Krawalle in Berlin und Bremen Staatsschutz ermittelt wegen Brandanschlägen

Waren es Trittbrettfahrer? Braut sich in Deutschland Gewalt in den Städten zusammen, vergleichbar mit den Krawallen in Frankreich? Nach den Brandanschlägen in Berlin und Bremen verstärkt die Polizei ihre Präsenz. Der Staatsschutz ermittelt, Politiker beschwichtigen.


Berlin - Die Sicherheitsbehörden in Berlin gehen davon aus, dass Nachahmungstäter hinter den Brandstiftungen steckten. "Wir vermuten, dass es Trittbrettfahrer sind, die die französischen Ereignisse zum Anlass nehmen, derartiges zu tun", sagte der Berliner Innensenator Ehrhart Körting.

Ausgebranntes Auto in Berlin: Sicherheitsbehörden vermuten Trittbrettfahrer hinter den Brandanschlägen
AP

Ausgebranntes Auto in Berlin: Sicherheitsbehörden vermuten Trittbrettfahrer hinter den Brandanschlägen

Ein Szenario wie in Frankreich mit flächendeckenden Jugend-Unruhen könne er sich in Deutschland aber nicht vorstellen. "Ich glaube, wir haben hier auch für Migranten ein ausreichendes soziales Sicherungsnetz, das die Leute nicht in Verzweiflung stürzen lässt. Und dementsprechend glaube ich auch, dass der Stoff für explosive Entwicklungen unter den Migranten nicht da ist", betonte der SPD-Politiker. "Das schließt nicht aus, dass wir hier nicht auch Probleme haben, übrigens nicht nur bei den Migranten, sondern bei der Arbeitslosigkeit generell".

Warnung vor "falschen Ausgrenzungen"

Der Staatsschutz hat inzwischen Ermittlungen wegen der Brandstiftungen im Stadtteil Tiergarten aufgenommen, die Polizei verstärkte ihre Präsenz. Hinweise auf die Täter gab es nach den Worten Körtings bisher nicht. Er warnte davor, über die Täter zu spekulieren. "Es wäre fahrlässig, jetzt zu sagen, das waren Türken oder Araber oder Deutsche. Das führt nur zu falschen Ausgrenzungen", betonte er. Hinweise, dass Islamisten den Konflikt nutzen könnten, gebe es derzeit nicht.

In Bremen, wo bereits am Wochenende Brandanschläge auf drei Autos verübt worden waren, ging in der vergangenen Nacht ein Wohnmobil in Flammen auf. Zudem wurden mehrere Müllcontainer angezündet. Die Polizei erklärte, in dem betroffenen Viertel habe es in der letzten Zeit häufiger Probleme mit Jugendlichen gegeben. Verletzt wurde bei den Brandanschlägen in beiden Städten niemand.

Mit Ausnahme des Wohnmobil-Brandes ereigneten sich alle Brandstiftungen im problembeladenen Bremer Stadtteil Huchting. Im Zuge der Fahndung überprüfte die Polizei 14 Jugendliche. Die Ermittler haben aber keinen Anhaltspunkt für einen Zusammenhang mit den Krawallen in Frankreich. Auch gebe es keine Hinweise dafür, dass alle Brände von derselben Gruppe gelegt wurden, sagte Polizeisprecher Heiner Melloh. Die Häufigkeit der Brände sei aber eine Rarität.

Die rot-grüne Bundesregierung warnte vor voreiligen Schlüssen. Die Situation in Deutschland sei nicht mit der in Frankreich vergleichbar, sagte Vize-Regierungssprecher Thomas Steg.

Kein Potential für vergleichbaren Gewaltausbruch

Dagegen würde es Christian Pfeiffer, den Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, nicht überraschen, wenn die Krawalle in Frankreichs Vororten diesseits des Rheins Nachahmer fänden. Zu faszinierend seien die Bilder brennender Autos für einige junge Leute, zu verlockend die Aussicht, auf der ersten Seite der Zeitung und in den Nachrichtensendungen zu landen. "Es gibt sicher viele Jugendliche, die es schick finden, mal so richtig Rabatz zu schlagen", sagte Pfeiffer.

Zugleich warnt der Kriminologe jedoch vor Panikmache. "Ich sehe derzeit nicht das Potential für einen großen Gewaltausbruch wie in Frankreich", sagt er. Trotz massiver Benachteiligung junger Migranten in der Schule und auf dem Arbeitsmarkt seien die Integration in Deutschland besser gelungen und der Nährboden für Gewalt nicht so groß.

Auch der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Nadeem Elyas, betonte, die Situation in Deutschland sei nicht vergleichbar mit der Lage in Frankreich oder auch England, wo es bereits in der Vergangenheit immer wieder zu Krawallen gekommen war. In Deutschland verliefen die Trennlinien nicht zwischen Migranten und Einheimischen, sondern zwischen sozial Benachteiligten und Nicht-Benachteiligten. Politiker der Union forderten ein Umsteuern in der Integrationspolitik.



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