Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Krawalle im Wendland: Erstes Scharmützel zwischen Castor-Gegnern und Polizei

Von , Metzingen

Lange bevor der Castor das Wendland erreicht, haben sich Atomkraftgegner und Polizisten einen Schlagabtausch geliefert - Wasserwerfer und Steine inklusive. Die Beamten zeigten sich überrascht von der Wucht des Widerstandes, ihnen stehen zermürbende Tage bevor.

DPA

Am frühen Donnerstagabend kippt die Stimmung in Metzingen: In dem Örtchen, zwölf Kilometer vor Dannenberg, wärmen sich die Castor-Gegner traditionell für das lange Protestwochenende auf. Würstchenstände machen kräftig Umsatz, Livemusik wummert aus lädierten Lautsprechern. Für den Abend ist eigentlich noch ein Laternenumzug angesetzt. Doch daraus wird nichts.

Um 19.34 Uhr droht die Polizei zum ersten Mal mit dem Einsatz der Wasserwerfer - und macht kurz darauf ernst. Mit einigen kräftigen Salven drängen die Beamten einen Pulk von Protestierenden von der Bundesstraße 216. Männer und Frauen in voller Demo-Kampfausrüstung helfen kräftig nach.

Es wird hektisch, Ketten von Polizisten umringen die tonnenschweren Wasserwerfer. Aus der Menge an beiden Seiten der Straße setzt es erst Pfiffe und Verwünschungen. Dann fliegen Farbbeutel. Dann Feuerwerkskörper. Dann die ersten Steine. Eine junge Frau wird mit einer Rolltrage in den bereitstehenden Sanitätsbus verfrachtet. Auf der anderen Seite verlangt ein Mann lautstark, die Einsatzleitung zu sprechen, ein Beamter hätte ihm einen Schlagstock in den Magen gerammt. Minutenlang dauert der Streit.

Fotostrecke

15  Bilder
Proteste gegen Castor-Transport: Wütende Bürger, wachsame Beamte
Nach Angaben von Sanitätern wurden am Abend insgesamt rund ein Dutzend Demonstranten verletzt. Die Polizei sprach zudem von sieben verletzten Beamten. Außerdem habe es fünf Festnahmen gegeben.

Als sich Demonstranten und Polizei im Wendland erste Scharmützel liefern, steht der Castor-Zug noch in Frankreich, in der lothringischen Gemeinde Rémilly. Auch am Freitagmorgen steht der Zug noch dort, teilte das französische Netzwerk Atomausstieg ("Sortir du nucléaire") über Twitter mit. Auch Greenpeace meldete, der Zug stehe noch. Gerüchte, wonach sich der Zug wieder in Bewegung gesetzt habe, seien falsch. Die Grenze nach Deutschland soll noch am Freitag überquert werden.

Giftige Stimmung

In Metzingen zeigte der massive Polizei-Einsatz nach rund einer halben Stunde Wirkung. Tropfnass ziehen sich die ersten Castor-Gegner in das nahe Camp zurück. In bunten Zelten lagern hier Hunderte Demonstranten, den ganzen Abend dröhnt schon die Trommelmusik durch den Ort. "Die ziehen sich jetzt was Trockenes an und sind dann noch angestachelter als vorher", sagt Polizeisprecher Marco Bussler. Mit einem solch massiven Widerstand hat die Einsatzleitung an diesem Abend nicht gerechnet, das muss er einräumen: "Metzingen ist immer ein potentieller Gefahrenherd. In diesem Jahr war die Stimmung aber giftiger als erwartet."

Das sieht auch ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes so. Seit 15 Jahren kommt er zu den Castor-Einsätzen, seinen Namen will er lieber nicht nennen. Dann gerät er aber doch ins Plaudern. Eine Platzwunde musste er bisher versorgen, nicht weiter wild, sagt er. Sorge bereitet ihm eher das Signal, das von einem solchen Zusammenstoß ausgeht. "Wir hoffen immer auf friedliche Proteste - und das bleiben sie ja meist auch. Aber so etwas wie heute Abend spricht sich natürlich rum."

Am Straßenrand gibt es tatsächlich nur ein Thema: Warum geht die Polizei so rabiat vor? War der Einsatz unverhältnismäßig? Einige Veteranen der Castor-Proteste versuchen zu beruhigen. Das hat es in den Jahren vorher auch gegeben - und das geht auch noch härter. Mehrere Einsatzzüge waren an diesem Abend in Metzingen im Einsatz, am gesamten Wochenende sollen es 19.000 Beamte werden. An neuralgischen Punkten sammeln sich schon jetzt die Einheiten.

Ein langer Protest steht noch bevor

In den Stunden nach dem Zusammenstoß auf der B 216 macht die Polizei immer wieder Jagd auf versprengte Gruppen, die sich auf den Wall oberhalb der Bundesstraße verzogen haben. Sie befürchten Wurfattacken auf die Einsatzfahrzeuge, die nun wie in einem Kessel stehen. Im Laufschritt hetzen Uniformierte die feuchte Böschung hinauf.

"Das geht jetzt noch eine Weile so, aber gegen 22, 23 Uhr haben die meisten Demonstranten die Nase voll", sagt Polizeisprecher Bussler. Tatsächlich machen sich immer mehr Castor-Gegner auf den Weg zurück in ihr Camp. Sie haben noch einen langen Protest vor sich: Mit der Ankunft des Transports im Zwischenlager Gorleben wird nicht vor Sonntag gerechnet.

mit Material von dpa

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 75 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wie man in den Wald hinein ruft...
myoto 24.11.2011
...so schallt es heraus. Wenn die Demonstranten niedergeknüppelt werden braucht sich niemand wundern wenn die sich wehren. Was ich schade finde: Die Demonstranten werden oft in den Medien als die "Bösen" hingestellt. Schade sowas, gibt genug "normale" die keinen Krawall machen.
2. Überschrift
Der Bruddler, 24.11.2011
Zitat von sysopEs war der erste Zusammenstoß:*Lange bevor der Castor das Wendland erreicht, haben sich Atomkraftgegner und Polizisten einen Schlagabtausch geliefert - Wasserwerfer und Steine inklusive. Die Beamten zeigten sich überrascht von der Wucht des Widerstandes, ihnen stehen zermürbende Tage bevor. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,799843,00.html
Ich verstehe nicht - was sollen die Demonstrationen? Ja - es muss geklärt werden wohin das Zeugs endgültig kommt! Von mir aus auch hierher nach BW - aber es muss jetzt und heute zu uns zurückkommen! Wo ist hieran Diskussionsbedarf?
3. Aufmerksamkeit
no_panic 24.11.2011
Zitat von Der BruddlerIch verstehe nicht - was sollen die Demonstrationen? Ja - es muss geklärt werden wohin das Zeugs endgültig kommt! Von mir aus auch hierher nach BW - aber es muss jetzt und heute zu uns zurückkommen! Wo ist hieran Diskussionsbedarf?
Das dies unser Müll ist und wir uns darum kümmern müssen, steht außer Frage. Ziel der Demonstrationen ist, darauf hinzuweisen, daß dieser Müll existiert. Ohne die jährlichen Demonstrationen nähme ein Großteil der Bevölkerung gar nicht wahr, daß dieser Dreck überhaupt existiert. Dem Medieninteresse ist wohl auch die immer extremer werdende Form der Demonstration geschuldet. 1000 Leute mit Spruchbändern erregen weniger mediales Interesse als 5 Mann, die den Schotter unter den Gleisen entfernen. Ich bin kein Freund von Gewalt (aktiv oder passiv), kann aber die Menschen im Wendland verstehen.
4. Bw
wehnen 25.11.2011
Zitat von Der BruddlerIch verstehe nicht - was sollen die Demonstrationen? Ja - es muss geklärt werden wohin das Zeugs endgültig kommt! Von mir aus auch hierher nach BW - aber es muss jetzt und heute zu uns zurückkommen! Wo ist hieran Diskussionsbedarf?
Wenn ihr das Zeug in BW haben wollt, können wir die Diskussion sofort beenden .... Habt ihr da schon Konsens gefunden ?
5. Ziel ist es...
drizzt81 25.11.2011
Zitat von Der BruddlerIch verstehe nicht - was sollen die Demonstrationen? Ja - es muss geklärt werden wohin das Zeugs endgültig kommt! Von mir aus auch hierher nach BW - aber es muss jetzt und heute zu uns zurückkommen! Wo ist hieran Diskussionsbedarf?
Diskussionsbedarf gibt es m.W. auch keinen. Ziel der "Demonstration" (in Klammern, da ich die Wortwahl für unangemessen halte) ist laut Spiegel "den Transport [für den Steuerzahler] so teuer wie möglich zu machen". Was damit bezweckt werden soll - außer dass es halt ein paar Kitas weniger in Deutschland geben wird - ist mir nicht klar.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Castor-Lexikon
Castor-Behälter
dpa/dpaweb
Die Castor-Behälter wurden speziell für den Transport und die Zwischenlagerung von hoch radioaktiven Abfällen entwickelt. Die Castoren sind etwa sechs Meter lang und haben einen Durchmesser von mehr als zwei Metern. Beladen wiegt ein Behälter etwa 117 Tonnen. Die Castoren sind mit einer Neutronenabschirmung und speziellen Dichtungen ausgestattet. Die gusseisernen Behälter werden mit zwei Deckeln verschlossen. Die Gesamtwärmeleistung des Atommülls pro Behälter beträgt 56 Kilowatt - ein Heizstrahler hat rund zwei Kilowatt.
Castor-Transport
AP
Wenn der 13. Castor-Transport mit hoch radioaktivem Atommüll im niedersächsischen Zwischenlager Gorleben ankommt, wird der 600 Meter lange Schwerlastzug aus dem französischen La Hague rund 1200 Kilometer zurückgelegt haben. Elf Castor-Behälter werden transportiert. Darin sind 28 Glaskokillen mit hoch radioaktiven Abfällen aus deutschen Atomkraftwerken enthalten. Es ist der letzte Transport von Frankreich nach Gorleben, ab 2014 soll jedoch Atommüll aus Großbritannien eingelagert werden.
Endlager
DPA
Der Strahlenmüll der Republik könnte im Wendland unter die Erde gebracht werden: 1977 gab der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) die Erkundung des Salzstocks Gorleben als Endlager bekannt - seitdem wird erkundet, ob sich dort Atommüll für Zehntausende Jahre sicher lagern lässt (siehe Chronik). Das Erkundungsbergwerk liegt wenige hundert Meter vom Zwischenlager entfernt - in den Stollen lagert bisher kein Atommüll. Anwohner und Politiker protestieren gegen ein mögliches Endlager in Niedersachsen. Laut Grünen war der Auswahlprozess in den siebziger Jahren manipuliert, Gorleben scheide damit als Kandidat aus.
Schottern
dapd
Die Gruppe "Castor? schottern!" will auch in diesem Jahr das Gleisbett der Transportstrecke abtragen - und damit den Transport der Castoren behindern. Das ist illegal, trotzdem rechnen die Organisatoren wieder mit einer hohen Zahl an Teilnehmern. Wo und wann die Aktionen stattfinden, wird im Vorfeld geheim gehalten.
Verladebahnhof
dpa
Der Castor-Transport aus dem französischen La Hague kommt nur bis Dannenberg auf Bahngleisen - danach müssen die Behälter auf Schwertransporter umgeladen werden, und die letzten 20 Kilometer auf der Straße zurückzulegen.
Zwischenlager
dpa
Südwestlich der Ortschaft Gorleben liegt ein 15 Hektar großes, von einem Erdwall und einem Betonzaun umschlossenes Areal: Das Atommüll-Zwischenlager. Hier wird strahlender Abfall über Jahrzehnte hinweg provisorisch abgestellt, weil er "abkühlen" muss. Das Zwischenlager beherbergt ein Abfalllager mit schwach und mittel radioaktivem Atommüll, eine Anlage zur Behandlung des Mülls und das Transportbehälterlager. Dort soll der Castor-Transport enden. An den Seiten der Halle strömt kühlende Luft ein, die von den heißen Atomüllbehältern erwärmt wird und über Öffnungen im Dach wieder austritt. Die Halle darf maximal 420 Behälter für längstens 40 Jahre aufnehmen. Rund 100 Behälter mit Atommüll stehen dort derzeit.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: