Krebsleiden DDR-Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley ist tot

Sie galt als "Mutter der friedlichen Revolution" - und verkörperte den politischen Aufbruch in der Wendezeit: Die DDR-Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley ist am Samstagmorgen im Alter von 65 Jahren gestorben. Sie erlag einem Krebsleiden.

dapd

Bärbel Bohley hat einen festen Platz in der Geschichte des Untergangs des SED-Regimes: Sie war eine der wichtigsten Persönlichkeiten der friedlichen Revolution in der DDR. Am 9. September 1989, zwei Monate vor dem Mauerfall, startete sie mit anderen Regimekritikern den Gründungsaufruf für die Bürgerbewegung Neues Forum und wurde zur Symbolfigur der ostdeutschen Freiheitsrevolution.

Am Samstagmorgen ist Bohley im Alter von 65 Jahren gestorben. Wie die Robert-Havemann-Gesellschaft in Berlin mitteilte, erlag sie ihrem schweren Krebsleiden.

Die Bürgerrechtlerin wurde 1945 in Berlin geboren. Sie studierte an der Staatlichen Kunsthochschule in Berlin-Weißensee und arbeitete als freischaffende Künstlerin. Gleichzeitig knüpfte sie Kontakte zu den Grünen in Westdeutschland. Von Mitte der achtziger Jahre an war sie die Stimme der DDR-Opposition und wurde wegen ihrer Aktivitäten mehrfach inhaftiert: Wegen "landesverräterischer Nachrichtenübermittlung" kam sie 1983 in sechswöchige Untersuchungshaft nach Hohenschönhausen. Danach erhielt Bohley keine staatlichen Aufträge mehr, durfte ihre Werke nicht mehr öffentlich ausstellen und nicht mehr reisen. "Ich will eine total veränderte DDR, in der jeder Bürger sich endlich selbst in die Mündigkeit entlässt", war Bohleys Credo.

Rückblickend sagte sie in einem SPIEGEL-ONLINE-Interview über geschlossene Gesellschaften, sie hätten "immer etwas Enges und Kleinkariertes, die DDR war das 40 Jahre lang. Wenn man da etwas bewegen wollte, musste man es aufknacken".

"Wir wollten Gerechtigkeit"

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Selbst nach dem Mauerfall organisierte Bohley in ihrer Berliner Wohnung noch "Montagsrunden", um zu verhindern, dass alte DDR-Seilschaften wieder mächtig werden. Im September 1990 besetzte sie zusammen mit anderen Aktivisten das Stasi-Akten-Archiv in der Berliner Normannenstraße. Diese Aktion führte letztendlich zur gesetzlich geregelten Einsicht in die Stasi-Unterlagen.

Von 1996 an lebte und arbeitete Bohley vorwiegend im ehemaligen Jugoslawien. Sie organisierte in Bosnien ein Wiederaufbauprogramm und ermöglichte Waisen und Kindern aus Flüchtlingsfamilien gemeinsame Sommerferien in Kroatien. "Mein Oppositionsgeist ist immer ganz persönlich", hatte sie einmal gesagt.

Bohley wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem erhielt sie das Bundesverdienstkreuz. Außerdem war Bohley als auch freischaffende Künstlerin tätig und veröffentlichte zahlreiche Bücher. In den letzten Jahren hatte sie sich jedoch zunehmend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.

cib/dpa

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