Kopier-Affäre um Guttenberg Fangt mich, wenn ihr könnt!

Alles halb so schlimm? Karl-Theodor zu Guttenberg zeigt nach den Plagiatsvorwürfen wenig Reue. Im Gegenteil: Er weicht kritischen Fragen der Öffentlichkeit aus. Das Misstrauen wächst, seine Glaubwürdigkeit ist nachhaltig beschädigt.

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Kennt jemand noch Frank W. Abagnale? Das war ein sympathischer, nicht wenig eitler Mann, voller Begabung und Ehrgeiz. Er nahm in den Sixties ständig die Identität eines anderen an, er gab sich mal als Pan-Am-Pilot, mal als Millionär aus und führte stets ein großes Schauspiel auf. Geschickt schlug er seinen Verfolgern ein Schnippchen. Seine Fans liebten ihn, seine Gegner hassten ihn. Doch am Ende war er einsam und wurde überführt. Mit dem Film "Catch Me If You Can" (Fangt mich, wenn ihr könnt!) wurde ihm ein Denkmal gesetzt.

Je länger das Schauspiel um Karl-Theodor zu Guttenbergs Doktorarbeit aufgeführt wird, desto mehr fühlt man sich an diesen Herrn Abagnale erinnert. Zu besichtigen ist ein Mann, der alles daran setzt zu glänzen, etwas Besonderes zu sein und dafür geliebt zu werden. Kunduz-Affäre? Gorch-Fock-Chaos? Das lächelte Guttenberg weg. Doch mit jedem Skandal und Skandälchen, das vergeht, verdichtet sich der Verdacht, dass hinter der glitzernden Fassade vielleicht doch reichlich getrickst und geschummelt wird.

Niemand sollte sich blenden lassen. Spätestens seit der Copy-Paste-Sache ist klar: Es ist etwas faul im Hause Guttenberg.

Einfach abgepinnt

Wie war das mit der Doktorarbeit?

Der Doktortitel ist im medial-politischen Komplex ein Ehrenzeichen. Wer ihn führt, darf sich sicher sein, dass ihm so etwas wie ein Grundrespekt entgegengebracht wird. Das wusste wohl auch der ehrgeizige Jung-Politiker Guttenberg und setzte deshalb alles daran, diesen Titel zu erhalten. Große Skrupel kannte er dabei nicht, er pinnte eifrig bei anderen ab.

Dann machte er Karriere. Er schmückte sich mit dem Titel, tourte als Mann mit Anstand und Rückgrat durch das Land und gefiel sich in der Rolle des einzig wahren, ehrlichen Politikers.

Jeder macht mal Fehler. Geschenkt! Nur die Art und Weise, wie Guttenberg mit der Sache umgeht, ist miserabel. Von Beginn an tat er Kritik an seiner Doktorarbeit als kleinliches Schranzentum ab. "Abstrus" seien die Vorwürfe, sagte er vor einigen Tagen.

Jetzt, da es gar nicht mehr anders geht, ringt er sich zwar so etwas wie eine Entschuldigung ab, ansonsten ist bei ihm aber keine Spur Demut zu erkennen. Stattdessen wieder Hybris: Nur ausgewählte Journalisten dürfen seine warmen Worte empfangen. Kritische Fragen sind nicht erwünscht, er handelt nach Gutsherrenart.

Niemand habe ihn zur der Erklärung gedrängt, verkündet er. Dabei scheint klar: Die Kanzlerin wollte es so. Und überhaupt, findet Guttenberg: Die Arbeit für die Truppe geht vor, es gibt einen toten Soldaten. Die unterschwellige Botschaft lautet: Ist das nicht wichtiger als ein paar Fußnoten? Natürlich, möchte man empört zurückrufen. Aber ist die Glaubwürdigkeit eines Politikers etwa nicht wichtig?

Bislang kam er mit der Masche durch

Das Schöne für Guttenberg ist: Bislang kam er mit der Masche durch. Er ist ein Phänomen. Das Publikum verzeiht ihm scheinbar jeden Fehler. Guttenbergs Beliebtheitswerte waren stets hoch. Es würde nicht wundern, wenn es auch nach dieser Affäre so bliebe.

Guttenberg muss sich seiner Verantwortung stellen. Er muss schnell beweisen, dass er wirklich so ehrlich ist, wie er es zu sein vorgibt. Er muss zeigen, dass er kein Frank W. Abagnale ist. Wenn ihm der Doktortitel aberkannt wird, dürfte es eng werden.

Und auch das Publikum hat eine Verantwortung. Wer sein Urteil über einen Politiker allein nach der Ansicht von schönen Bildern, markigen Worten und glanzvollen Auftritten fällt, sollte sich nicht wundern, wenn er irgendwann bitter enttäuscht wird. Um es mit Guttenberg zu sagen: Der "Kairos", der günstige Augenblick, ist für das Publikum erreicht, um bei diesem Mann genauer hinzuschauen.

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