Konferenz mit Muslimen: "Jede Form von Lex Islam ist falsch"

Unter der muslimischen Minderheit ist die morgen beginnende Deutsche Islam-Konferenz umstritten. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt Navid Kermani, einer der profiliertesten islamischen Intellektuellen Deutschlands, warum Muslime keine Sonderrechte brauchen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kermani, herzlichen Glückwunsch: Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble zählt Sie zu jenen, die "die Debatte über den Islam prägen". Deshalb hat er Sie als Vertreter der sogenannten unorganisierten Muslime zur morgigen Auftaktveranstaltung der "Deutschen Islam-Konferenz" eingeladen. Haben Sie sich schon den einen Satz oder Beitrag zurechtgelegt, den Sie auf jeden Fall loswerden wollen?

Navid Kermani...
DDP
ist Schriftsteller und habilitierter Orientalist und lebt in Köln. Er wurde 1967 als Sohn iranischer Eltern in Siegen geboren und hat die iranische sowie die deutsche Staatsbürgerschaft. Zu seinen Veröffentlichungen zählen "Der Schrecken Gottes. Attar, Hiob und die metaphysische Revolte" (2005), "Du sollst. Erzählungen" (2005), und "Das Buch der von Neil Young Getöteten" (2004). Seit der Spielzeit 2005/2006 ist er außerdem Regisseur und "Kurator für außergewöhnliche Veranstaltungen" am Schauspielhaus Köln.
Kermani: Nein. Und ich finde auch Glückwunsch das falsche Wort. Ich lasse mir Gratulationen gern gefallen, wenn ich einen Preis gewinne oder als ich gestern Abend nach dem Sieg des 1. FC Köln aus dem Stadion kam, aber an so einer Islamkonferenz teilzunehmen, die öffentlich so argwöhnisch oder erwartungsvoll beobachtet wird, das ist mehr eine Verpflichtung als eine Auszeichnung, zumal die meisten von uns eigentlich eine ganz andere Arbeit haben. Was meinen Betrag angeht: Die Veranstaltung morgen dauert zwei Stunden, laut Tagesordnung sind sieben Redner vorgesehen, die übrigen 23 haben dann vielleicht je zwei Minuten. Der Auftakt wird also eher symbolisch. Substantielles kann man da kaum besprechen.

SPIEGEL ONLINE: Da trifft es sich ja, dass Herr Schäuble die "DIK" auf zwei Jahre angelegt hat. Was sind Ihrer Meinung nach die brennenden Fragen im Verhältnis zwischen Muslimen und Mehrheitsgesellschaft?

Kermani: Vor allem, wie man das Verhältnis von Muslimen zum Staat regelt. Was sind die Erwartungen der Mehrheitsgesellschaft an Muslime, die ihre Religion praktizieren wollen? Welchen Modus kann man in Fragen des Islamunterrichts oder des Moscheebaus finden? Ich setzte die Erwartungen aber nicht zu hoch. Hier ist nicht der Islam repräsentiert, sondern einige Vertreter der Verbände und einige Unorganisierte. Ich bin aber zugleich froh, dass der Staat endlich mit Muslimen und nicht nur über Muslime redet. Das wird einiges verändern, in der Atmosphäre und der Sache. Islamisten, die Terroranschläge planen, die wird man durch Konferenzen nicht abhalten können. Aber man bindet die Mehrheit der Muslime in die öffentliche Gemeinschaft ein, in das öffentliche „Wir“. Das ist sehr positiv.

SPIEGEL ONLINE: Es fällt auf, dass das Spektrum der muslimischen Vertreter breit ist: Es reicht von orthodoxen Verbänden wie dem Islamrat bis zu Kritikerinnen wie Necla Kelek, denen einige vorwerfen, womöglich gar nicht gläubig zu sein.

Kermani: Jeder der 15 eingeladenen Muslime hätte selbst sicher eine andere Gästeliste geschrieben. Und die, die nicht dabei sind, finden die Liste ohnehin skandalös. Ich finde gut, dass durch die Mischung kritische Themen präsent sein werden, und man zugleich mit den Verbänden darüber sprechen kann, anstatt sie in ihrer Abwesenheit zu kritisieren. Was die Repräsentanz des Islams geht, kann ich durchaus verstehen, wenn jemand sagt: Es kann nicht dauerhaft einfach vom Minister verordnet werden, wer den Islam vertritt. Ich kann auch die Erwartung verstehen, dass diejenigen, die nicht nur über, sondern für den Islam sprechen, sich in irgendeiner Weise zum Islam zugehörig fühlen sollten. Aber darüber kann man ja im Laufe der Konferenz sprechen, und zwar gerade mit denen, die ein besonders kritisches Verhältnis zum Islam haben: Wie könnte im Laufe der Jahre eine irgendwie repräsentative Vertretung des Islams entstehen, die nicht nur den Verbandsislam abbildet, der tendenziell eher orthodox ist, und die für den Staat ein Ansprechpartner wäre.

SPIEGEL ONLINE: Es geht dabei nicht nur um Frömmigkeit: Einige Sunniten halten Aleviten für Ungläubige, und Schiiten und Sunniten sind sich auch nicht immer grün. Morgen werden Vertreter aller drei Gruppen dabei sein.

Kermani: Diese Konflikte soll man nicht ausblenden. Aber der Staat kann sie nicht entscheiden. Er darf nicht sagen: Ihr seid Muslime, und die anderen sind keine , obwohl sie sich selbst als solche begreifen. Andererseits lässt dieses Nichtmonolithische des Islam auch Flexibilität zu.

SPIEGEL ONLINE: Der Gastgeber, Herr Schäuble, hat vorgegeben, was für ihn wünschenswerte Ergebnisse wären: Lehrpläne für den Islamunterricht, Regeln für die Imam-Ausbildung und eine Einigung darüber, dass in Deutschland auf Deutsch gepredigt wird.

Kermani: Die ersten beiden Vorgaben teilen wohl alle Teilnehmer. Es kann nicht länger sein, dass es Islamunterricht in einigen Bundesländern nur auf Türkisch gibt. Auch eine Imam-Ausbildung brauchen wir hier dringend. Ich finde es richtig, dass Herr Schäuble sich dazu bekennt. Nicht einverstanden bin ich mit der Forderung, von oben zu bestimmen, in welcher Sprache in der Moschee gepredigt wird. Für mich gehört zu einer offenen, europäischen Gesellschaft, dass man Vielsprachigkeit nicht als Mangel empfindet. Ich finde auch Parallelgesellschaften nicht so schlimm, es gibt ja nicht nur islamische. Vielmehr setzt sich jede Gesellschaft aus vielen Gesellschaften zusammen. Eher geht es darum, dass die Leute sich alle an den klaren Maßstab des Grundgesetzes halten, wo Werte wie die Gleichberechtigung der Frau und Meinungsfreiheit festgeschrieben sind. Ich finde aber nicht, dass das Grundgesetz vorschreibt, in welcher Sprache Menschen ihre Religion praktizieren müssen. Statt Zwang würde ich auf größere Sprachförderung, auf Ausbildung deutschsprachiger Imame und den Lauf der Dinge vertrauen, welcher der deutschen Sprache in den Moscheen zu größerer Geltung verhelfen wird.

SPIEGEL ONLINE: Sie schrieben kürzlich, dass die Minderheitenposition des Islam in Europa den Reformdruck erhöht. Wie haben Sie das gemeint?

Kermani: Eine Minderheit ist anderen Fragen und einem anderen Rechtfertigungsdruck ausgesetzt, was auch bedeutet, das Eigene immer wieder in Frage zu stellen, um es zu begründen. In Deutschland läuft das verzögert ab, anders als in den europäischen Ländern mit stärkerer kolonialer Tradition. Die islamischen Debatten in Paris und London haben bereits klare Auswirkungen auf die arabische Welt, auf Iran und Pakistan. In diesen Ländern gibt es nicht nur Arbeitsmigranten, sondern von vornherein eine starke muslimische Elite. Der Typus des islamischen Intellektuellen ist dort etabliert, da muss keiner mehr direkt von der Werkbank mit dem Kardinal reden. Viele der großen islamischen Denker leben in Europa, weil sie hier mehr Freiheit haben als in ihren Ursprungsländern. Meine Generation ist die erste, wo so etwas in Deutschland entstehen kann - muslimische Eliten, die ihre religiöse Herkunft nicht verleugnen, und zugleich selbstverständlich Deutsche oder Europäer sind. Dieser Prozess der Justierung einer Religion an eine andere Kultur wird aber noch zwei, drei Generation weitergehen.

SPIEGEL ONLINE: Die Deutsche Oper in Berlin hat gestern die Oper "Idomeneo" aus dem Programm genommen, an deren Ende unter anderem der Prophet Mohammed auftaucht - angeblich hat die Polizei vor Anschlägen gewarnt. Haben Sie Sorge, dass die Terrorangst, die Debatte um Papstäußerungen über den Islam und die Nachwirkungen des Karikaturenstreits die Islam-Konferenz überschatten?

Kermani: Ja, natürlich. In dem Augenblick, in dem es hier etwa tatsächlich Anschläge gäbe, würden nur noch die zählen - da können wir reden, so viel wir wollen. Ich halte es für die falsche Haltung, vorsorglich alles zu verhindern, was irgendwelchen Leuten aufstoßen könnte. Ich finde jede Art von "Lex Islam" falsch. Diese Unterstützung brauchen die Muslime bestimmt nicht. Was sie brauchen, sind die gleichen Rechte, keine Sonderrechte.

SPIEGEL ONLINE: Meinen Sie denn, dass Muslime in Deutschland nicht die gleichen Rechte haben?

Kermani: Im Prinzip natürlich schon, und ich gehöre nicht zu denen, die alles schlecht finden, was sich in den vergangenen vierzig Jahren zwischen alten und neuen Deutschen entwickelt hat. Weder finde ich den Staat islamfeindlich, noch stimme ich in die Hysterie ein, die die gesamte Migrationsgeschichte der Muslime in Deutschland auf die Probleme an der Rütli-Schule reduziert. Aber ich möchte als Beispiel für Irritationen die Kopftuchfrage nennen. Man kann verschiedener Meinung sein, ob das Tuch sein soll oder nicht, und was es bedeutet. Jedenfalls ist es ein religiöses Symbol des Islam und als solches genau so politisierbar wie das Kreuz oder der Davidstern. Natürlich hat das Kreuz für Nichtchristen nicht nur die Bedeutung der Bergpredigt. Diese Symbole stehen jeweils für eine Religion, aber auch dafür, wie sie sich gewalttätig anderen gegenüber verhalten hat und verhält. Wenn man deutschen Lehrerinnen das Kopftuch prinzipiell verbietet sollte man insgesamt auf allzu augenscheinliche religiöse Symbole in den Schulen verzichten. Dann würde man die Muslime einbinden und ihnen signalisieren: Was für euch gilt, gilt für alle. Ohnehin sehe ich nicht, wie bestimmte Gesetze, die sich nur auf den Umgang mit einer einzigen Religionsgemeinschaft beziehen, mit dem Grundgesetz vereinbar wären. Einen besseren Schutz als das Grundgesetz können sich religiöse Minderheiten kaum wünschen.

Das Interview führte Yassin Musharbash

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