bundestag kosten.

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Oberpirat Ponader: "Ich tue mich mit Hierarchien schwer"

Berlin - Wir müssen reden, dachte sich Johannes Ponader, Politischer Geschäftsführer der Piraten, am späten Sonntagabend. Stundenlang ließ sich der Oberpirat in einer Audiokonferenz von seinen Kritikern grillen. Auf dem Höhepunkt der Debatte wurde ihm nahegelegt, er möge bitte künftig bei McDonalds jobben, aber die Öffentlichkeit mit seinem "Privatleben verschonen".

Der Fall Ponader zeigt, dass die Piraten weit davon entfernt sind, als politischer Akteur ernst genommen werden zu können. Sie schaffen es nicht einmal, eine gesellschaftspolitische Debatte zu generieren und sinnvoll nach außen zu tragen. Jeder, der sich mit einer Idee vorwagt - mag sie auch unfertig und streitbar sein -, hat im Prinzip schon verloren. Unter dem Deckmantel der offenen Diskussionskultur wird das meiste zerredet, bevor es sich entfalten kann.

Besonders gern entlädt sich der Frust der Basis gegen Führungsfiguren. Vor drei Monaten wurde Ponader noch auf dem Parteitag in Neumünster als Nachfolger der populären Marina Weisband gefeiert. Optisch ein Klischeepirat, dazu redegewandt und mit einem Kernthema ausgestattet, schien er eine gute Besetzung für das Projekt Bundestag zu sein.

Von der Verehrung ist wenig übrig. Seit Tagen bringt Ponader mit einer Spendenaktion die eigenen Leute gegen sich auf. Mitglieder sammeln Geld für Ponader, damit der sich unabhängig von Arbeitslosengeld und Gelegenheitsjobs auf sein Piratenamt konzentrieren kann. Die Aktion ist in der chronisch klammen Partei sehr umstritten. Die Empörung gipfelte in einem offenen Brief zweier Jungpiraten mit dem Titel "Das untragbare Verhalten des Johannes Ponader".

"Du erwürgst uns mit deinem Quatsch"

Wer einen Shitstorm miterleben will, kommt derzeit wieder auf seine Kosten. Begriffe wie Günstlingsspenden und Korruption schossen Sonntagnacht durch den virtuellen Raum. Ponader nutze den Bekanntheitsgrad seiner Partei aus, um davon finanziell zu profitieren, so der Vorwurf. "Du schadest unserer Partei", hieß es, "warum gehst du nicht einfach arbeiten?" Die sinkenden Umfragewerte, auch daran sei der Geschäftsführer schuld. "Arbeite doch bei McDonalds, du erwürgst die Partei mit deinem Quatsch".

Der 35-Jährige ist im Boulevard bekannt geworden als sandalentragender "Hartz-IV-Pirat", der bei Günther Jauch auf dem Sessel lümmelt und twittert. Die Kritik dürfte Piraten-Skeptikern aus der Seele sprechen. Wie kann es sein, dass ein Hochbegabter mit einem 1,0-Abi und einem Studium keinem geregelten Job nachgeht? Wie kann es sein, dass ein politischer Geschäftsführer vom Staat lebt? Warum sollen jetzt auch noch Spenden die selbstgewählte prekäre Künstler-Identität absichern?

Doch der Fall ist komplizierter. Ponader argumentiert damit, er habe die Privatspenden ohnehin angeboten bekommen. Von Freunden, die seine politische Arbeit schätzen - für die er, wie alle Vorstandspiraten, nicht entlohnt wird. "Ich hätte das Geld auch einfach freudig annehmen können", sagt Ponader. Stattdessen wollte er die Geldgeschenke politisieren, an seiner Person ein Exempel statuieren, wie die Utopie eines Grundeinkommens funktionieren könne.

Gelegenheit verpasst

"Ich bin ein Querkopf, ich tue mich mit Hierarchien schwer", räumt Ponader ein. Er funktioniere am besten in flexiblen Arbeitsmodellen, mit Gelegenheitsjobs, Projekten und viel Raum für seine Kunst. Das kann man weltfremd, unrealistisch und arrogant finden. Allein: Das politische Kapital der Piraten liegt ja gerade darin, auch abseits des Mainstreams politische Positionen zu entwickeln.

Die Piraten hätten durch ihren Geschäftsführer ihr Sozialprofil schärfen können, um sich im diffusen linken Lager von der Konkurrenz abzugrenzen. Sie hätten eine Debatte über eine zunehmend technisierte Arbeitswelt anstoßen können, über den Wert von ehrenamtlichem und sozialem Engagement. Über die Frage, wo Verantwortung für sich, Angehörige und die Gesellschaft anfängt - und Selbstverwirklichung aufhört. Ponader hätte im zehnten Jahr von Hartz IV zum Wortführer der Piraten in dieser Angelegenheit werden können.

Was von der Ponader-Posse hängenbleiben wird, ist das Label "Hartz-IV-Pirat". Daran ist Ponader selbst schuld. Er hat es verpasst, sein Anliegen offensiv und verständlich zu verpacken, der Furor war abzusehen. Kritische Berichterstattung über sein Lebensmodell tut er als Verleumdungskampagne ab.

Allerdings hat auch der Schwarm versagt. "Themen statt Köpfe" ist das Motto der Piratenpartei. Doch die Piraten können auf ihrem Parteitag im November noch so viele Positionspapiere beschließen und Anträge diskutieren. Wenn sie ihre Köpfe nicht zuweilen einfach mal machen lassen, brechen ihnen am Ende auch die Themen weg. Das Projekt Bundestagswahl könnte unter diesen Voraussetzungen schneller vom Tisch sein als gedacht.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 43 Beiträge
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1. Kein Zweifel, die Piraten ziehen in den Bundestag ein
tomatosoup 20.08.2012
Was den Piraten hier vorgeworfen wird, ist ja gerade das Einzige, was sie von allen anderen unterscheidet. Ihre absolute politische Unfähigkeit ist so groß, dass es da, im Gegensatz zu anderen Parteien, ganz einfach nichts nachzubessern gibt. Das Kernthema der Piraten ist das klassische Duett zwischen Ignoranz und Frechheit. Es gibt irre viele Typen mit dieser Einstellung. Das eben sind die mächtigen Flöze, aus denen die Piraten ihre Schiffsfrachten bestücken. Nein, kein Zweifel, es gibt mehr als genug Flaschen, die nichts wissen und nichts können, aber dafür frech sind wie Oskar. Die fühlen sich bei den Piraten geborgen, und deshalb wird sich im Deutschen Bundestag eine starke Fraktion von Klischeepiraten auf den Sesseln lümmeln. Deshalb: Lasst uns froh und lustig sein und uns recht von Herzen freun!
2. Wunderbar!
systembolaget 20.08.2012
Hier zeigt sich die ganze Unreife der Piratenpartei. Internet Trolle, die sich gegenseitig zutexten. Rechthaber und Erbsenzähler, wie man sie auch in Onlineforen zuhauf findet. "Unter dem Deckmantel der offenen Diskussionskultur wird das meiste zerredet, bevor es sich entfalten kann." Richtig beobachtet, aber noch richtiger ist, daß sich aus der Inhaltsleere, aus dem Nichts, ohnehin nicht entfalten kann. Das sind alles Multiplikationen mit -1, die bei den Piraten vorgenommen werden.
3. Wählen
Steinwald 20.08.2012
Wählen tät ich sie nicht, die Piraten, aber sie haben großes Potential, das mu↓ man ihnen zugestehen. Allerdings auch hohes Selbstzerstörungspotential. Ist wohl die Frage, ob sie es reichtzeiig schaffen, eine funkitonierende Struktur auf die Bein zu stellen, bevor sie sch selbst in diesem lächerlichen Selbstzerfleischungskult zerrieben haben. Ich denke einfach, diese Partei ist noch in dr Entstehung, sie wird de notwendigen Strukturn und Organe noch bilden und deren Funktionsfähigkt herstellen. Das dauert noch bisi. Aber es wird so kommen. Den Ponader fand ich daneben, da ich von ihm auch nur die Sandalenbilder kannte, das fand ic albern. Dann sah ich ihn beim Lanz. Seither hab ich Respekt vor ihm, guter Mann, bleibt aber wahrscheinlich auf dem Weg zur Parteienbildung auf der Strecke. Scharde.
4. Antwort:
FreieWelt 20.08.2012
"Wie kann es sein, dass ein Hochbegabter mit einem 1,0-Abi und einem Studium keinem geregelten Job nachgeht?" Nur weil jemand studiert hat, heißt das noch lange nicht, dass er auch tatsächlich gebraucht wird. Herr Ponader hat tollerweise Theaterwissenschaften und allerlei anderen Quatsch studiert. Das wäre mir prinzipiell egal weil er es trotzdem schaffen hätte können, aber Leute wie er, die vom Gehabe her prinzipiell eher wenig zu gebrauchen sind, sollten dann doch eher Maschinenbau etc. studieren, da wäre ihnen der Job sicher. Prinzipiell ist es mir egal, was jemand studiert, der Sozialstaat müsste halt noch abgeschafft werden, dann muss der Steuerzahler solche Leute nicht ein Leben lang alimentieren.
5. Ich hatte ja mal viel Hoffnung in die Piraten gesteckt...
phoenixcp 20.08.2012
... aber ich bin leider mittlerweile massiv enttäuscht von dieser Partei. Alleine die teilweise grenzwertigen Parteitagsbeschlüsse zur Legalisierung von Drogen, bedingungslosem Grundeinkommen und andere haben mich dazu bewogen, von einer Mitgliedschaft und einem weiteren Kreuz bei einer Wahl abzusehen. Dazu dann noch ein Parteivorstand der von "Spenden" seiner Jünger leben will. Wo sind wir denn? Auch die Piraten werden noch erkennen müssen, das sich Job und Mandat nicht vereinen lassen. Und bei den aktuellen Beitragsschulden wird es auch nicht mehr lange dauern, bis die erste Rechnungsprüfung für diese Partei gehörig in die Hose geht. Und dann schauen wir mal, wie man mal eben ein ppar hundertausend Euro Strafzahlungen aufbringen will. Interessant wäre dann zu wissen: kann eine Partei eigentlich Insolvenz anmelden?
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