Kommentar: Mensch Gauck!

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Joachim Gauck wird von vielen Menschen mit riesigen Erwartungen bestürmt - er wird sicherlich einige davon enttäuschen. Trotzdem hat er alle Chancen, ein großer Präsident zu werden. Einer seiner wichtigsten Vorzüge ist sein Alter.

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Ende gut, alles gut, könnte man sagen. Wer glaubte, Deutschland stehe kurz vor einer Staatskrise, weil schon wieder ein Bundespräsident zurücktreten musste, wurde am Sonntag eines Besseren belehrt.

Heiter, entspannt ging es zu im Reichstag, demokratisch gelassen. Eine reife Demokratie verträgt das, lautete die Botschaft. An Tagen wie diesen ist zu besichtigen, dass es bei allem politischen Streit doch vornehmlich um eine Sache geht. Wir alle wollen einigermaßen frei und zufrieden auf demselben Flecken zusammenleben können. Niemand schaffte es, dieses Gefühl treffender und menschlicher auf den Punkt zu bringen als Joachim Gauck in seiner ersten Ansprache als Präsident: "Was für ein schöner Sonntag." (Lesen Sie hier im Minutenprotokoll nach, wie der Tag der Bundespräsidentenwahl verlief.)

Die große Aufmerksamkeit, die die Deutschen der Debatte um Christian Wulff geschenkt haben, der Streit um seine Nachfolge und die Nominierung von Joachim Gauck zeigen: Der Bundespräsident ist wichtig, die Bürger interessieren sich für ihr Staatsoberhaupt. Er wird gebraucht, ganz altmodisch: als Vorbild, als moralische Instanz. Es ist eben nicht egal, wer den Job macht. Der Präsident ist jemand, der den Bürgern zeigt, wie es gehen soll, dieses anständige Zusammenleben. Das Land will nicht auf dieses Amt verzichten.

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Entscheidung in Berlin: Glückwünsche für den neuen Bundespräsidenten
Was wird Gauck jetzt tun? Die Aufgabe des Bundespräsidenten ist relativ klar umrissen: Im Alltagsgeschäft möchten die Parteien unter sich bleiben, der erste Mann im Staate soll sich auf Vorträge über das schöne Wetter oder sonst was beschränken. Er soll - kurz gesagt - Sonntagsreden halten.

Joachim Gauck kann phantastisch reden

Der Bundespräsident hat nun genau zwei Möglichkeiten: Er kann sich an diese Rollenzuweisung halten, oder er durchbricht sie, mischt sich ein und mischt auf. Mit Sicherheit wird Joachim Gauck ein Amtsinhaber sein, der aufrüttelt, vielleicht sogar den einen oder anderen wachrüttelt. Er wird auch nerven, nicht nur den Politikbetrieb, sondern auch so manchen Bürger. Soll er doch.

Natürlich sind die Erwartungen an diesen neuen Bundespräsidenten viel zu groß. Freiheit, Integration, Europa, Internet, Gerechtigkeit, die Rente, die Jugend, die Praxisgebühr, der Weltfrieden - gute Güte, die Zahl der Themen, zu denen Gauck sich nun wegweisend äußern soll, ist kaum noch zu überblicken. Er wollte es so. Aber vielleicht sollten all jene, die ihn nun mit Heilsbringer-Hoffnungen bestürmen, mal kurz die Luft anhalten und dem armen Mann ein bisschen Zeit zum Atmen geben. Er ist ja auch nur ein Mensch.

Joachim Gauck, der Pfarrer, kann phantastisch reden. Das hat er an diesem Tag wieder bewiesen. Das ist die halbe Miete in diesem Amt. Über einen anderen Vorzug von Joachim Gauck wird bislang wenig gesprochen. Das ist sein Alter. Gauck ist 72 Jahre alt. Im Gegensatz zu immer mehr Mitgliedern des Politikbetriebs kennt Gauck die Geschichte der vergangenen 60 Jahre nicht nur aus Büchern, sondern er hat sie mitgeprägt. Er ist reich an Erfahrungen, er weiß um die Brüche im Leben von Menschen und von Ländern. Er hat sie selbst erlebt.

Der frühere DDR-Bürger Gauck weiß vor allem um den Wert der Freiheit und der Demokratie, das hat er gleich in seiner Antrittsrede deutlich gemacht. Horst Köhler, sein Vor-Vorgänger, gefiel sich in der Rolle des Antipolitikers. Gauck präsentiert sich als Gegenentwurf zu Köhler. Seine große Mission steht seit Sonntag fest: Er will Politiker und Bürger nicht weiter auseinandertreiben, sondern zusammenbringen. Seine Botschaft ist klar: Nicht nur Politiker sind schuld, wenn Demokratie nicht funktioniert. Sondern auch die Bürger, die sich nicht einbringen, abseits stehen und nur kritisieren.

Meistens geht es doch nur um Geld

Von Gaucks klarem Bekenntis zum Wert der Demokratie und von seinem Erfahrungsschatz als Mensch kann das Land profitieren. Ja, man möchte gerne von Gauck alles über das Thema Freiheit wissen. Ja, er soll bitte daran erinnern, was es bedeutet, in einer unfreien Gesellschaft zu leben. Ja, er soll darüber sprechen, wie Deutschlands Rolle als Brücke zwischen West- und Osteuropa definiert werden muss.

Die Erwartungen an Gauck sind auch deshalb so groß, weil zurzeit so wenig über grundlegende politische Fragen gesprochen wird. Im immer schnelleren politischen Tagesgeschäft herrscht eine erdrückende Themenarmut und ein eklatanter Mangel an Menschen, die Politik nicht nur gut machen, sondern auch gut erklären können.

Meistens geht es doch nur um Geld: Wer verdient wie viel? Ist das gerecht? Was passiert mit der Praxisgebühr? Warum ist der Sprit so teuer? Natürlich sind diese Dinge wichtig. Aber sind die Deutschen wirklich so arm dran, dass sie sich nur noch damit beschäftigen wollen?

Gauck wird diese Eintönigkeit aufbrechen, er ist, wenn man so will, ein neuer kräftiger Farbklecks auf einem ziemlich grauen Grund. Natürlich kann Gauck auch scheitern. Sehr wahrscheinlich ist das aber nicht.

Was für ein schöner Sonntag.

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1. Weimarer Republik
ted211 18.03.2012
Zitat von sysopREUTERSJoachim Gauck wird von vielen Menschen mit riesigen Erwartungen bestürmt- er wird sicherlich einige davon enttäuschen. Trotzdem hat er alle Chancen, ein großer Präsident zu werden. Einer seiner wichtigsten Vorzüge ist sein Alter. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,822057,00.html
Gab es denn keinen 100 jährigen Kandidaten, der schon die Weimarer Republik miterlebt hat?
2. Das Amt des Buprä
Liberalitärer 18.03.2012
Glückwunsch an Herrn Gauck, Der Kommenentar enthält viel Richtiges, aber ich denke, dass er die Wichtigkeit des Amtes im Bewusstsein der Bürger überzeichnet - vielleicht sieht man das aus dem Berliner Politikbetrieb anders, vielleicht sieht es der Autor richtig. Man sollte sich an die konsstutionelle Festlegung des Amtes halten und da sind dessen Befugnisse schmal. Ist es also die Kraft des Wortes mit denen das Amt gestalten kann? Ich denke nein, Theodor Heuss hat die Republik nicht gestaltet, Lübke nicht, Heinemann und Rau nicht, Scheel nicht,v. Weizsäcker nicht und selbst Herzog nicht. Das Amt steht zu sehr in Konkurrenz zu anderen moralischen Instanzen außerhalb der Politik. Man kann darin nicht viel Gutes bewegen - wohl aber viel Schaden anrichten. Trotzdem muss man Herrn Gauck viel Glück wünschen.
3. Null Erwartungen in Gauck!
levitian 18.03.2012
Zitat von sysopREUTERSJoachim Gauck wird von vielen Menschen mit riesigen Erwartungen bestürmt- er wird sicherlich einige davon enttäuschen. Trotzdem hat er alle Chancen, ein großer Präsident zu werden. Einer seiner wichtigsten Vorzüge ist sein Alter. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,822057,00.html
Aha, da hat einer in seine Glaskugel geguckt und will uns erzählen, dass Gauck ein ganz großer Präsident wird. Abgesehen davon, dass dieser Versorgungsposten absolut überflüssig ist, kann in meinen Augen ein Mann, der angetreten ist, den Deutschen Demokratie zu lehren , außer Hohn und Spott nicht viel ernten. Wer ist dieser Prediger, der schon übergeschnappt ist, bevor er gewählt wurde? Ich suche mir meine Lehrer noch selbst aus.
4.
dandelion13 18.03.2012
Zitat von sysopREUTERSJoachim Gauck wird von vielen Menschen mit riesigen Erwartungen bestürmt- er wird sicherlich einige davon enttäuschen. Trotzdem hat er alle Chancen, ein großer Präsident zu werden. Einer seiner wichtigsten Vorzüge ist sein Alter. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,822057,00.html
Joachim Gauck. Bei allem Gewese um diese Person muss man sich doch ernsthaft fragen, wie Deutschlands Bürger und Medien diese, unsere deutsche Ikone des heldenhaften Freiheitskampfes so lange und so sehr übersehen konnten. Was für ein Kitsch.
5. Immer nur meckern :)
sonnenthau 18.03.2012
Zitat von ted211Gab es denn keinen 100 jährigen Kandidaten, der schon die Weimarer Republik miterlebt hat?
Wäre er - der Bundespräsident - 20 Jahre jünger müsste das Volk 20 Jahre länger Ehrensold zahlen .... so aber ist die Dauer doch überschaubar. Aber Nein, reindenken darf man sich nicht. Der wievielte Bundespräsident mit Ehrensoldbezug ist er? Nummer 4 oder 5? Nur Herr Wulff ist ein Ausreißer - bei dem zahlen wir alle ein ganzes Stück länger ...
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Vom Kandidaten zum Präsidenten
Wer wählt den Bundespräsidenten?
Die Bundesversammlung, die sich aus den Abgeordneten des Bundestages und einer gleichen Zahl von Wahlmännern beziehungsweise -frauen aus den Ländern zusammensetzt. Letztere werden von den Länderparlamenten entsprechend den jeweiligen politischen Stärkeverhältnissen gewählt. Derzeit gehören dem Parlament 620 Abgeordnete an. Die Bundesversammlung umfasst somit 1240 Wahlleute.
Wie wird gewählt?
Das Staatsoberhaupt wird geheim und ohne vorherige Aussprache gewählt. Gewählt ist, wer die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigt. Die Wiederwahl ist einmal möglich. Wählbar ist jeder Deutsche, sofern er das 40. Lebensjahr vollendet hat. Sollte kein Bewerber im ersten oder zweiten Wahlgang die absolute Mehrheit erreichen, reicht im dritten Wahlgang die relative Mehrheit. Drei Mal waren bislang drei Wahlgänge erforderlich: 1969 bei Gustav Heinemann, 1994 bei Roman Herzog und 2010 bei Christian Wulff.
Wann wird gewählt?
Laut Gesetz muss die Bundesversammlung spätestens 30 Tage vor dem Ende der Amtszeit des Bundespräsidenten zusammentreten. Sollte eine Amtszeit verfrüht enden muss die Bundesversammlung spätestens dreißig Tage später den Nachfolger wählen. Als spätester Termin für die Neuwahl kommt somit der 18. März in Frage. Einberufen wird die Versammlung vom Bundestagspräsidenten.
Wer hat die Mehrheit?
Die parteipolitische Mehrheit der Bundesversammlung muss nicht identisch sein mit den Mehrheitsverhältnissen im Bundestag. Nach Berechnungen des Portals wahlrecht.de hätte Schwarz-Gelb derzeit nur eine Mehrheit von zwei bis vier Stimmen in der Bundesversammlung. Da SPD und Grüne mit im Boot sind, gilt die Wahl von Joachim Gauck als sicher.
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