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Krawalle bei Schülerdemo: "Attentat auf unsere jüdischen Mitbürger"

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Ziellose Gewalt? In Berlin halten manche die Randale an der Humboldt-Uni nach einer Schülerdemo für eine gezielte Aktion. Der HU-Präsident warnt vor einer Verharmlosung des Vorfalls, und das LKA ermittelt, ob die Randalierer antisemitische Motive hatten.

Berlin - Klebefilm hält die Plakate zusammen, die Schautafeln hängen wieder einigermaßen ordentlich im Foyer der Humboldt-Universität (HU). Aber Jörg Feuchter, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Berliner Hochschule, ist immer noch schockiert. Vor zwei Tagen haben Schüler für bessere Bildung demonstriert, erst friedlich draußen vor den Toren der Uni - doch plötzlich stürmten etwa tausend ins Hauptgebäude der HU. Dabei wurde eine Ausstellung über jüdische Unternehmen in der NS-Zeit schwer beschädigt.

Feuchter hat am Freitag beim Landeskriminalamt (LKA) Anzeige erstattet - wegen gefährlicher Körperverletzung und Volksverhetzung. Um die Mittagszeit sei er am Mittwoch durch den Ausstellungsbreich gegangen, sagt Jörg Feuchter. Entsetzt über die Schäden habe er die Schüler angefahren, dass die Universität Gäste aus Israel habe: "Was sollen die über die Zerstörung denken? Aber da hat ein schwarzgekleideter Demonstrant 'Scheiß Israel' gerufen und mich mit einer Fahnenstange angegriffen."

Dieser Zwischenfall sorgt für große Aufregung - und hat die Debatte darüber angefacht, ob die Randale in der HU sich gezielt gegen die Ausstellung über jüdische Unternehmen gerichtet haben könnte. Ein politischer, antisemitischer Hintergrund sei nicht auszuschließen, sagte ein Sprecher der Berliner Polizei SPIEGEL ONLINE. Dies hätten die bisherigen Ermittlungen gezeigt.

"Unerträgliche Entschuldigungsstrategien"

In der "Berliner Morgenpost" sagte der Berliner LKA-Chef Peter-Michael Haeberer, er glaube nicht, dass die Demonstranten ihre Zerstörungen wahllos angerichtet hätten: "Wer jetzt versucht, diesen Zwischenfall als allgemeinen Vandalismus zu deklarieren, bedient sich einer billigen Ausrede."

Auch HU-Präsident Christoph Markschies wehrt sich gegen eine Verharmlosung der Randale. Landesschülervertreter hatten erklärt, die Gewalt gegen Sachen sei ein Ausdruck von Wut und Ohnmacht der Schüler. Solche Aussagen will Markschies nicht tolerieren. Schon am Donnerstag richtete er sich mit einem Brief an die Mitarbeiter der Universität, der SPIEGEL ONLINE vorliegt. Darin bezeichnet Markschies die "Entschuldigungsstrategien" der Schüler als "unerträglich", etwa die Aussage, "die aufgebrachten Schüler wussten nicht, was sie zerstören".

Markschies bezeichnete die Attacken auf die Ausstellung und Teilnehmer einer Tagung im Senatssaal als "ein Attentat auf unsere jüdischen Mitbürger und die ganze demokratische Kultur des Landes".

Offener Brief der Demo-Veranstalter

Auch die israelische Tageszeitung "Jerusalem Post" berichtet im Internet über den Vorfall unter der Überschrift "Deutsche Kinder zerstören Anti-Nazi-Ausstellung". Die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Lala Süsskind, hatte am Donnerstag erklärt, dass nach ihren Informationen auch antisemitische Äußerungen gefallen seien. Sie war für eine Stellungnahme am Freitag nicht zu erreichen.

Der Vorsitzende des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus, Levi Salomon, konnte Süsskinds Informationen am Freitag nicht bestätigen, äußerte sich aber tief betroffen: "Eine solche Ausstellung soll uns erinnern und mahnen - und wir erleben, dass sie zerstört wird."

Mit Verzögerung haben die Veranstalter der Schülerdemonstration die Beschädigung der Ausstellung inzwischen in einem offenen Brief ausdrücklich verurteilt. Die Initiatoren bekräftigen darin aber, dass es sich nach ihren Informationen bei den gewalttätigen Aktionen nicht um gezielte Taten handelte, sondern um die Folge einer über lange Zeit aufgestauten Wut: "Unserer Meinung nach ist das auf keinen Fall eine Entschuldigung für die Vorkommnisse."

Zentralrat der Juden mahnt zur Zurückhaltung

Der Zentralrat der Juden in Deutschland mahnte indes zur Zurückhaltung. "Mit dem antisemitischen Motiv sollte man sehr vorsichtig sein", sagte Generalsekretär Stephan Kramer am Freitag SPIEGEL ONLINE. Die Gewaltakte seien zu verurteilen, es dürften jedoch keine voreiligen Schlüsse daraus gezogen werden: "Wir dürfen da nichts hineininterpretieren, was wir nicht sicher wissen. Damit tut man dem Kampf gegen Antisemitismus nichts Gutes."

Die Ausstellung "Verraten und Verkauft" über die jüdischen Unternehmen in der Zeit von 1933 bis 1945 soll am kommenden Montag wieder eröffnet werden. In einer Podiumsdiskussion sollen auch die gewaltsamen Aktionen am Rande des Schülerstreiks thematisiert werden.

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