Korruption Krebsgeschwür der Welt

Eine Studie belegt, dass Deutschland etwas weniger korrupt ist als noch in den vergangenen Jahren. Doch das Übel ist noch lange nicht ausgerottet. Die Täter können sich sicher sein: Nur eine verschwindend geringe Anzahl von Fällen wird überhaupt strafrechtlich verfolgt.

Von Lars Langenau


Schwarzgeld: "Transparenz ist die wichtigste Waffe im Kampf gegen Korruption"
DDP

Schwarzgeld: "Transparenz ist die wichtigste Waffe im Kampf gegen Korruption"

Berlin - Empfang einer deutschen Wirtschaftsdelegation in der kasachischen Metropole Almaty. In bierseliger Stimmung erzählt ein niedersächsischer Unternehmer ungeniert von den Gepflogenheiten im Erdölgeschäft. Um an einen Deal in Brasilien, China, Iran oder dem Irak zu kommen, sagt der Geschäftsmann, schmiere er regelmäßig die Personen, die für die Auftragsvergabe zuständig sind. Die Höhe der Zahlung liege immer "zwischen fünf und zehn Prozent des Auftragswertes". Obwohl seit 1999 die Bestechung von deutschen Unternehmen im Ausland geahndet werden kann, sei sein Verhalten nach wie vor gängig - "alles andere ist naiv". Neben dem äußerst erfolgreichen Geschäftsmann steht der Wirtschaftsminister eines deutschen Bundeslandes und grinst.

Aber warum Tausende von Kilometern nach Zentralasien schweifen? Korruption ist auch in Deutschland an der Tagesordnung. Jeder aufmerksame Zeitungsleser stößt immer wieder auf Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe öffentlicher Aufträge. Gerade erschüttert ein Immobilienskandal Frankfurt am Main, auch die Schwarzgeldaffäre der CDU oder die Vorgänge bei der Müllentsorgung in Köln dürfte noch im öffentlichen Bewusstsein sein.

Heute legte die weltweit vernetzte "Koalition gegen Korruption", Transparency International (TI), in Berlin und London ihren Jahresbericht vor. Positiv ist, sagte der Chef der deutschen TI-Sektion, Hansjörg Elshorst, "dass Deutschland im internationalen Vergleich gegenüber dem Vorjahr wieder weniger korrupt wahrgenommen wird". Die Bundesrepublik verbesserte sich in dem Korruptionsindex der Organisation unter 146 Staaten vom "blamablen" Platz 20 vor drei Jahren über die Plätze 18 und 16 in den Folgejahren auf den 15. Platz. "Eine gute Nachricht für den Standort Deutschland, da Studien belegen, dass Korruption Investitionen aus dem Ausland abschreckt", sagte Elshorst.

Deutschland im westeuropäischen Mittelmaß

Korruption: Besonders anfällig ist die Bauindustrie
DDP

Korruption: Besonders anfällig ist die Bauindustrie

Deutschland bekommt auf Corruption Perceptions Index, der auf der Wahrnehmung von Geschäftsleuten und Länderanalysten sowie auf 18 Erhebungen von zwölf unabhängigen Organisationen beruht, den Wert von 8,2 von möglichen zehn Punkten. Doch das ist nur westeuropäisches Mittelmaß.

Finnland gilt nach wie vor als das Land mit der geringsten Korruptionsquote. Mittlerweile würden finnische Firmen weltweit eine solche Reputation genießen, dass kaum noch jemand versuchen würde, Schmiergeld von ihnen zu verlangen.

Die deutsche Innenansicht ergibt hingegen ein weniger freundliches Bild, sagte TI-Vize-Chefin Anke Martiny. Besonders anfällig für Korruption: Der Bausektor sowie der Vertrieb von Pharmazeutika und medizinischer Hilfsmittel. Auch die mangelhafte Strafverfolgung sei nicht gerade hilfreich, fügte sie hinzu. Der "Sumpf von Bestechung und Vorteilsnahme" sei wegen der fehlenden Koordination zwischen den Bundesländern noch lange nicht ausgetrocknet. Zudem hapere es hier - im Gegensatz zu den skandinavischen Ländern - nach wie vor an Transparenz bei der Vergabe öffentlicher Aufträge. "Dabei ist Transparenz die wichtigste Waffe im Kampf gegen Korruption", sagte Martiny.

Geringe Aufklärungsquote

Außerdem gebe es noch immer keinen Schutz der Personen, die über diese Praktiken in ihren Firmen berichten und Anzeige erstatten würden. In der Folge ihrer Offenheit sind sie in ihren Firmen klassische Mobbingopfer. Auch Journalisten bezahlen für ihre Recherchen oft einen hohen Preis: Weltweit würden mehr Journalisten in Folge ihrer Berichte über Schmiergeldzahlungen getötet, als beim Einsatz in Kriegsgebieten, berichteten die Sprecher.

Laut Martiny können Korrupte und Korrumpierende davon ausgehen, dass sie überhaupt nicht erwischt werden. Nach Angaben des Bundeskriminalamtes bleiben 90 bis 95 Prozent der Korruptionsfälle unentdeckt. Und wenn doch mal ein Fall ans Tageslicht komme, dann werde nicht gegen die Unternehmen, sondern nur gegen die beteiligten Personen ermittelt. "An jedem Zipfel, den sie hochheben, hängen gewöhnlich zehn bis 15 weitere Verfahren", sagte Martiny.

"Korruption beraubt Länder ihres Potenzials"

Auf den hintersten Plätzen des Index versammeln sich die üblichen Verdächtigen: Nigeria, Bangladesch und Haiti. "Korruption beraubt Länder ihres Potenzials", warnte der TI-Vorsitzende und Gründer der Organisation, Peter Eigen, in London. Wenn das von den vereinten Nationen angestrebte Ziel, die Anzahl der in extremer Armut lebenden Menschen bis 2015 zu halbieren, noch erreicht werden soll, "dann müssen die Regierungen ernsthaft gegen Korruption bei öffentlichen Aufträgen vorgehen". Seine Organisation schätzt, dass durch die Bestechung im öffentlichen Dienst weltweit jährlich mindestens 400 Milliarden Dollar verloren gehen. Korruption ist ein Krebsgeschwür, das sich immer weiter ausbreitet, wenn es nicht im Anfangsstadium gestoppt wird.

Der diesjährige Index zeige, dass erdölreiche Länder wie Angola, Ecuador, Aserbaidschan, Kasachstan oder Russland alle sehr niedrige Punktzahlen erreichen, sagte der frühere Weltbank-Direktor Eigen. "In diesen Ländern ist die öffentliche Auftragsvergabe im Erdölsektor dadurch belastet, dass Einnahmen in den Taschen von westlichen Führungskräften, von Mittelsmännern und lokalen Offiziellen verschwinden."

In China, sagte der eingangs erwähnte deutsche Industrielle, sei kürzlich ein Bürokrat hingerichtet worden, mit dem er ein Geschäft geplant habe. Sein Mittelsmann habe gerade noch rechtszeitig aus dem Land der Mitte fliehen können. Schön sei das nicht, sagte er, es halte ihn aber auch nicht von seiner bewährten Praxis ab. Schließlich mache er nach wie vor seine besten Geschäfte mit Chinesen.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.