Mutmaßliches Mordkomplott Fast Polizist, dann Salafist

Der Salafist Koray D. wollte Polizist werden, dann wurde er selbst festgenommen. Er soll an Mordanschlagsplanungen auf Rechtsextremisten beteiligt gewesen sein. Der 24-Jährige war zudem jahrelang Mitglied eines Schützenvereins.

Salafisten-Bleibe in Bonn: Bundesanwälte übernehmen die Ermittlungen
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Salafisten-Bleibe in Bonn: Bundesanwälte übernehmen die Ermittlungen

Von , Düsseldorf


Nach allem, was man bislang über Koray D. weiß, war er ein eher durchschnittlicher Schütze. Im Schießsportverein "Snipers-Essen" legte der Student anderthalb Jahre lang an und drückte auch ab. "Er war der nette Junge von nebenan", so der Vorsitzende des Clubs, Andreas Isselmann. Am liebsten schoss D. demnach mit einer Pistole vom Kaliber neun Millimeter.

Wie die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" am Dienstag berichtete, wollte der in Aachen geborene Mann eine Zeitlang unbedingt auch Polizist werden. Im Oktober 2011 sollte er seine Ausbildung in Bremen beginnen, er hatte sich gegen Hunderte anderer Bewerber durchgesetzt. Doch offenbar merkten die Beamten gerade noch rechtzeitig, dass D. damals bereits "dem extremistischen Milieu" zuzurechnen war, wie es in einer aktuellen Mitteilung der Bremer Innenbehörde heißt. Man entzog Koray D. daraufhin die Einstellungszusage wieder.

Inzwischen wird der 24-Jährige verdächtigt, zusammen mit seinen mutmaßlichen Komplizen Marco G., Enea B. und Tayfun S. Anschläge auf Kader der rechtsextremistischen Splitterpartei Pro NRW geplant zu haben. Die Salafisten waren in der Nacht zu Mittwoch in Bonn, Leverkusen und Essen festgenommen worden. Als ein Spezialeinsatzkommando die Wohnung im Bonner Stadtteil Tannenbusch stürmte, trug D. nach SPIEGEL-Informationen eine durchgeladene und schussbereite Ceska, Kaliber 7,65 Millimeter, am Mann. Doch diesmal feuerte er nicht.

Der Anwalt von Koray D. ließ eine Anfrage dazu bislang unbeantwortet.

Immer deutlichere Bezüge zu Bonner Bombe

Inzwischen hat die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen gegen die salafistische Zelle übernommen, wohl auch weil sich immer deutlichere Bezüge zu der im Dezember auf dem Bonner Hauptbahnhof abgestellten Bombe herauskristallisieren. Zum einen soll das in der Wohnung des Salafisten Marco G. gefundene Ammoniumnitrat dem in Bonn verwendeten Stoff sehr ähnlich sein. Zum anderen könnte es sich nach Auffassung der Ermittler bei dem gefassten G. um jenen Mann handeln, der seinerzeit mit der Tasche am Bonner Bahnhof gesehen worden war.

Außerdem schwadronierte G. in einem abgehörten Telefonat darüber, dass die Ermittler "kein Haar" von ihm finden dürften. Die Polizisten schlossen daraus, dass er wegen der Bonner Bombe keine DNA-Spuren hinterlassen wollte. In der Tasche vom Bahnhof war damals zwar das Haar einer hellhäutigen Person gefunden worden, doch dieses taugte nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen nicht zu einer DNA-Analyse.

Wie aus einem vertraulichen Bericht des Bundeskriminalamts hervorgeht, entdeckte die Spurensicherung allerdings vier andere Genspuren in der Tasche, die bislang nicht zugeordnet werden konnten. Nun werden die Ergebnisse der angestrengten Vergleichsanalysen mit großer Spannung erwartet.

Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) hatte vor einiger Zeit bereits ergründen lassen, was manche Männer am Salafismus fasziniert. Dazu erarbeitete das Landesamt für Verfassungsschutz die bundesweit bisher umfassendste Analyse über Konvertiten im islamischen Umfeld: Demnach sind es - ähnlich wie beim Rechtsextremismus - vor allem labile junge Männer aus gestörten familiären Verhältnissen, die sich von den einfachen Botschaften und der angeblichen Brüderlichkeit angezogen fühlen. Von den 140 Biografien, die man analysiert habe, so Verfassungsschutzchef Freier, hätten alle Probanden eine "gestörte Entwicklung" in ihrer Jugend gezeigt.

Suche nach Halt

Dass solche Männer, die auf der Suche nach Halt und Orientierung schließlich in radikalen Kreisen landen, sich zuweilen auch für den Polizeidienst interessieren, belegt das Beispiel des Kommissars Ali K. Der Schutzpolizist aus dem Ruhrgebiet unterhielt einem persönlichen Schreiben der Essener Polizeipräsidentin zufolge intensive Kontakte in islamistische Kreise und meldete Informationsstände an, an denen kostenlos Exemplare des Korans ausgegeben wurden.

Tatsächlich ging es dabei aber "um salafistische Propaganda und die Rekrutierung von Anhängern", so die Vorgesetzte, die K. im Frühjahr 2012 vom Dienst suspendierte und ein Verfahren gegen ihn einleitete.

Besonders brisant wurde die Personalie, als die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" von einer Abordnung des Deutsch-Türken K. zu einem Observationskommando des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes berichtete. Demnach sollte K. dort im Jahr 2009 vorrangig Extremisten beobachten, allerdings scheint er sich dabei nicht sonderlich bewährt zu haben. Sein Ausflug in die Welt der Geheimen endete schon nach einigen Monaten.

Mitarbeit: Roman Lehberger

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