Konsequenzen des Amoklaufs CSU will Killerspiel-Verbot, SPD Kontrolle über Schützenvereine

Notruffunktionen für Internet-Nutzer, ein Killerspiel-Verbot, mehr Kontrolle in Schützenvereinen: Politiker der Großen Koalition streiten nach der Bluttat von Winnenden über politische Konsequenzen. Die Polizeigewerkschaft beklagt Sicherheitslücken bei der Waffenkontrolle.


Berlin/München - Geht es nach dem Willen des bayerischen Innenministers Joachim Herrmann, dann werden sogenannte Killerspiele bald verboten: "Ich bin kein Gegner von Computerspielen. Aber es gibt brutalste Killerspiele, die völlig inakzeptabel sind und verboten gehören", sagte der CSU-Politiker dem "Münchner Merkur". Herrmann kündigte an, Bayern wolle auf Länderebene einen neuen Anlauf unternehmen, besonders gewaltverherrlichende Spiele aus dem Verkehr zu ziehen. "Wir müssen uns jetzt endlich aufraffen und den Mut haben, die brutalsten Spiele zu verbieten. Das ist keine Frage der Medien- und Kunstfreiheit mehr", sagte Herrmann.

Auch der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, Hans-Peter Uhl (CSU), forderte ein Komplettverbot von Killerspielen. "Wir brauchen das Herstellungs- und Verbreitungsverbot von Killerspielen. Und zwar nicht vom Alter abhängig, sondern generell", sagte Uhl der "Thüringer Allgemeinen". Offensichtlich hätten Killerspiele bei dem Amokschützen von Winnenden eine große Rolle gespielt.

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Der Amoklauf des Tim K.: Rekonstruktion der Tat
Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) rief Schützenvereine dazu auf, ihre Mitglieder künftig besser zu kontrollieren. "Die Schießsportvereine müssen ihre Mitglieder noch stärker in die Verantwortung nehmen", sagte Zypries der "Rheinischen Post". Die Aufbewahrungspflichten im Waffengesetz müssten unbedingt eingehalten werden - der 17-jährige Amokläufer Tim K. hatten seinen Vater oft zu Schießübungen im Schützenverein begleitet, die von Tim K. verwendete Tatwaffe lag im Elternschlafzimmer.

Ein Verbot, Waffen zu Hause aufzubewahren, lehnt Zypries dagegen ab. "Wir haben nach Erfurt 2002 sehr ausführlich darüber diskutiert, ob Schützen ihre Waffen besser im Vereinshaus oder zu Hause lagern sollten", sagte die Ministerin der Zeitung. Nach Abwägung aller Argumente sei jedoch entschieden worden, dass die Aufbewahrung zu Hause sicherer sei als in zentralen Waffenlagern. "Denken Sie nur, welch attraktives Einbruchsobjekt sonst ein einsam stehendes Vereinsheim werden würde", gab Zypries zu bedenken.

CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla schloss sogar eine Verschärfung des Waffenrechts nicht aus. Es sei aber klar, dass ein solcher Schritt allein das Problem nicht lösen werde, sagte er dem "Tagesspiegel". Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) und Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) sprachen sich allerdings zuvor bereits gegen eine Verschärfung des Waffenrechts aus.

Die Familienministerin will bei der Prävention von Bluttaten wie in Winnenden künftig verstärkt auf jugendliche Internet-User setzen. Jugendliche hätten in diesem Medium "mehr Kompetenz" als die Elterngeneration, sagte die Ministerin am Donnerstag in der ZDF-Sendung "Maybrit Illner". Sie müssten ermuntert werden, im Netz Zivilcourage zu zeigen. Chatrooms sollten daher die Möglichkeit bieten, dass Kinder und Jugendliche per "Not-Klick" Erwachsene erreichen, wenn ihnen etwas "unheimlich" erscheine, sagte die Ministerin. "Wir haben im Internet nicht so etwas wie 110."

Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) beklagte "eklatante Sicherheitslücken" bei der Kontrolle von Waffen. "Es darf nicht sein, dass bei Sportschützen oder Jägern private Waffenlager entstehen und es keiner merkt", sagte DPolG-Chef Rainer Wendt der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Wer Tausende Schuss Munition und zig Waffen zu Hause bunkere - wie im Fall Winnenden - dem gehöre die Waffenlizenz abgenommen. Die Ordnungsbehörden müssten regelmäßige Kontrollen in Wohnungen von Waffenbesitzern machen, forderte Wendt. Jede Pommesbude in Deutschland werde deutlich strenger geprüft als der Umgang mit Waffen. "Nur mit schärferer Aufsicht lassen sich Missbrauch oder Nachlässigkeiten aufdecken."

Der SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz warnte vor einer hysterischen Debatte. "Wenn ich höre, wie sich die Forderungen nur Stunden nach der Tat überschlagen, ist das doch völlig gaga", sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) ergänzte: "Ich warne davor, sich vorschnell in einen politischen Wettlauf von Forderungen hineinzusteigern." Bei den meisten Vorschlägen - etwa zum Waffenrecht oder zur Sicherheit an Schulen - handele es sich um Placebos.

hen/dpa/AFP/ddp

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