Kommunalwahl CDU fürchtet Schockergebnis in NRW-Großstädten

Die SPD braucht dringend ein Erfolgserlebnis - ausgerechnet das fast verloren geglaubte Nordrhein-Westfalen könnte eines liefern. Bei Umfragen zur Kommunalwahl am Sonntag liegen die Sozialdemokraten in vielen Städten vorn. Die Konkurrenz stänkert. Oder patzt mit skurrilen Vorschlägen.

dpa

Düsseldorf - Der Kandidat kennt sich aus, zumindest mit gebratener Dorade auf Ratatouille-Salat, Koteletts vom Iberico-Schwein und Waldbeeren-Strudel. Fachmännisch schneidet Hobbykoch Hans-Joachim Pohlmann, 54, im Restaurant "Hürster's Kochwerkstatt" in Dortmund am vergangenen Donnerstag Laugenbrezel-Knödel in tellertaugliche Portionen. Er gießt noch ein wenig Essig und Öl ins Salat-Dressing und wischt die Hände an der weißen Schürze ab. "Chefkoch Poldi" steht darauf, blau gestickt - "mein Spitzname", sagt der Kandidat und lächelt gewinnend in die Kameras.

Würde er in einer der zahlreichen Kochshows antreten, hätte Pohlmann beste Siegchancen. Doch der parteilose Jurist und Chef des örtlichen Anwaltvereins ist bei der nordrhein-westfälischen Kommunalwahl am 30. August Spitzenkandidat von CDU und FDP in Dortmund. Nach einem aktuellen Stimmungstest des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap im Auftrag des WDR liegt er trotz ungewöhnlicher Wahlkampfauftritte satte zehn Prozent hinter seinem SPD-Kontrahenten Ullrich Sierau.

Anderen CDU-Oberbürgermeisterkandidaten in elf untersuchten Großstädten geht es laut Umfrage kaum besser als Hobbykoch Pohlmann: Glaubt man den Meinungsforschern, liegen bei den Oberbürgermeisterwahlen die SPD-Kandidaten mehrheitlich vorne. Nur drei Rathäuser gelten als sicher für die CDU, die aber wohl die meisten Räte dominieren wird.

Solche Umfragen sorgen für angespannte Stimmung in der Düsseldorfer Staatskanzlei. Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) regiert seit 2005 die einstige SPD-Bastion, im kommenden Mai muss er sich zur Wiederwahl stellen. Bei der Kommunalwahl 1999 errang die CDU mehr als 50 Prozent landesweit, 2004 waren es noch 43,4 Prozent, und auch jetzt werden Verluste vorhergesagt. Die Kommunalwahl, betont Rüttgers darum auf seinen Parteiauftritten im ganzen Land, sei kein Vorzeichen für die Bundestagswahl im September und schon gar nicht für die Landtagswahl 2010.

"Null Erfahrung" - na und?

Ein "kleiner Schock" sei die positive Vorhersage für die Genossen, bekennt der Dortmunder CDU/FDP-Spitzenmann Pohlmann und kann sich die Sache nur so erklären: Es sei wohl etwas dran an dem Spruch, dass man in den traditionellen Hochburgen der Sozialdemokraten in Nordrhein-Westfalen "einen Besenstiel mit dem Schild SPD dran aufstellen kann - und der wird gewählt".

In der SPD-Hochburg Dortmund setzen Union und FDP mit Pohlmann auf einen Überraschungskandidaten, der auch Überraschendes von sich gibt: Der braungebrannte James-Bond-Fan bekennt fröhlich, er habe "null Erfahrung" in Politik und Verwaltung - "aber da kommt man schnell rein". Pohlmann beschreibt sich als "überzeugten Wechselwähler": CDU-Altkanzler Kohl habe er nicht gewählt, sondern für Ex-SPD-Bundeskanzler Schröder gestimmt. Mit ähnlichen Argumenten möchte er nun die Dortmunder davon überzeugen, ihr Kreuzchen bei ihm als CDU-FDP-Kandidat zu machen: Politik lebe vom Wechsel. "60 Jahre SPD-Oberbürgermeister in Dortmund sind zu lang", so Pohlmann.

Auch in Köln, der größten Stadt des Landes, soll ein Kandidat ohne Klüngel-Biografie für die CDU den Oberbürgermeistersessel erobern - die Chancen stehen freilich noch schlechter als in Dortmund. Peter Kurth heißt der Mann, ist 49 Jahre alt, war Banker und Finanzsenator in Berlin. Für das riskante "Unternehmen Domstadt" hat er den hoch dotierten Vorstandsposten beim Berliner Entsorgungsunternehmen Alba AG aufgegeben. Ohne Rückfahrtticket. Ein "Imi" wie man in Köln sagt, ein Zugereister. Dabei ist er wenigstens katholisch und in Siegburg in der Nähe von Köln geboren.

Was anderswo ein Nachteil wäre, ist hier in Köln der Trumpf: Der neue CDU-Spitzenmann sollte nichts mit den unappetitlichen Kungeleien früherer Parteigrößen der Domstadt zu tun haben. Kurth ist nicht volkstümlich, kein Vereinsmeier, ein schlanker Mann mit grauen Haaren und wachem Blick. Der Jurist hat sein Hauptquartier in der Nähe von Schildergasse und Opernhaus aufgeschlagen, das "Kaffee Kurth" in einem ehemaligen Laden in der Herzogstraße.

Wie man sich in Köln selbst ein Bein stellt

Er nennt es "Kampa", nach der legendären Bonner Wahlkampfzentrale, die 1998 den Schröder-Sieg gemanagt hat. Die große Stadtkarte neben dem langen Tisch, an dem die Kampa tagt, dient auch der Orientierung. "Muss doch wissen, wo meine Auftritte sind." Nach dem Verzicht des glücklosen Amtsinhabers Fritz Schramma (CDU) auf eine erneute Kandidatur wurde in der Stadt am Rhein lange nach einem passablen Nachfolger gesucht. Am Ende soll Ministerpräsident Jürgen Rüttgers selbst die Fäden gezogen haben.

Am 10. Juni wurde er zum Spitzenkandidaten der CDU nominiert. Dass ihn inzwischen schon jeder dritte Kölner zu seinem Oberbürgermeister wählen will ist mehr als ein achtbarer Erfolg. Tendenz steigend. Und er könnte noch deutlich mehr Stimmen bekommen, wenn die FDP auf ihren eigenen OB-Kandidaten verzichten würde. Kurth spricht schmallippig von einer "Schwächung des bürgerlichen Lagers" - und hofft, dass FDP-Mann Ralph Sterck vielleicht doch noch aufgibt, was dieser bisher vehement ablehnt.

Doch nun hat sich Sterck selbst ein Bein gestellt und für Kölner Verhältnisse eine Ungeheuerlichkeit begangen: Er stellt den in der Domstadt traditionell arbeitsfreien Rosenmontag in Frage. Der sei ein "Standortnachteil für Köln", auch die Beamten der Stadt müssten sich demnächst am höchsten Feiertag der Kölner Urlaub nehmen, wenn Sterck Oberbürgermeister würde. Doch davon ist der Liberale weit entfernt: 6,3 Prozent bekam er bei einer Umfrage des "Kölner Stadt-Anzeigers", und das war noch vor der Sache mit dem Rosenmontag.

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