Krankheit und Politik Alphatiere zeigen keine Schwäche

Er hat Krebs, wird operiert. Mehr sagte Oskar Lafontaine nicht. Vielen Politikern fällt es schwer, mit dem persönlichen Ernstfall umzugehen. Krankheit? Können sich politische Leistungsträger genauso wenig leisten wie Top-Manager oder Spitzensportler.

REUTERS

Von und


Berlin - Selbst politische Freunde zeigten sich überrascht: Oskar Lafontaine hat Krebs. Wer vorher Bescheid wusste, sprach nicht darüber, denn ernsthafte Krankheiten sind unter Spitzenpolitikern beinahe ein Tabu, genau wie bei anderen Leistungsträgern der Gesellschaft. Spitzenmanager, Wissenschaftler, Profi-Sportler - sie dürfen nicht krank werden, müssen führen, immer funktionieren. Krank sein, heißt angreifbar werden. Oder wie Kurt Kister einmal in der "Süddeutschen Zeitung" schrieb: "Krankheit gilt in der Gemeinschaft der Haie als Schwäche - wer blutet, wird gefressen."

Natürlich sind Eliten genauso anfällig für gesundheitliche Probleme wie andere auch. Aber einfach krankmelden, ein paar Tage Auszeit nehmen? Das kommt für die meisten nicht in Frage, wobei immer zwei Faktoren eine wichtige Rolle spielen: Wer zum Spitzenpersonal zählt, gibt nur ungern zu, dass es auch ohne ihn geht. Viele quälen sich schon deshalb weiter, weil sie sich für absolut unentbehrlich und unersetzlich halten. Und zum zweiten ist den Managern und Politikern an der Spitze nur zu bewusst, dass die Konkurrenz nur darauf wartet, dass der Platz frei wird.

Also: Zähne zusammenbeißen, durchhalten. Es gibt genügend Fälle in der deutschen Politik, wo Symptome bewusst ignoriert wurden - und Parteichefs wie Minister erst auf der Intensivstation eingesehen haben, dass sich der eigene Körper und die eigene Gesundheit nicht zwingen lassen.

Gregor Gysi verschwand vorübergehend aus der ersten Reihe der Politik

Es gibt nur wenige Spitzenpolitiker, die mit ihrer Krankheit offen umgehen. Einer davon ist Gregor Gysi, Parteifreund Lafontaines und im Moment alleiniger Chef der Linken-Bundestagsfraktion. Gysi musste sich im November 2004 wegen einer Gefäßerweiterung eines komplizierten Hirneingriffs unterziehen. Am Tag vor der Operation gab er seinem Hausblatt "Berliner Kurier" ein Interview dazu, sechs Wochen danach befragte ihn die gleiche Zeitung exklusiv zu seiner Genesung.

Gysi zog sich damals für einige Zeit aus der ersten politischen Reihe zurück, aber schon 2005 trat er wieder als Spitzenkandidat im Bundestagswahlkampf an. Geschadet hat ihm sein Schwäche-Bekenntnis nicht.

Auch Matthias Platzeck musste einen Spitzenposten räumen, weil seine Gesundheit das harte Tempo nicht mitgehen konnte. Nach dem Rücktritt von Franz Müntefering vom Parteivorsitz galt Platzeck als der neue Hoffnungsträger in der SPD. Aber dann hatte er einen Kreislaufzusammenbruch, später einen Hörsturz. Fünf Monate nach seiner Wahl zum SPD-Chef zog er die Notbremse. In der Begründung für seinen Rücktritt verwies Platzeck auf "dringenden ärztlichen Rat". Er konzentriert sich seither ganz auf die Landespolitik - und scheint sich damit auch wohl zu fühlen.

Seehofer machte weiter - bis zur Herzmuskelentzündung

Andere verdrängten die Signale ihres Körpers - wie Horst Seehofer. Ständig war der CSU-Politiker erkältet, beim Treppensteigen und Reden wurde ihm die Luft knapp. Seehofer aber machte weiter, über Monate. "Ich habe immer gedacht, die Politik ist mir wichtiger", sagte er später der "Welt am Sonntag". Die Bundestagswahl stand an, Seehofer wollte die Scharte von 1998 auswetzen, als die Union abgewählt worden war. Im Januar 2002 dann der Komplett-Absturz: Puls 220, Herzpumpleistung zehn Prozent. Fünf Wochen lag der CSU-Mann wegen einer Herzmuskelentzündung im Krankenhaus, drei davon auf der Intensivstation. Es folgten mehrere Monate Reha.

Seehofer blieb nicht lange politikabstinent - was vor allem Angela Merkel zu spüren bekam. Noch in der Opposition, verordnete sie als CDU-Vorsitzende den Unionsparteien 2004 ein Prämienmodell in der Gesundheitspolitik. Seehofer, der für dieses Thema zuständige Unionsfraktionsvize im Bundestag, ging auf die Barrikaden, legte schließlich seinen Posten nieder. Seehofer wendete seine Krankheit zum Fanal politischer Unabhängigkeit.

Sechs Jahre nach seiner schweren Krankheit wurde er zum CSU-Vorsitzenden und bayerischen Ministerpräsidenten gewählt. Dann kam der Februar 2009, eine Grippe hatte ihn fest im Griff - aber der Politische Aschermittwoch in Passau stand an, das Hochfest der CSU. Seehofer sagte nicht ab - und brach während seiner Rede beinahe zusammen.

Verteidigungsminister Struck war danach nicht mehr der alte

Weiter, immer weiter. So wie Peter Struck. Der Sozialdemokrat überstand zwei Herzinfarkte, eine Operation an der Halsschlagader. 2004 dann ein Schlaganfall - allerdings ohne, dass es als solcher kommuniziert wurde. Schon neun Wochen später kehrte der kernige Spitzen-Sozi als Verteidigungsminister zurück. Aber diesmal war Struck nicht mehr der Alte. Was viele merkten, aber keiner sagte. Nach der Wahl 2005 wurde Struck noch einmal Chef der SPD-Bundestagsfraktion - und nahm es jenen persönlich übel, die seinen tatsächlichen Zustand beschrieben.

Auch Helmut Kohl folgte dem Ideal eisern zu sein, durchzuhalten. Er triumphierte auf dem Bremer CDU-Parteitag im September 1989 auch körperlich über eine Gruppe um Heiner Geißler und Lothar Späth, die ihn ablösen wollten. Kohl schildert in seinen "Erinnerungen", wie er den rebellierenden Körper in den Tagen vor dem Showdown niederkämpfte: "Ich bekam wahnsinnige Schmerzen, und es kam mir so vor, als könnte ich jeden Moment ohnmächtig werden." Kohl war an der Prostata erkrankt, doch wegen des Parteitags musste die Operation warten: "Viele würden denken, dass ich mich vor der Auseinandersetzung mit Heiner Geißler und seinen Anhängern drücken wollte." Schließlich kam der Arzt mit nach Bremen, hielt sich hinter den Kulissen in Bereitschaft. Der Mann wisse seitdem, "was wirklicher Stress ist", schreibt Kohl.

Brandt: "In Wirklichkeit war ich kaputt"

Kanzler und Krankheit - das geht nicht. "In Wirklichkeit war ich kaputt", schrieb Willy Brandt Jahre nach seinem Rücktritt im Mai 1974. Vor allem gegen Ende seiner Kanzlerzeit, als der Sozialdemokrat auch in der eigenen Partei auf zunehmenden Widerstand stieß, litt Brandt offenbar unter schweren Depressionen. Wenn er deswegen nicht einmal das Bett verlassen konnte, war in offiziellen Erklärungen von einer "fiebrigen Erkältung" die Rede. Legendär der so überlieferte Appell des damaligen Kanzleramtsministers Horst Ehmke an Brandt: "Willy, aufstehen, wir müssen regieren."

Wenn schwere körperliche Leiden schon tabu sind, gilt das für psychische Erkrankungen erst recht. Für Nationaltorhüter wie für Bundeskanzler. Umso bemerkenswerter ist der Satz, den Angela Merkel nach Robert Enkes Selbstmord der "Zeit" sagte. "Die Politik ist immer ein Spiegel der Gesellschaft - einer Gesellschaft, in der über psychische Erkrankungen generell nicht offen gesprochen wird."

insgesamt 21 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
nemansisab, 20.11.2009
1. Ich glaube es nicht.....
Zitat von sysopLafontaine macht seine Krebs-Erkrankung öffentlich - aber er ist damit eine Ausnahme. Bedeutet Krankheit für sogenannte Leistungsträger wie Politiker, Spitzenmanager oder Top-Sportler Schwäche?
Bitte nehmen Sie diesen Text umgehend raus aus diesem Forum! Wahrscheinlich kommt hier noch eine auf die Idee, dem Lafontaine "Schuld" zu unterstellen.... Krankheit ist Krankheit und warum sie jemanden ereilt, ist eine Sache, die jede(r) mit sich selbst ausmachen wird. Die öffentliche Diskussion ist fürcherlich peinlich, zeigt aber wieder mal dass der Wahnsinn inzwischen zur Normalität geworden ist!
immerfreundlich 20.11.2009
2.
Zitat von sysopLafontaine macht seine Krebs-Erkrankung öffentlich - aber er ist damit eine Ausnahme. Bedeutet Krankheit für sogenannte Leistungsträger wie Politiker, Spitzenmanager oder Top-Sportler Schwäche?
naja, wieso er es öffentlich gemacht hat weiss kein Mensch ist doch auch egal. Entscheidend ist daß er kein unheil als aktiver Politiker anrichten kann Wenn ein Mensch glaubt, daß er so wichtig ist, daß seine Aussendarstellung unter einer Krankheit/Schwäche leidet dann hat er massivste Probleme und ist vieles, aber kein "Top-Leistungsträger".
maan, 20.11.2009
3. Gesellschaft zivilisieren ...
Zitat von sysopLafontaine macht seine Krebs-Erkrankung öffentlich - aber er ist damit eine Ausnahme. Bedeutet Krankheit für sogenannte Leistungsträger wie Politiker, Spitzenmanager oder Top-Sportler Schwäche?
Eine Leistungsgesellschaft liebt (oder hasst) nur die gesunden Funktionsfähigen. Alles Menschliche wird ausgeblendet. Besonders verbreitet ist dieses Verdrängen innerhalb des sog. "starken" Geschlechts. Hoffentlich bewirken jüngste Beispiele ein Umdenken! Allerdings gelingt das nur, wenn die Gesunden nicht mit gebleckten Reißzähnen auf die Schwäche des Konkurrenten warten, sondern den Nachbarn während seiner Schwächephase stützen und stärken. (Wie etwa Ehmke und Bahr im Verhältnis zu Brandt)
3-plus-1 20.11.2009
4. "Leistungsträger"? Ich fang an zu Lachen!
Ich fasse es nicht! Die Beschriebenen sind keine "Leistungsträger" sondern Egomanen, die auf der Welle des Erfolges in unserer Kleptokratie surfen. Ihnen ist bewußt, dass Sie untergehen, wenn sie diese Glücksträhne nicht bis zum Äußersten ausreizen/überreizen, denn Sie werden wie Stagediver von unseren Händen, d.h. unserem Geld, getragen. So etwas ist endlich, spätestens wenn die Legislaturperiode um ist. Bei solchen Artikeln könnte ich aus der Haut fahren. Was soll das werden? Ein Vorbild für Arbeitnehmer, die auch wie Helmut Kohl mit dem Katheder zur Arbeit erscheinen? Nein, ich kenne echte Leistungsträger, Mitarbeiter, die wie kein anderer firm in einem Anwendungssystem sind. Keyuser im wahrsten Sinne. Solche Leute werden in vernünftigen Unternehmen auch nach einer halbjährlichen Auszeit durch Chemotherapie wieder eingesetzt - und nicht fallen gelassen. Das was hier glorifiziert wird ist Wahnsinn. Hey, Überstunden sind ja Ok, Wochenendarbeit auch, aber wenn der Doc sagt "OP, sofort!" dann _darf_ es einfach nichts anders mehr geben. Dann steht Job, Familie, Gläubiger, Fans und der Rest der Welt ganz hinten drann. Zum Kuckuck, ich reg' mich hier wirklich auf!
hansen19, 20.11.2009
5. Nachdem
Zitat von sysopLafontaine macht seine Krebs-Erkrankung öffentlich - aber er ist damit eine Ausnahme. Bedeutet Krankheit für sogenannte Leistungsträger wie Politiker, Spitzenmanager oder Top-Sportler Schwäche?
Blätter wie vorliegendes ihm so allerlei nachgesagt und -geschrieben und unterstellt haben, musste er ja aus der Deckung. Ansonsten hätte er die Sache womöglich für sich behalten? Er hätte mit seiner Krankheit schließlich auch Wahlkampf betreiben können wie Althaus in Thüringen. Er hat sicher keine Sympathiepunkte bei mir gut, aber man kann es mit dem Bashing eben auch übertreiben. Offensichtlich war er weit davon entfernt, und das darf man ihm schon auch einmal anrechnen, Linke hin oder her. Das Problem bei den Spitzenpolitikern und -managern ist, dass meist eine ganze Menge 'Getreuer' schon mit blanker Machete hinter ihnen bereitstehen und im Krankheitsfall die Zeit gegen sie läuft. Bei Hofintrigen unterliegt schlußendlich immer der, der nicht präsent sein kann. Und es gewinnt der, welcher anwesend ist und halbgewalkte Informationen an die befreundeten Zeitungen verfüttert, die sich für kein vorgeworfenes Aas zu schade sind.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.