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Konferenz in Berlin: "Der Leugnung des Holocaust etwas entgegensetzen"

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Bei Rechtsextremen und Islamisten hat das Leugnen des Holocaust Konjunktur. Die Bundeszentrale für politische Bildung will solche Strömungen nicht länger ignorieren: Mit einer Konferenz in Berlin will sie klar machen, dass der Holocaust keine politische Verfügungsmasse ist.

Berlin - Irans Präsident Ahmadinedschad hat den Mord an sechs Millionen Juden durch Nazideutschland zum "Märchen" erklärt und Israel das Existenzrecht abgesprochen. Deutsche Neonazis haben zur Solidaritätsbekundung mit Ahmadinedschad während der Fußball-WM iranische Flaggen gehisst. Und zu einer Konferenz nach Teheran, auf der jetzt die Leugnung des Holocaust jetzt im Großen betrieben werden soll, hat der iranische Präsident auch deutsche Rechtsradikale wie Horst Mahler eingeladen.

Kinder bei der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch russische Soldaten (April 1945): "Die Zivilgesellschaft braucht die Vergewisserung der Grundlagen unserer politischen Kultur"
AP

Kinder bei der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch russische Soldaten (April 1945): "Die Zivilgesellschaft braucht die Vergewisserung der Grundlagen unserer politischen Kultur"

"Es gibt zwei Muster der Infragestellung des Holocaust - den Rechtsextremismus und den Islamismus", sagt Thomas Krüger, Leiter der Bundeszentrale für politische Bildung. Bemerkenswert sei, dass beide Richtungen sich sukzessive verschränken und immer mehr Berührungspunkte entwickeln würden. "Antisemitismus, Antiamerikanismus und Demokratiefeindlichkeit sind sowohl bei Rechtsextremen und als auch bei Islamisten sehr ausgeprägt", so Krüger.

Wer diese Entwicklungen ignoriere, billige sie stillschweigend, sagt er. Deshalb organisiert die Bundeszentrale für politische Bildung zusammen mit dem Zentrum für Antisemitismusforschung am Montag eine Konferenz in Berlin. Der Titel: Der Holocaust im transnationalen Gedächtnis. "Die Leugnung oder Infragestellung des Holocaust darf nicht unkommentiert bleiben. Wir müssen diesen Strömungen etwas entgegensetzen, bevor sie in die Kapillaren unserer Gesellschaft einziehen", so Krüger zu SPIEGEL ONLINE.

Klar machen: "So ist es gewesen"

Am Beginn der Konferenz steht der wissenschaftliche Status quo - die Ergebnisse der Holocaustforschung. "Wir müssen klar sagen: So ist es gewesen. Die Realität steht nicht zur Debatte und ist keine politische Verfügungsmasse, je nachdem welcher Ideologie man angehört", erklärt der Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung, Wolfgang Benz, SPIEGEL ONLINE. Angesichts der Propaganda des iranischen Präsidenten und anderer "braucht unsere Zivilgesellschaft schlicht die Selbstvergewisserung der Grundlagen unserer politischen Kultur", sagt Benz.

Anschließend soll auf der Konferenz der Holocaust im transnationalen Gedächtnis beleuchtet werden. Gesprochen werden soll über Fragen wie:

  • Welche Mechanismen und Intentionen liegen den jeweiligen Holocaustleugnungen zu Grunde?
  • Welche Schlüsse und Fehlschlüsse folgen der Rezeption der aktuellen Debatte um die Holocaustleugnungen?
  • Und vor welchen Herausforderungen stehen gegenwärtig die deutsche, die europäische und internationale Politik und ihre Zivilgesellschaften?

Wolf Biermann liest vor einer Podiumsdiskussion zum Thema "Der Holocaust und die muslimische Welt - aktueller Diskussionsstand und Vermittlungsprobleme". Thomas Krüger betont: "Wir wollen aber keinen falschen Zungenschlag in die Diskussion bekommen. Nicht Muslime leugnen den Holocaust, sondern Islamisten."

Die gleichzeitig in Teheran stattfindende Holocaustleugner-Konferenz, zu der Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad 67 Teilnehmer aus 30 Ländern eingeladen hat, sei für die Diskussionen in Berlin nicht der Bezugspunkt, sagt Thomas Krüger. "Vielmehr ist unser Ansatzpunkt universalistisch. Wir nehmen den Tag der Menschenrechte einen Tag vor unserer Konferenz zum Anlass, um über den Holocaust, als Menschenrechtsverletzung, schlechthin zu diskutieren", so Krüger. Einiges, was aus Teheran durchdringt, werde man möglicherweise antizipieren. "Aber wir werden uns nicht auf absurde Argumentationen einlassen", so der Leiter der Bundeszentrale für politische Bildung.

"Nagel auf den Kopf getroffen"

Auf den Podien der Veranstaltung in Berlin sitzen so prominente Holocaust-Forscher wie Peter Longerich und Raul Hilberg. Hilberg stellt mit seinem Werk über "Die Vernichtung der europäischen Juden" über vierzig Jahre nach der ersten Veröffentlichung auf Englisch noch heute das Standardwerk über den Holocaust. "Viele Jahre war Raul Hilberg nicht mehr in Deutschland. Dass auch er seine Perspektive noch einmal darlegen will, zeigt, dass wir mit dem Thema den Nagel auf den Kopf getroffen haben", so Krüger. Hilberg, selbst Jude, war im Jahr 1939 mit seinen Eltern vor den Nazis aus Wien über Kuba in die USA geflohen. Zu Beginn der fünfziger Jahre sah Hilberg zehntausende Dokumente aus den Nürnberger Prozessen - von der Geschichtswissenschaft damals kaum beachtet - für seine Arbeiten über den Holocaust ein.

Götz Aly schrieb über Hilberg zu dessen achtzigstem Geburtstag vor einem halben Jahr: "In seinem Werk materialisiert sich die Arbeit eines Mannes, der sich ein Leben lang darum bemühte, etwas zu erkennen, was viele seiner Zeitgenossen nicht erkannten und nicht erkennen wollten. Hilberg urteilt nicht, er rekonstruiert politische Prozesse."

Neben Hilberg und Longerich sind unter den Vortragenden und Diskutanten der Tel Aviver Soziologe Natan Sznaider, der Publizist Navid Kermani, der Islamwissenschaftler Michael Kiefer und der Historiker Wolfgang Kraushaar vom Hamburger Institut für Sozialforschung.

"Unsere Konferenz soll ein Signal und eine Einladung dazu sein, zu diskutieren", sagt Krüger. Mit der deutschen Geschichte gehe die Verpflichtung einher, wach zu bleiben, so Krüger.

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