Erste Sitzung nach der Wahl Was Sie über den neuen Bundestag wissen müssen

Alle vier Jahre wieder - und doch jedes Mal anders: Einen Monat nach der Wahl kommt der neue Bundestag zusammen. Warum ist diese Sitzung besonders? Wo sitzt die Kanzlerin? Was macht der Bundespräsident, wenn es langweilig wird? Basiswissen und kuriose Fakten im Überblick.

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Von und Andreas Spinrath


Berlin - Der Bundestag wird ordentlich durchgemischt: Hunderte Parlamentarier räumen derzeit ihre Büros, die Nachfolger kämpfen noch mit Orientierung im Gängegewirr. In der Verwaltung kümmert sich eine Task-Force von 50 Mitarbeitern um 125 Büroumzüge pro Woche, sechs Transporter fahren Möbel, Computer und Baumaterial hin und her.

631 Mitglieder zählt der neue Bundestag. Fast ein Drittel zieht erstmals ins Parlament ein, mit der FDP ist eine ganze Fraktion ausgeschieden - eine Kraftprobe für den Apparat. Die Sitzreihen im Plenarsaal sind schon ummontiert, die Reichstagskuppel ist frisch poliert.

Das Ergebnis des Mammut-Umbaus sieht man ab 11 Uhr. Dann kommt der neu gewählte Bundestag erstmals zusammen. Die konstituierende Sitzung hat mehr als eine symbolische Bedeutung: Jetzt endet die Amtszeit von Angela Merkel und ihren Ministern offiziell, die Bundesregierung bleibt vorerst nur geschäftsführend im Amt.

Warum wird die Nationalhymne gesungen? Wer hat den weitesten Anfahrtweg? Und wo sitzt die Kanzlerin? Basiswissen, interessante Neuzugänge und kuriose Superlative - all das verrät der SPIEGEL-ONLINE-Guide zur Premiere des neuen Bundestags.


1. Basiswissen in Zahlen und Fakten

Plenum aus der Vogelperspektive: Bundestag wird durchgemischt
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Plenum aus der Vogelperspektive: Bundestag wird durchgemischt

Der neue Bundestag hat 631 Mitglieder, inklusive eines Nachrückers aus der SPD. Das sind elf Abgeordnete mehr als der alte hatte. Aktuell stehen auf der Abgeordnetenliste 402 Männer und 229 Frauen. Das entspricht einem Frauenanteil von 36,3 Prozent, ein Rekordwert. Zum Vergleich: 1949 waren knapp sieben Prozent der Abgeordneten weiblich.

Weiterhin sollen hauptsächlich Dienstleister und Juristen das Wahlvolk repräsentieren. Ein paar Quereinsteiger sitzen auch im neuen Parlament, etwa ein Profi-Wrestler, ein Ex-Fernsehkommissar und zwei Bergleute. 34 Abgeordnete stammen aus Einwandererfamilien. Mehr spannende Fakten zum neuen Bundestag erfahren Sie im Laufe des Vormittags im SPIEGEL-ONLINE-Bundestagsradar.


2. Das passiert während der Premiere

Alterspräsident Riesenhuber: Er eröffnet die Sitzung
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Alterspräsident Riesenhuber: Er eröffnet die Sitzung

Los geht es mit Grußworten des ältesten Abgeordneten, dem 77-jährigen Hessen Heinz Riesenhuber. Anschließend wird der Parlamentspräsident gewählt. Der CDU-Abgeordnete Norbert Lammert wird wohl im Amt bestätigt. Lammert wollte eigentlich erst gegen Ende der Sitzung eine Rede halten, nun zieht er sie vor und spricht direkt im Anschluss an seine Wiederwahl. Wohl auch deshalb, weil das ZDF nach zwei Stunden die Live-Übertragung abknipst.

Gegen 13 Uhr gibt sich der Bundestag eine Geschäftsordnung. Aus Zeitgründen beschließt man das alte Regelwerk. Das dürfte bald wieder hinfällig sein: Im Fall einer Großen Koalition ist die Mini-Opposition aus Grünen und Linken vieler wichtiger Rechte beraubt. Deshalb wird in den kommenden Wochen Gerangel um die Geschäftsordnung erwartet.

Anlass für Gegrummel bietet auch die Wahl der Vizepräsidenten, die jede Fraktion entsendet. Sie werden am frühen Nachmittag gewählt, der Job ist begehrt und gut bezahlt. Die Zahl der Posten wächst von fünf auf sechs an, was in Teilen der Opposition für Unmut sorgt. Öffentlich wird darüber am Dienstag wohl nicht gestritten. Schließlich will man die Premiere staatstragend und pannenfrei inszenieren.

Schafft man den Zeitplan, wird gegen 15.30 Uhr die Nationalhymne gesungen, begleitet von einem Bläsertrio. Dass sie überhaupt im Rahmen einer konstituierenden Sitzung erklingt, ist ungewöhnlich. Die Gesangseinlage ist eine Anregung der CSU.


3. Sitzordnung und Besonderheiten

Sitzen ganz vorne: Grünen-Doppelspitze Göring-Eckardt und Hofreiter
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Sitzen ganz vorne: Grünen-Doppelspitze Göring-Eckardt und Hofreiter

Mit der Konstituierung des Bundestags endet die Amtszeit von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihren Ministern. Die Regierungsbank bleibt deshalb leer, die Kanzlerin nimmt wie alle anderen Abgeordneten im Plenum Platz. Scheidende Kabinettsmitglieder sehen, sofern sie kein Mandat haben, von der Besuchertribüne aus zu. Dort wird es besonders voll: Neben Noch-Ministern, VIPs und Ehrengästen sind auch jene 220 Abgeordneten eingeladen, die den Bundestag gerade verlassen haben.

Bundespräsident Joachim Gauck ist anwesend, während der gesamten Sitzung herrscht im Reichstagsgebäude höchste Sicherheitsstufe. Gauck bleibt während der Auszählungen der Wahlgänge, die ziemlich langweilig werden können, aber nicht auf der Tribüne sitzen, sondern zieht sich in einen Nebenraum zurück.

Die Sitzreihen im Plenum sind schon umgebaut, sofort ins Auge fällt der riesige Block für die Union, der fast die Hälfte des Plenarsaales einnimmt. Besonders beliebt sind die Plätze in der ersten Reihe. Die Spitzen der Fraktionen können dort skeptisch gucken oder heftig klatschen - ein Zwischenruf hat bei Live-Übertragungen praktisch Sendegarantie.

Die Union hat künftig einen Platz mehr in der "Front Row" und kommt dort auf sieben Sitze. Die SPD kriegt zwei Plätze mehr und verfügt über fünf Abgeordnete in der ersten Reihe. Bei Linken und Grünen sitzen erneut jeweils zwei Abgeordnete ganz vorne. Die Fraktionschefs heißen Volker Kauder (CDU/CSU), Frank-Walter Steinmeier (SPD), Gregor Gysi (Linke), Anton Hofreiter und Katrin Göring-Eckardt (beide Grüne).


4. Wer kommt, wer geht?

  CSU-Abgeordnete Zeulner: Bundestag wird jünger, weiblicher
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CSU-Abgeordnete Zeulner: Bundestag wird jünger, weiblicher

230 Parlamentarier nehmen das erste Mal überhaupt an einer Bundestagssitzung teil. Darunter Karamba Diaby (SPD), der erste gebürtige Afrikaner im Parlament, oder die 26-jährige CSU-Politikerin Emmi Zeulner, die den Wahlkreis von Karl-Theodor zu Guttenberg übernahm. Der Bundestag wird durch die vielen Neuzugänge jünger und weiblicher, ausgerechnet die konservative CSU hat ihren Frauenanteil im Bundestag mehr als verdoppelt. Zuletzt waren es sechs, nun sitzen 14 CSU-Damen in der Landesgruppe.

Die Neuen nehmen Plätze von abgedankten Parteipromis wie Wolfgang Thierse (SPD), Wolfgang Gerhardt (FDP), Michael Glos (CSU), Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) oder Franz Müntefering (SPD) ein. Der Name Müntefering ist im Bundestag trotzdem vertreten: Ehefrau Michelle holte für die SPD ein Direktmandat.


5. Kuriose Superlative

Unionsfraktionschef Kauder mit Papier: Es wird digitalisiert
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Unionsfraktionschef Kauder mit Papier: Es wird digitalisiert

Als Alterspräsident Riesenhuber 1976 in den Bundestag einzog, war Helmut Schmidt Kanzler, Borussia Mönchengladbach Fußballmeister und die FDP im Parlament. 51 Jahre trennen den 77-jährigen CDU-Politiker vom jüngsten Abgeordneten, dem 26-jährigen Mahmut Özdemir (SPD).

Noch länger dabei ist der dienstälteste Parlamentarier Wolfgang Schäuble. Seit 1972 sitzt er im Bundestag. Genau wie Thomas de Maizière hat Schäuble bereits jeweils drei verschiedene Ministerposten besetzt. Auch im neuen Kabinett gelten beide als sichere Kandidaten.

Die weiteste Anreise hat Armin Schuster von der CDU: 685 Kilometer Luftlinie sind es von seinem Wahlkreis Lörrach-Müllheim bis zum Reichstagsgebäude. Den längsten Nachnamen mit 20 Buchstaben trägt Sabine Bätzing-Lichtenthäler aus der SPD-Fraktion. Plagiatsjäger können sich über viel potentielle Arbeit freuen, denn im 18. Bundestag sitzen sieben Professoren und 112 Parlamentarier mit Doktortiteln.

Ein alter Rekord soll künftig unterboten werden: Rund 350 Millionen Blatt DIN-A4-Papier wurden in der vergangenen Legislaturperiode verbraucht. Nun soll es Anträge, Gesetzentwürfe oder Protokolle künftig nur noch digital und nicht mehr automatisch gedruckt im Postfach geben. So will die Verwaltung den Papierverbrauch reduzieren.


Die Ereignisse der konstituierenden Sitzung können Sie im Minutenprotokoll von SPIEGEL ONLINE nachlesen.

Einen Überblick aller Abgeordneten finden Sie hier, die Ergebnisse der Bundestagswahlen von 1949 bis heute in der der SPIEGEL-ONLINE-Zeitmaschine. Twitternden Parlamentariern können Sie hier folgen. Was Neuzugänge über ihre ersten Wochen in Berlin posten, sammelt diese Facebook-Liste.

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
marecs 22.10.2013
1. würde
mir wünschen die müssten alle mal für 6 Monate zur "Bewährung in die Produktion". ich bin so froh das ich nur noch bis ende dieses Jahres Steuern bezahle in Deutschland.
joG 22.10.2013
2. Es ist schön Mal ein Parlament zu haben....
....zu deren Eröffnungsfeier Minister der provisorischen Regierung von den Gästebänken zusehen. Hoffentlich geschieht nichts im Zuständigkeitsbereich dieser Minister, das eine rasche Mehrheit im Bundestag erfordert zum Wohle des deutschen Volks.
jürgendurden 22.10.2013
3. die hymne singen...
...auf anregung der cdu hin? was für ein populistisch-patriotischer kappes. wir-gefühl und stadionatmosphäre, so geht politik in und aus bayern. zum speien.
mielforte 22.10.2013
4. Quasselbude
Nach dem Wegfall der Opposition wird es nur noch o.g. Einrichtung sein. Debatten als Merkmal einer funktionierenden Demokratie wird es nur noch zum Schein geben. Gute Nacht, Legislative!
Regulissima 22.10.2013
5. Übertragung
Anlässlich der Eröffnungssitzung des vorangegangenen BT wurde die Rede des Präsidenten Lammert lediglich in einem 15-minütigen Clip in ARD, ZDF und den Regionalsendern gezeigt, was er scharf gerügt hat. Es ist nur zu hoffen, dass die Programmverantwortlichen aus ihren Fehlern gelernt haben und diesmal die Rede in voller Länge senden. Noch besser wäre es natürlich, man würde gesetzlich eine Arbeitsunterbrechung für das ganze Land festlegen und jeden Volksgenossen verpflichten, die Rede in voller Länge anzuhören !
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