CSU in der Anruf-Affäre Die Teflon-Partei wird siegen

Die bayerische Opposition versucht, Horst Seehofer die Verantwortung für den ZDF-Anruf seines Pressesprechers zuzuschieben. Nützen wird ihr das kaum. Ganz im Gegenteil: Potentielle CSU-Wähler schätzen die unerschütterliche Selbstzufriedenheit ihrer Staatspartei.

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Wer sich ängstigt vor all den Veränderungen in der Welt, hat heute Grund zum wohligen Seufzen: Da mag die Währung wackeln und das Internet uns alle aufsaugen - in Bayern ist die Welt noch in alter Ordnung, im schönen Freistaat der Christlich Sozialen Union.

In letzter Zeit hatte man sich dort fast schon Sorgen gemacht. Da geriert sich die bayerische Staatspartei als Klimaschutzverein, will plötzlich von der über Jahrzehnte heißgeliebten Atomkraft nichts mehr wissen, liebäugelt seit Neuestem gar mit einer alleinstehenden (!) Frau (!!) als Erbin des Ministerpräsidenten Horst Seehofer. Ja, wo kämen wir denn da hin!

Brauchtumspflege in der CSU

Wo kämen wir denn da hin, das hat man sich offenbar am vergangenen Wochenende auch in der CSU-Parteispitze gedacht. Das muss doch nicht sein, dass in den Hauptnachrichten über eine völlig unwichtige Veranstaltung der völlig uninteressanten bayerischen SPD berichtet wird. Ob in höchstem Auftrag oder nicht, der CSU-Pressesprecher Hans Michael Strepp griff zum Telefonhörer und intervenierte bei der ZDF-Nachrichtensendung "heute". Was genau er zu dem Redakteur am anderen Ende der Leitung gesagt hat, ist umstritten. Das ZDF sagt, Strepp habe einen Bericht über den bayerischen SPD-Spitzenkandidaten Christian Ude verhindern wollen. Strepp bestritt das zuerst. Und sagt jetzt gar nichts mehr - er ist zurückgetreten. Er hat sich mit dem Telefonat keinen Gefallen getan. Seiner Partei überraschenderweise aber doch.

Denn die Affäre um den Anruf gibt der CSU endlich wieder Gelegenheit, eindrucksvoll zu beweisen, wie ungebrochen sie ihre Traditionen pflegt. Als sei kein Tag vergangen, seit sich der BR 1982 auf Veranlassung der christsozialen Landesregierung aus dem ARD-Gemeinschaftsprogramm ausblendete, weil ihre Bevölkerung die schlimme Satire des "Scheibenwischer" nicht sehen sollte, demonstrierte sie ihr fast schon vergessen geglaubtes Staatsverständnis und ihr Verhältnis zur Pressefreiheit mit dem Anruf beim ZDF: Die öffentlich-rechtlichen Sender sind frei, solange sie das bringen, was uns gefällt.

Schweigen, wenn es darauf ankommt

Ungebrochen auch die Methoden des Umgangs mit Affären: Zuerst wird geleugnet, das machte Strepp nicht anders als zuletzt Karl-Theodor zu Guttenberg mit seiner zusammenkopierten Doktorarbeit. Später, wenn es nicht mehr anders geht, distanziert sich die Spitze vom Sünder. Horst Seehofer wusste nach eigener Aussage so wenig von dem anrüchigen Anruf seines Sprechers beim ZDF wie beispielsweise Edmund Stoiber 1999 von den schlimmen Zuständen bei der halbstaatlichen Wohnbaugesellschaft LWS - wegen deren Verlusten feuerte er seinen Duz-Freund und Justizminister Alfred Sauter per Mobiltelefon. Sauter wehrte sich und wetterte noch lange gegen seine Absetzung. Nun musste Pressesprecher Strepp gehen - wie freiwillig und tatsächlich schuldig, das wissen nur er und seine Vorgesetzten. Dass er im Auftrag des CSU-Generalsekretärs Alexander Dobrindt gehandelt hat oder gar im Auftrag Seehofers, würde er kaum verraten. Auch Schweigen, wenn es darauf ankommt, ist guter Brauch in der CSU.

Doch die bayerische Tradition ist nicht nur auf die Regierungspartei beschränkt. In einer aktuell anberaumten Landtagsdebatte zum vorgeworfenen Zensurversuch zeigte die Landtagsopposition einmal wieder, dass sie der unerschütterlichen Selbstzufriedenheit der Teflon-CSU rhetorisch nur wenig entgegenzusetzen hat. Die Erkenntnis, die Christsozialen seien "nervös", weil sie den Verlust ihrer Macht fürchteten, muss schon als Höhepunkt ihrer Reden gelten. Abgesehen davon blieb der Opposition nur der immer wieder geäußerte Verdacht, eigentlich stecke Seehofer hinter dem Anruf.

Nervös? Keineswegs. Die CSU ließ die Vorwürfe in gewohnter Manier einfach abtropfen. Ganz staatsmännisch kündigte Seehofer am Ende dann doch noch die vollständige Aufklärung der Anruf-Affäre an - man werde sich in den Gremien des ZDF darum bemühen. Brutalstmöglich, möchte man hinzufügen.

Irgendwie unbayerische Opposition

Nein, schaden wird der CSU der Wirbel um den Anruf beim ZDF kaum. So richtig erregen können sich über die Affäre nur diejenigen bayerischen Wähler, die die CSU sowieso nicht wählen würden bei der kommenden Landtagswahl. Falls sie sich überhaupt noch aufregen können: Zu lange und zu gut kennt man in Bayern die Christsozialen, als dass man noch von ihrer Selbstgerechtigkeit überrascht werden könnte.

Die Anhänger der CSU hingegen wird die Affäre eher noch bestärken. Denn endlich hat ihre Partei einmal wieder Geschlossenheit und Selbstvertrauen bewiesen - gegen alles Geschrei der sowieso irgendwie unbayerischen Opposition. Sie werden die CSU wieder wählen, nicht nur trotz, sondern auch wegen ihrer Uneinsichtigkeit in der Anruf-Affäre. Sie können sich sicher sein: In Bayern bleibt alles beim Alten, wenn sie ihr Kreuz bei den Christsozialen machen. Mit einem wohligen Seufzen.

insgesamt 56 Beiträge
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Seite 1
müllschlecker 25.10.2012
1. Na da hat ja ein Redakteur
Zitat von sysopDPADie bayerische Opposition versucht, Horst Seehofer die Verantwortung für den ZDF-Anruf seines Pressesprechers zuzuschieben. Nützen wird ihr das kaum. Ganz im Gegenteil: Potentielle CSU-Wähler schätzen die unerschütterliche Selbstzufriedenheit ihrer Staatspartei. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/kommentar-zur-csu-in-der-anruf-affaere-a-863426.html
so richtig in die Vermutungskiste gegriffen: Die sPD versucht wem was anzuhängen ? Dazu braucht die cSU keinen. Die blamieren sich laufend selbst.
tx-berg 25.10.2012
2. Mich wundert´s, dass die CSU nicht schon längst...
...den "Freistaat-Bayern"-Status in einen freien unabhängigen Staat gewandelt hat. "Freie Unabhängige Republik Zentralbayern" (das Kürzel könnte man leider mißverstehen) oder noch besser "Königreich Bayern". Und natürlich mit eigener Währung, dem BT = BayernTaler, mit eigener Wehr (und der gefüchteten WWK = WeißWurstKanone) und endlich wieder mit einem eigenen König = ? Ach ja...
artikel.5 25.10.2012
3. Welches Bayern?
Wo wohnen Sie? Mir scheint, da schreibt sich jemand seine altgeliebten Feindbilder und Pauschalurteile von der Seele. Das Bayern (na ja Franken bitte sehr) wo ich wohne, ist durchaus nicht das Lederhosenbiotop der CSU. In meiner Kommune sind sie rausgeflogen zugunsten von SPD und den Freien Wählern. (auch wenn die FW mit Vorliebe totgeschwiegen wird) Deshalb dreht die CSU so am Rad. Wenn Sie mich fragen, dann blasen die ihre Backen so dicke auf, weil sie weiche Knie haben.
Freischaerler 25.10.2012
4. lustig
Zitat von sysopDPADie bayerische Opposition versucht, Horst Seehofer die Verantwortung für den ZDF-Anruf seines Pressesprechers zuzuschieben. Nützen wird ihr das kaum. Ganz im Gegenteil: Potentielle CSU-Wähler schätzen die unerschütterliche Selbstzufriedenheit ihrer Staatspartei. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/kommentar-zur-csu-in-der-anruf-affaere-a-863426.html
Ist doch lustig, wenn die Staatspartei versucht, das Staatsfernsehen mal zu watschen. Passiert viel zu selten. Die sog. vierte Gewalt glaubt sich auch alles herausnehmen zu können. Unschön ist nur, dass uns beinahe ein ebenso überflüssiger wie langweiliger SPD-Parteitag entgangen wäre. Besonders dieser war nämlich wohltuend einschläfernd.
messwert 25.10.2012
5. optional
Auch falls der Vorwurf irgendwie begründet ist berührt er doch speziell das Recht der Presse auf Unabhängigkeit. Wobei diese Unabhängigkeit bekanntlich oft genug zu bezweifeln ist. Für die bayrischen CSU - Befürworter aber, die politisch nach Programm oder kleinerem Übel abstimmen, wird der Vorfall kaum Gewicht haben. Das wird vor allem die Bayern- SPD sehr enttäuschen wenn sie ihre angekündigte Absicht verfolgt, mit dem Thema noch lange nicht fertig zu sein.
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