Am Drei-Schluchten-Damm scheint an diesem Wintertag die Welt unterzugehen. Es ist schon am Nachmittag dunkel, und es schüttet wie aus Eimern. In den unverputzten Betonwänden der Häuser kriecht die Nässe hoch, in den Siedlungen an der rissigen Staumauer leuchtet kaum ein Licht. Der Strom aus den Turbinen scheint überallhin zu fließen, nur nicht in die Dörfer und Kleinstädte in der Nähe.
Im Örtchen Maoping glimmen im Nassgrau die roten Lichter zweier Lampions an einer Haustür. Hier wohnt der Bauer Fu Xiancai, 54, der vor einigen Jahren mit seinem Protest gegen korrupte Funktionäre über die Grenzen Chinas hinaus bekannt wurde und auch in Deutschland Aufsehen erregte.
Fu Xiancai sitzt auf einem Rollstuhl festgeschnallt, er ist seit sieben Jahren vom Hals abwärts gelähmt. Seine Finger haben sich verkrümmt. "Meine Gesundheit hat sich in den vergangenen Jahren verbessert", sagt er. "Ich bekomme weniger Fieber als früher. Ich kann meinen Kopf bewegen, aber nicht meine Finger und Beine. Ich kann noch immer nicht aufstehen."
Fu ist in einen dicken grünen Militärmantel mit goldenen Knöpfen gehüllt, auf dem Kopf trägt er eine graue Pudelmütze. So dick sind alle im Haus eingepackt, denn die Räume haben - wie die Häuser südlich des Yangtze - keine Heizung. Eine Schale auf dem Boden mitten im Zimmer, in der ein paar Kohlestücke glimmen, dient als einzige Wärmequelle.
Die Wände sind weiß gestrichen und kahl. Auch Möbel gibt es nur wenige, auf einem Tisch stehen bunte Thermoskannen. Hierin unterscheidet sich Fus Domizil kaum von den anderen: Chinas Bauern bauen sich zwar mehrstöckige Häuser, oft sind die Zimmer aber - bis auf die allernötigste Einrichtung wie Bett und Tisch - leer. Fu schläft im Erdgeschoss in einem Krankenhausbett, eine Spende der lokalen Elektrizitätsgesellschaft.
Schwere Vorwürfe gegen Chinas Funktionäre
Es war der 8. Juni 2006. Auf dem Heimweg von der Ortschaft Zigui stürzte Fu auf einem schmalen Pfad einen rund vier Meter tiefen Abhang hinab und krachte auf eine Betonplatte. Warum er fiel, darüber streiten sich der Aktivist und die chinesischen Behörden: In der Version der Polizei war Fu ausgerutscht, er hatte halt Pech, ein Unfall.
Dagegen Fu: "Ich sah einen Mann. Er schlug mich mit einem Stock." Als er nach seinem Sturz aufwachte, lag er im Kreiskrankenhaus und konnte sich nicht mehr bewegen.
Als Sprecher umgesiedelter Bauern war er schon länger im Visier der örtlichen Behörden gewesen, hatte als Bittsteller immer wieder Gesuche an die Obrigkeit gerichtet. Fu und die anderen Petenten warfen den lokalen Funktionären vor, Millionensummen von den Entschädigungsgeldern für sich abgezweigt zu haben, die eigentlich für die umgesiedelten Bauern vom Drei-Schluchten-Damm gedacht waren. Seine Familie habe statt der zugesagten 12.100 Euro nur umgerechnet 2000 Euro erhalten, klagte er.
Weil die örtlichen Zeitungen über die Klage der Bauern nicht schreiben durften, wandte Fu sich an ausländische Journalisten, gab ihnen Interviews, darunter auch der ARD. Die Behörden verwarnten den Unbequemen, kurz nach einem solchen Gespräch in der Amtsstube stürzte er ab.
"Ein aufrechter Mann"
"Sie haben versucht, mich umzubringen, weil ich ihre Korruptionsgeheimnisse ans Licht brachte", sagt er heute. Mehrere Zeugen hätten die fünf oder sechs Männer gesehen, die ihn angriffen. Doch niemand wage, für ihn auszusagen. Fu: "Sie sagen: Nur wenn mein Fall wieder aufgerollt wird und die Zentralregierung sich der Sache widmet, werden sie sprechen."
Fu selbst hat einen Verdacht: Er vermutet, dass der frühere Kreisparteisekretär und der ehemalige örtliche Polizeichef hinter dem Anschlag steckten, der ihn mundtot machen sollte. Nun wird er nicht müde, Eingaben an die Oberste Staatsanwaltschaft in Peking, an die Disziplinkommission der Partei und an das Ministerium für Öffentliche Sicherheit zu richten. Darin fordert er, die Verantwortlichen vor ein Gericht zu stellen.
Es ist ein aussichtsloser Kampf. Peking schweigt oder verweist auf die Provinzbehörden, die schweigen oder verweisen auf Peking. Offiziell ist der Fall abgeschlossen.
Nun hofft Fu auf Einsicht ganz oben in der fernen Hauptstadt, konkret vom neuen Parteichef Xi Jinping, der seit November 2012 im Amt ist. Über ihn sagt Fu: "Er ist ein aufrechter Mann. Er hat auch schon mal an der Basis, auf dem Dorf gearbeitet." Und in alten Zeiten, während der Kulturrevolution der sechziger und siebziger Jahre, habe auch der heutige KP-Chef erlebt, was es heißt, unter Willkür zu leiden.
Von Frau und Sohn rund um die Uhr gepflegt
Bei den lokalen Funktionären jedenfalls glaubt Fu in letzter Zeit eine "veränderte Haltung" zu entdecken. Ein Beispiel: Sie hindern ihn nicht mehr wie früher daran, Petitionen zu schreiben. "Sie wissen, dass ich kein schlechter Mensch bin, dass ich China liebe und nur meine Rechte schützen will."
Rund 400.000 Yuan an Spenden hat er nach Berichten über sein Schicksal bekommen, von deutschen Fernsehzuschauern, von der ARD, von der Deutschen Botschaft, von den Nachbarn. Nun ist die Summe aufgebraucht.
Immerhin erhalten Fu und seine Familie seit 2010 Hilfe vom Staat: Rund 9000 Yuan (knapp 1100 Euro) zahlt ihm die Krankenkasse jeden Monat für Behandlung, Medikamente und Massagen. Das Chang-Lin-Hotel, das dem Behindertenverband gehört, händigt ihm monatlich zusätzlich rund 240 Euro aus. Und eine Lizenz zum Verkauf von Holz, die ihm ebenfalls der Verband gewährte, bringt zusätzlich ein kleines Einkommen.
Für chinesische Verhältnisse, wo Bauern in der Regel überhaupt nicht versichert sind, ist dies nicht wenig Geld. Doch: Fu muss intensiv betreut werden. Deshalb kann seine 53-jährige Frau Gao Zhizhang nicht mehr arbeiten. Und auch Fus zweiter Sohn Jinlong, 24, kümmert sich Tag und Nacht um seinen Vater. Beide haben keine weiteren Einkommen.
Andere Opfer haben aufgegeben
Gao steht in der Freiluftküche, von hier sind die wenigen Lichter im Tal zu sehen. Sie hat eine rosa Wollmütze mit zwei Troddeln auf dem Kopf, wie sie junge Mädchen tragen. Mit leiser Stimme korrigiert sie ihren Mann. So gut, wie er behauptet, sagt sie, gehe es ihm gar nicht: "Er fiebert öfter." Dann nehmen sie und ihr Sohn Eis aus dem Kühlschrank, um seine Temperatur zu senken. Manchmal kommt ein Arzt und gibt ihm eine Spritze.
Aber auch wenn Fu nicht fiebert, müssen sie und ihr Sohn ihn pflegen. "Wir drehen ihn nachts auf die andere Seite." Ist er erkältet, versuchen sie, die Atemwege von Schleim zu befreien: "Wir pressen dann heftig auf seinen Bauch."
Und was ist aus der Sache mit der unterschlagenen Entschädigung für die Umsiedlung geworden? Sie ist verflossen, wie die braunen Fluten des nahen Yangtze. Kaum eines der Opfer beschwert sich noch, die letzte Petition hat Fu 2011 abgeschickt. "Das Geld ist weg, die verantwortlichen Funktionäre wurden versetzt", sagt er. Für die letzten Eingaben hatte er keine Mitstreiter mehr: Er hat sie alleine unterschrieben.
Fu sitzt im Rollstuhl mitten im Wohnzimmer. Einige Nachbarn sind zu Besuch, sie knacken Erdnüsse und werfen die Schalen auf den Fußboden. "Ich bedanke mich bei den deutschen Spendern und den deutschen Medien", sagt er.
Ein paar Häuser weiter zündet eine Hochzeitsgesellschaft ein Feuerwerk. Die bunten Kugeln sind im nassen Dunst kaum auszumachen.
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