Krankenkassen-Vorstoß Schweinegrippe-Gipfel soll Impfkosten-Streit entschärfen

In den Streit um die Massenimpfung gegen Schweinegrippe kommt Bewegung. Politiker aller Parteien sind empört wegen der Drohung der gesetzlichen Krankenkassen, die Beiträge zu erhöhen - jetzt will Barmer-Chef Vöcking einen Gipfel aller Beteiligten, um eine Eskalation zu verhindern.


Berlin - Für Karl Lauterbach ist die Drohung der Krankenkassen, Impfungen gegen Schweingrippe über höhere Beiträge zu finanzieren, ein durchsichtiges Manöver. Der SPD-Gesundheitsexperte hat den Kassen vorgeworfen, die Schweinegrippe als Begründung für Zusatzbeiträge zu instrumentalisieren: "Ich glaube, dass diese Kassen sich ein Stück weit hinter der Schweinegrippe verstecken", sagte der Bundestagsabgeordnete in der ARD.

Impfstoffproduktion gegen Schweinegrippe: Wer übernimmt die Kosten?
dpa

Impfstoffproduktion gegen Schweinegrippe: Wer übernimmt die Kosten?

Kommt jetzt möglicherweise Bewegung in den Streit zwischen Kassen und Politik? Barmer-Chef Johannes Vöcking forderte am Freitag neue Verhandlungen zwischen Bund, Ländern und Krankenkassen. Zugleich rief er Politik und Krankenkassen auf, eine Eskalation der Auseinandersetzung und eine unnötige Verunsicherung der Bürger zu vermeiden. Es gehe darum, die Diskussion im Sinne der Bürger zu entschärfen, sagte der Chef von Deutschlands zweitgrößter Kasse. Gleichwohl könne es nicht sein, dass der Staat sich in der Pandemie aus der Verantwortung verabschiede.

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) sagte, es habe schon mehrere Gespräche gegeben. Sie sei auch in Zukunft zu Diskussionen bereit. Allerdings erwarte sie, dass die Versicherten nicht weiter verunsichert werden dürften.

Das Ministerium blieb bei seiner Linie, wonach die Schweinegrippe-Impfung genau wie andere Schutzimpfungen Pflichtleistung der Kassen ist. Rückendeckung bekam es auch von der Vorsitzenden der Gesundheitsministerkonferenz, Christine Lieberknecht (CDU), sowie der Patientenbeauftragten Helga Kühn-Mengel (SPD).

Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen hatte Bund und Länder aufgefordert, einen Teil der Impfkosten aus Steuermitteln zu finanzieren. Geschehe dies nicht, sei eine Anhebung des allgemeinen Beitragssatzes von 14,9 Prozent eine Möglichkeit, um die Kosten von bis zu einer Milliarde Euro zu stemmen. Zudem drohte er mit Zusatzbeiträgen, über die jede Kasse in eigener Regie entscheiden kann.

Lauterbach hingegen sagte dem "Tagesspiegel", die Impfkosten lägen nicht bei einer Milliarde Euro, sondern allenfalls halb so hoch. Dies sei aus dem aktuellen Beitragssatz bezahlbar.

Das Schweinegrippe-Virus
Der Erreger
Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.
Die Symptome
Die Schweinegrippe bewirkt ähnliche Symptome wie eine normale Grippe: plötzliches Fieber, Muskelschmerzen, trockener Husten und ein trockener Hals. Allerdings sind der einhergehende Durchfall und die Übelkeit stärker ausgeprägt.
Die Gefahr
Neue Virenstämme können sich rasch ausbreiten, weil es keine natürliche Immunität gibt und es Monate dauert, bis ein aktueller Impfstoff entwickelt und produziert ist. Der neue Stamm des Schweinegrippe-Virus unterscheidet sich vom älteren H1N1-Virus, gegen das die aktuellen Grippeimpfstoffe schützen. Die gewöhnliche Grippe tötet jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken.
Antivirale Mittel
Nach derzeitigem Wissensstand bieten die Wirkstoffe Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza) Schutz gegen das Schweinegrippen-Virus. Diese Wirkstoffe behindern unspezifisch die Vermehrung von Influenza-A- und Influenza-B-Viren im Körper.
Wandlungsfähigkeit von Grippeviren
Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Meist springen dabei irgendwo in der Welt Viren von Vögeln oder Schweinen auf den Menschen über. Wenn sie in dessen Körperzellen auf andere, ältere Grippeviren treffen, kann sich die Erbinformationen vermischen und neue Erreger hervorbringen.
Kritik an den Kassen kam auch aus der Wirtschaft. Für eine einmalige Impfaktion dürften nicht dauerhaft die Beiträge steigen, sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Achim Dercks, der "Passauer Neuen Presse". Höhere Beiträge seien Gift für Arbeitsplätze.

Die Bundesländer haben 50 Millionen Impfdosen bestellt, die zunächst für 25 Millionen Bürger ausreichen. Experten rechnen im Herbst mit einer verstärkten Ausbreitung - und in der Folge mit schwereren Verläufen in Deutschland bis hin zu Todesfällen. Laut Robert-Koch-Institut sind hierzulande inzwischen 9213 Menschen infiziert. Dies waren knapp 600 mehr als am Vortag.

Wegen mangelnder Zuverlässigkeit wird der Schnelltest zur Schweinegrippe künftig nur noch in Ausnahmefällen angewendet. Das ist das Ergebnis von Verhandlungen zwischen Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) und dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), wie beide Seiten am Freitag der Nachrichtenagentur dpa in Berlin mitteilten. Stattdessen sollen Risikopatienten PCR-Tests von den Kassen bezahlt bekommen, wenn bei ihnen ein konkreter Verdacht auf Schweinegrippe besteht. Mit diesen Tests lässt sich die Viruskrankheit nachweisen.

Wegen eines fehlerhaften Schnelltests hatte eine mit Schweinegrippe infizierte Arzthelferin eineinhalb Wochen lang Patienten in einer Braunschweiger Klinik betreut. Experten schätzen die Schnelltests als fehleranfällig ein. Nach Angaben des Leiters der Virologie der Medizinischen Hochschule Hannover, Thomas F. Schulz, zeigen die Tests zu mehr als 50 Prozent ein falsches negatives Ergebnis an.

Wer nach den Bestimmungen des Robert-Koch-Instituts zu einer Risikogruppe zählt und konkrete Verdachtssymptome von Schweinegrippe aufweist, bekomme den teuren PCR-Test bezahlt, berichteten KBV und Kassenverband. PCR steht für kurz für Polymerase Chain Reaction, es ist ein Test, bei dem das Virus anhand seines Erbguts bestimmt wird - und nicht die Bildung von Antikörpern.

Voraussetzung sei, dass das Testverfahren ein Ergebnis binnen 24 Stunden bringt. Denn schon 48 Stunden nach dem Auftreten der Symptome solle eine Behandlung mit Grippemitteln beginnen. Geht es nicht so schnell, werde doch auf den Schnelltest zurückgegriffen.

Zählt ein Patient nicht zu einer Risikogruppe, leidet er also nicht unter bestimmten Krankheiten, dann kann er einen PCR-Test veranlassen, den er dann aber selbst bezahlen müsste. Andernfalls gebe es auch in diesem Fall einen Schnelltest, für den der Betroffene die Kosten selbst auslegen müsse, dann von den Kassen aber zurückerstattet bekomme.

Schweinegrippe-Impfung
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Wer wird geimpft?
Jeder kann und sollte sich impfen lassen, empfehlen Experten. Laut Plan werden im ersten Schritt Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern geimpft sowie Feuerwehrleute, Polizisten und Justizvollzugsbeamte. Das soll im Fall von Masseninfektionen die medizinische Versorgung und die öffentliche Sicherheit sicherstellen. Auch Risikogruppen wie chronisch Kranke, Asthmatiker, Diabetiker und Fettleibige sollen bevorzugt geimpft werden. Schwangeren wird geraten, noch zu warten, bis ein spezieller Impfstoff ohne Zusätze vorliegt. Impfungen sind in Deutschland grundsätzlich freiwillig, eine Impfpflicht ist nicht geplant.
Womit wird geimpft?
In der EU sind bisher drei Impfstoffe zugelassen: Focetria, Pandemrix und Celvapan. Focetria und Pandemrix enthalten Adjuvantien, Stoffe, die eigentlich die Immunisierung verstärken sollen, aber auch die Nebenwirkungen der Impfung verstärken können. Celvapan kommt ohne Verstärker und Konservierungsstoffe aus. Pandremix ist für die Bevölkerung vorgesehen, Celvapan für Angehörige der Bundesregierung. Nur Schwangeren wollen die Bundesländern nachträglich eine Vakzine ohne Adjuvantien beschaffen. Bei den Wirkverstärkern handelt es sich um Öl-in-Wasser-Emulsionen, die unter anderem Squalen enthalten, eine aus Haifischleber gewonnene Substanz. Die Packungsbeilagen für alle drei Impfstoffe sind auf der Website der Europäischen Arzneimittelbehörde EMEA abrufbar: http://www.emea.europa.eu.
Wann wird geimpft?
Die Impfung gegen die Schweinegrippe hat in der letzten Oktoberwoche begonnen. Seit dem 2. November können sich auch Privatpersonen impfen lassen.
Wo wird geimpft?
Das ist von Bundesland zu Bundesland verschieden. Die Risikogruppen, die höher gefährdet sind, werden darüber informiert, wo sie geimpft werden können. Beschäftigte im Gesundheitswesen sowie bei Polizei, Feuerwehr und Justizvollzug werden in der Regel am Arbeitsplatz geimpft. Für die Normalbevölkerung sind ausgewählte Impfpraxen und Gesundheitsämter zuständig. Welche das sind, erfährt man hier.
Was kostet das?
Die Kosten in Deutschland werden mit 500 bis 550 Millionen Euro Veranschlagt - die gesetzlichen Kassen gehen dagegen von bis zu einer Milliarde Euro aus. Die Impfung kostet die Versicherten nichts, da sowohl die gesetzlichen als auch die privaten Krankenkassen die Kosten übernehmen.
Welche Nebenwirkungen gibt es?
Die Schweinegrippe-Impfung kann stärkere Nebenwirkungen verursachen als die übliche Grippeimpfung. Darauf weist der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Johannes Löwer, hin. Grund ist, dass in dem neuen Impfstoff die Wirkstoffmenge pro Dosis drastisch verringert wird und zugleich beigemischte Verstärkersubstanzen die Wirkung künstlich erhöhen sollen. Nur so ist es laut Löwer möglich, sehr viel mehr Impfstoff-Portionen herzustellen als üblich. Die beigemischten Verstärker (Adjuvantien) können jedoch unerwünschte Nebeneffekte auslösen. Geimpfte müssen mit Schwellungen und Rötungen an der Einstichstelle rechnen sowie teilweise mit mehrtägigen Kopf- und Gliederschmerzen. Aus diesem Grund empfehlen Mediziner Schwangeren und Kindern, sich nicht mit dem adjuvantienversetzten Impfstoff impfen zu lassen. Die Bundesregierung will für Schwangere einen adjuvantienfreien Impfstoff bestellen.
Was tun bis zur Impfung?
Aus Sicht von Experten bietet banale Alltagshygiene bereits relativ viel Schutz: häufiges Händewaschen, Niesen in die Ellenbeuge oder in ein Einmaltaschentuch, das sofort weggeworfen wird. Große Menschenansammlungen oder engen Kontakt zu Infizierten sollte man meiden. Die Behörden haben bis zum Start der Impfungen vor allem ein Ziel: Die Fallzahlen und damit auch die Zahl der schweren Erkrankungen oder Todesfälle so gering wie möglich zu halten.
Hotline der Bundesregierung
Unter 030-34 64 65 100 können sich Bürger über die Schweinegrippe informieren. Die Hotline des Bundesgesundheitministeriums ist montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr zu erreichen. Auskünfte über dsa Influenzavirus erteilt das Robert-Koch-Institut unter der Rufnummer 030-18 75 44 161, montags bis donnerstags von 8 bis 18 Uhr.

hen/Reuters/dpa



Forum - Schweinegrippe – Müssen wir Angst vor dem Virus haben?
insgesamt 6202 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
IsArenas, 02.05.2009
1.
Nein, niemand *muss* Angst haben, unabhängig von allem, was geschieht. Angst ist sowieso ein schlechter Ratgeber, zuweilen zwar wichtig als Selbstschutz, wird aber schnell selbst krankmachend und/oder eine Krankheit. Ich schließe nicht aus, gewaltsam (Flugzeugabsturz, Verkehrsunfall, Terrorakt), durch Krebs oder noch früher durch Herzinfarkt oder Schlaganfall oder was weiß ich oder eben durch eine Virus- odere Bakterieninfektion ums Leben zu kommen, bevor ich mich der durchschnittlichen Lebenserwartung nähere. Zur angeblichen Hauptrisikogruppe zähle ich auch noch, na wunderbar. Nein, die Grippe macht mir definitiv keine Angst, wenn ich den nächsten Monaten daran sterben soll, dann war's das halt. Ich glaube aber nicht daran, meine Schulden werde ich wohl zahlen müssen -- sprich, ich habe andere Sorgen und erfreue mich ansonsten des Lebens in der Gegenwart ;-)
Crackerjack 02.05.2009
2.
Zitat von IsArenasNein, niemand *muss* Angst haben, unabhängig von allem, was geschieht. Angst ist sowieso ein schlechter Ratgeber, zuweilen zwar wichtig als Selbstschutz, wird aber schnell selbst krankmachend und/oder eine Krankheit. Ich schließe nicht aus, gewaltsam (Flugzeugabsturz, Verkehrsunfall, Terrorakt), durch Krebs oder noch früher durch Herzinfarkt oder Schlaganfall oder was weiß ich oder eben durch eine Virus- odere Bakterieninfektion ums Leben zu kommen, bevor ich mich der durchschnittlichen Lebenserwartung nähere. Zur angeblichen Hauptrisikogruppe zähle ich auch noch, na wunderbar. Nein, die Grippe macht mir definitiv keine Angst, wenn ich den nächsten Monaten daran sterben soll, dann war's das halt. Ich glaube aber nicht daran, meine Schulden werde ich wohl zahlen müssen -- sprich, ich habe andere Sorgen und erfreue mich ansonsten des Lebens in der Gegenwart ;-)
Hierzu ein von Herzen kommender Applaus.
descartes101, 02.05.2009
3.
Zitat von sysopDie Schweinegrippe hat auch Europa erreicht, die EU rechnet mit Todesopfern. Wie berechtigt ist die Angst vor dem Virus?
Lächerlich. Das Grippevirus rekombiniert sich jede Saison neu, weshalb die Impfungen auch dann nicht mehr wirksam sind. Mal ist es virulenter, mal weniger. Jedenfalls sterben immer auch Menschen daran. Das ganze ist eine haltlose Hysterie, wahrscheinlich damit unsere tüchtigen Regierungen mal behaupten können, sie hätten eine Situation im Griff. Das ist natürlich besonders leicht bei einer Situation, die so oder so nicht eskaliert. Wenn ein hemorrhagisches Fieber wie Ebola durch die Ballungszentren zieht, dann lohnt es sich zuhause zu bleiben. Aber eine dämliche Papiermaske schützt niemanden vor Ansteckung. Das gleiche Prinzip wurde von den USA im kalten Krieg angewendet, wo man den Leuten erzählte, dass es helfe, sich im Falle eines Nuklearangriffs unter den Tisch zu hocken mit einer Zeitung über dem Kopf. Aua, aua. Seit damals hat sich wirklich nichts verändert.
Hans58 02.05.2009
4.
Zitat von sysopDie Schweinegrippe hat auch Europa erreicht, die EU rechnet mit Todesopfern. Wie berechtigt ist die Angst vor dem Virus?
Nein, wir müssen keine Angst haben, selbst wenn hier zum x-ten Male eine Diskussion über das Thema eröffnet wird.
firefly 02.05.2009
5.
Sie können sich ja gleich mal mit dem Papst zusammentun. Für den ist HIV auch kein Problem und alles nur Panik mache. Und Medikamente im Falle einer HIV-Infektion würde ich ihnen auch nicht empfehlen. Die wirken nämlich garnicht und dienen nur zum Geldschäffeln der Pharmaindustrie. /Ironie
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