Krawalltag in Rostock "Bisher nicht gekannte Brutalität"

Die Straßen sind übersät von den Spuren der Randale - Scherben, Steine, verkohlte Autos. Mit Musik versuchen Demonstranten ein Stück Leichtigkeit zurückzuholen, doch es will nicht so ganz gelingen. Die Bilder einer der gewalttätigsten Krawalldemos Deutschlands sind nicht so schnell vergessen zu machen.

Aus Rostock berichtet


Rostock - Für einen Moment ist die Beamtin unschlüssig. Neben ihr tanzen einige Jugendliche, Bierflasche in der Hand, lächeln herüber, beinahe bewegt sie sich im Rhythmus der Musik. Doch plötzlich löst sich die Polizistin im Kampfanzug von den Jugendlichen neben ihr, marschiert den Kollegen hinterher. Von der Bühne singt Judith Holofernes "Wir sind gekommen, um zu bleiben."

Die Berliner Band "Wir sind Helden" bringt an diesem Samstagabend ein bisschen von der Stimmung zurück, die den Tag lange beleitet hatte, bevor die Gewalt explodierte: friedlich, ein bisschen beschwingt, auf jeden Fall laut. Doch es will nicht so ganz gelingen, zu frisch sind die Bilder des Nachmittags, als entfesselte Autonome die Rostocker Innenstadt in ein Chaos verwandelten.

Es waren Szenen, die das Land so massiv lange nicht mehr gesehen hatte. Krawallmacher deckten Hundertschaften der Polizei mit Steinhagel ein. Knüppelnde Polizisten jagten Demonstranten. Wurfgeschosse streckten auf beiden Seiten Menschen nieder. In der Luft beißendes Tränengas, der schwarze Rauch brennender Autos. In den Straßen der typische Lärm der entfesselten Gewalt: Das trockene Prasseln der Steine auf den Polizeischilden, Schreie getroffener Menschen, klirrendes Glas, gellende Pfiffe und Gebrüll aus den Reihen der Autonomen.

"Von bisher nicht gekannter Brutalität" spricht der verantwortliche Einsatzleiter Knut Abramowski. Dass die Polizei schlecht und zu aggressiv auf die ersten Steinewerfer reagiert habe, bei der Ankunft des ersten Demonstrationszugs am Rostocker Hafen, ist allerdings auch zu hören.

Das zusammengefallene Auto ein paar Meter davon entfernt ist Symbol dieses Tages, ein verkohltes Zeichen der autonomen Gewalt. Das Bild von dem brennenden Kombi prägt die Ästhetik dieses Protests wie die Hundertschaften schwer geschützter Polizisten in ihren schwarzen und olivgrünen Overalls, die sich immer wieder auf die Menschenmenge stürzten. "Ich bin jedenfalls froh, dass ich meinen Wagen außerhalb der Innenstadt geparkt habe", sagt ein Rostocker, der mit seiner Frau die Spuren des Tages begutachtet. Einige Schritte weiter, die Schnickmannstraße hinauf, erinnern Glasscherben und ein ausgebrannter Einkaufswagen an die Eskalation. Dass die beiden US-amerikanischen Schnellimbiss-Restaurants am oberen Ende der Fußgängerzone keine Fensterscheibe eingebüßt haben - im Zeichen der Globalisierungskritik - wirkt etwas ironisch.

Andererseits, es passt auch ins Bild: Weil jene, die die Gewalt nach Rostock brachten, wenig mit dem Ziel der Proteste gemein haben. Die bessere Welt dieser schwarz vermummten Schläger möchte man sich lieber nicht vorstellen. "Es gibt keinerlei Rechfertigung von Gewalt gegen Personen", sagt Manfred Stenner, Friedensaktivist und Mit-Organisator der Demonstration am Abend im Pressezelt hinter der Bühne. Und dann, selbstkritisch, dass "wir es nicht geschafft haben, den Verlauf der Demonstration so friedlich zu halten wie die Kundgebung". Ob es daran liegen könnte, dass viele der sogenannten Autonomen aus dem Ausland angereist sind, also in die Absprachen mit ihren deutschen Verbündeten nicht eingeweiht waren? "Jedenfalls war das Verhalten vieler Autonomer, wie sie den Polizisten immer wieder hinterher gegangen sind, wenig typisch für deutsche Gruppen", sagt attac-Mann Werner Rätz, ebenfalls ein Mit-Organisator, aber man habe da noch keine Klarheit. Der Polizei, da sind sich beide einig, wolle man jedenfalls vorerst keinen Vorwurf machen. Das klingt überraschend.

Monty Schädel, Anmelder der Demonstration und so etwas wie der Kopf des G-8-Protests in Mecklenburg-Vorpommern, sieht das jedenfalls ganz anders. Er ist wütend auf die Gewalttätigen, aber genauso auf die Polizei. "Was willst Du denn, Du Arschloch", habe ein Beamter zu ihm gesagt, als er vermitteln wollte. "Dann hat er mich weggeschubst." Nein, sagt er und sieht dabei vor allem müde aus, "da war von Deeskalation nicht mehr viel zu spüren."

Die Bilanz des Tages ist jedenfalls für beide Seiten verheerend: Auf der einen über 400 verletzte Beamte, davon dutzende schwer. Selbst wenn es ein paar weniger wären, wie mancher vermutet, das sind traurige Zahlen. Die Veranstalter wiederum müssen nun die Journalisten fast anbetteln, nicht nur über die Gewalt, sondern auch die Inhalte zu berichten. In der Tat redet kaum einer mehr über die Vorträge an diesem Tag, die Debatten und musikalischen Beiträge, sondern nur über die Frage: "Wie konnte das passieren?" Dass viele Zehntausende friedlich demonstrierten, rückt in den Hintergrund. Sie hätten nicht mit dieser Eskalation gerechnet, betonen die Organisatoren immer wieder. Man könnte das naiv nennen.

Aber zum Glück gibt es dann ja noch diesen Abend, der ein bisschen versöhnt. Selbst die großen und kleinen Polizeiboote, die von der Wasserseite wachen, wirken nun weniger bedrohlich, wie sie da in den Wellen dümpeln. Während im Stadtzentrum die Männer von der Rostocker Glaserei Ingo Fritz schon neue Fensterscheiben bei der "Sparkasse" einsetzen, demonstrieren "Wir sind Helden" musikalische Deeskalation. Die Polizei lässt es dazu sogar geschehen, dass zwei kleine Lagerfeuer auf dem Platz angezündet werden.

In der späten Nacht ziehen sich dann die letzten Wasserwerfer zurück, bis dahin stehen auch noch behelmte Polizisten am Rand des Hafenplatzes. Ja, sagt einer von ihnen, mit Musik falle das ewige Stehen in voller Montur sicher leichter. Nur seine Augen sind unter der Maske zu sehen. "Aber am liebsten wäre ich zuhause."

Mehr zu den Ausschreitungen in Rostock heute in SPIEGEL TV Magazin, 22.10 Uhr RTL.



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