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Kredit- und Anrufaffäre: Mehrheit der Deutschen will Wulff vorerst zweite Chance geben

"Peinlich" findet die Mehrheit der Deutschen das Verhalten von Christian Wulff, sein Interview hat sie nicht überzeugt. Dennoch wollen 60 Prozent dem Bundespräsidenten einer Umfrage zufolge eine zweite Chance geben. Neue Widersprüche gibt es bei Wulffs Aussagen zu seinem günstigen BW-Kredit.

Bundespräsident Wulff und seine Frau Bettina: Deutsche vorerst gnädig Zur Großansicht
dapd

Bundespräsident Wulff und seine Frau Bettina: Deutsche vorerst gnädig

Berlin - Der erhoffte Befreiungsschlag für Christian Wulff ist ausgeblieben, der Bundespräsident steht auch nach seinem Interview zur Kredit- und Medienaffäre weiter unter großem Druck. Mit seinem Auftreten bei ARD und ZDF hat er die Mehrheit der Deutschen nicht überzeugt. 61 Prozent derjenigen, die das Gespräch gesehen hatten, fanden Wulff eher nicht überzeugend. Nur 30 Prozent sahen ihn positiver, so das Ergebnis des aktuellen ARD-Deutschlandtrend extra.

Die Mehrheit der Befragten zeigte sich dennoch vorerst gnädig: 60 Prozent waren der Ansicht, das Staatsoberhaupt habe "jetzt eine zweite Chance verdient". 36 Prozent sahen dies anders. 56 Prozent sprachen sich in der ARD-Blitzumfrage von Infratest dafür aus, dass Wulff im Amt bleibt - neun Punkte mehr als am Mittwoch vor dem Interview. 41 Prozent waren am Donnerstag dafür, dass Wulff zurücktritt (Mittwoch: 50).

Der Bundespräsident konnte im Vergleich zum Mittwoch in punkto Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit nur leicht zulegen und erzielt weiterhin schwache Werte. 57 Prozent geben sogar an, dass sie "das Verhalten unseres Bundespräsidenten peinlich finden". Dies zeigen auch Abstimmungen und Zuschriften an SPIEGEL ONLINE, danach vertrauen immer weniger Leser dem Bundespräsidenten.

Allerdings hat sich auch ein Schutzreflex eingestellt: 57 Prozent der Befragten des "ARD-Deutschlandtrends extra" hat nämlich "den Eindruck, die Medien wollen ihn fertig machen". Bei der Frage, ob Wulff Ende des Jahres noch im Amt sein wird, sind die Deutschen gespalten: 45 Prozent glauben dies, 49 Prozent hingegen nicht.

In einer ZDF-Blitzumfrage der Forschungsgruppe Wahlen verlangten 43 Prozent Wulffs Rücktritt - 50 Prozent meinten hingegen, dass er dies nicht tun soll. Wulffs TV-Erklärung zu seiner Kredit- und Medienaffäre wurde nur von 25 Prozent der Befragten als überzeugend bewertet, 51 Prozent fanden dies nicht. Auf der Skala von plus 5 bis minus 5 erhielt Wulff nur noch einen Durchschnittswert von minus 0,3. Vor Bekanntwerden der Vorwürfe wegen seiner Hausfinanzierung kam er noch auf einen Wert von 1,9.

BW-Bank widerspricht Wulffs Darstellung zu neuem Kredit

In der Affäre um Wulffs Hausfinanzierung ergeben sich neue Fragen. Die BW-Bank widersprach laut einem Bericht der Zeitung "Die Welt" seiner Darstellung in dem TV-Interview. Demnach kam der Vertrag für ein langfristiges Darlehen zur Finanzierung des Einfamilienhauses nicht bereits Ende November 2011 zustande, wie es Wulff am Mittwoch bei ARD und ZDF gesagt hatte. Denn im November hätten sich die Bank und Wulff nur mündlich geeinigt.

Wulff hatte erklärt, es habe bereits am 25. November 2011 eine Einigung gegeben. "Es gilt auch Handschlagqualität in diesem Bereich, wenn man sich mit einer Bank verständigt." Die von Wulff behauptete "Handschlagqualität" reiche jedoch nach Auskunft der Bank nicht aus, um den Vertrag wirksam werden zu lassen, schreibt die Zeitung. "Ein Kreditvertrag mit Verbrauchern bedarf der Schriftform", so die Bank. Einen schriftlichen Vertrag schickte das Geldinstitut erst am 12. Dezember an Wulff. Er unterschrieb am 21. Dezember und damit rund eine Woche nach den ersten Medienberichten über seine Hausfinanzierung.

Homburger fordert Klarheit über Drohanruf

Keine Entspannung gibt es auch in der Affäre um Wulffs Drohanruf bei "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann. Dabei steht die Frage im Raum, ob es darum ging, einen kritischen Bericht über den Hauskredit zu verzögern oder ganz zu unterbinden.

Hier steht weiterhin Aussage gegen Aussage: Wulff sagt, er habe Diekmann nur um einen Tag Aufschub gebeten; der "Bild"-Zeitung zufolge hat der Bundespräsident den Bericht aber verhindern wollen.

Die stellvertretende FDP-Vorsitzende Birgit Homburger forderte den Bundespräsidenten auf, Klarheit über sein Telefonat zu schaffen. Die Debatte darum sei nicht gut für das Ansehen des Staatsoberhaupts. "Das höchste Staatsamt ist in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Debatte schadet auch dem Ansehen der Bundesrepublik Deutschland", so Homburger.

Auch für den Vorsitzenden der Grünen im niedersächsischen Landtag in Hannover, Stefan Wenzel, bleiben nach Wulffs TV-Gespräch wesentliche Fragen weiter offen. "Dass Herr Wulff den Text seines Anrufs beim 'Bild'-Chef nicht gedruckt sehen möchte, macht seine Ausführungen in dem Interview nicht glaubwürdiger", sagte Wenzel der "Passauer Neuen Presse".

Diekmann: "Bild" will kein Duell mit Wulff

"Bild"-Chefredakteur Diekmann selbst stellte nun in einem "Bild"-Kommentar am Freitag klar, dass es seine Zeitung keineswegs auf ein Duell mit Wulff anlege: Wer "den Fall und die Probleme des Bundespräsidenten jetzt zu einem 'Machtkampf' zwischen dem ersten Mann im Staat und der größten Zeitung im Land aufpumpt, der geht wahrhaft völlig in die Irre."

Die Medien spielten in der Debatte eine Rolle, so Diekmann. "Sie stellen Fragen, decken Fehler auf, legen Widersprüche bloß. Aber sie entscheiden nicht. Das tun die politischen Parteien. Die Bürger, die sich ihr Urteil bilden. Und ganz zuerst Christian Wulff selbst."

Wulff hatte am Donnerstag die Veröffentlichung seines Telefonanrufs bei der "Bild"-Zeitung verweigert. Die Zeitung hatte zuvor Wulffs Version widersprochen und ihn gebeten, die umstrittenen Äußerungen auf Diekmanns Mailbox verbreiten zu dürfen. Wulff lehnte ab und erklärte, er wolle es bei seiner persönlichen Entschuldigung bei Diekmann belassen. "Bild" bedauerte die Entscheidung, will aber auf eine Veröffentlichung verzichten.

Am Freitag begrüßt der Bundespräsident Kinder und Jugendliche aus dem Bistum Essen zum traditionellen Sternsingerempfang im Schloss Bellevue.

heb/dpa/AFP/Reuters

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1. Welche Mehrheit?
Putzerfisch 06.01.2012
Zitat von sysop"Peinlich" findet die Mehrheit der Deutschen das Verhalten von Christian Wulff, sein Interview hat sie nicht überzeugt. Dennoch wollen 60 Prozent dem Bundespräsidenten einer Umfrage zufolge eine zweite Chance geben. Neue Widersprüche gibt es bei Wulffs Aussagen zu seinem günstigen BW-Kredit. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,807473,00.html
Und woher, aus welchen Quellen rührt diese Mehrheit? Ca. 1100 Befragte vom Deutschlandtrend? Diese machen die Mehrheit von 80Mio aus? Merkwürdig, gestern schrieb der Spiegel und andere noch ganz konträr.
2. Blöd gelaufen...
jumpingjack2 06.01.2012
...schadeschadeschade, das blöde Volk findet nicht gut, dass die Medien unseren höchsten Repräsentanten fertigmachen. War es vielleicht doch etwas zu offensichtlich, dass nun ausgerechnet die Bildzeitung sich zum Hüter der Moral aufschwingt? (Aktuelles Beispiel:"Wer will an Micaelas Hupen hupen?" ( Bild-Zeitung (http://www.bild.de/unterhaltung/erotik/micaela-schaefer/dschungelcamp-kandidatin-macht-hupen-test-21907346.bild.html)). War es vielleicht nicht überzeugend, dass jeden Tag neue Journalisten, deren Namen aus gutem Grund niemand kennt, gaanz mutig aus den Büschen kamen, um mit den Wölfen zu heulen mit Kommentaren wie "Wulf hat seine Ehre verspielt" "Jetzt muss er gehen" "Merkels Problempräsident"? Leute, so was macht man doch subtiler! Das war einfach zu dick aufgetragen! Noch ein Tip: Bei Air Berlin gibts 25% Rabatt auf Presseausweis und auch Porsche gibt Presserabatt. Schnell mal nachsehen: www.pressekonditionen.de (http://www.pressekonditionen.de/). Und dann aber rasch den Artikel über Wulff und die BW Bank fertigschreiben! (Psst: Wulff sollt ja bei seinen Kreditverhandlungen zwei Brötchen gegessen und nicht als geldwerten Vorteil versteuert haben!)
3. sind wir krank
mknight1 06.01.2012
wenn ich dies alles lese und die mehrheit der deutschen will ihm noch eine zweite chance geben, dann frage ich mich wirklich: wie krank sind wir? die oberste moralische und ethische instanz in deutschland lügt uns im fernsehen an und die mehrheit gibt ihm weiter eine chance. der kleine mitarbeiter im öffentlichen dienst muss sich schon fast aus dem dienst verabschieden, wenn er ein werbegeschenk im wert von einigen cent an nimmt. wo ist da noch die relation? zitat oliver kahn: "wenn er eier hat" dann sollte er seinen noch vorhandenen mumm zusammen nehmen und zurücktreten. nur so kann man meiner meinung nach das ansehen des amtes des bundespräsidenten nicht beschädigen.
4.
attatroll1 06.01.2012
Zitat von sysop"Peinlich" findet die Mehrheit der Deutschen das Verhalten von Christian Wulff, sein Interview hat sie nicht überzeugt. Dennoch wollen 60 Prozent dem Bundespräsidenten einer Umfrage zufolge eine zweite Chance geben. Neue Widersprüche gibt es bei Wulffs Aussagen zu seinem günstigen BW-Kredit. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,807473,00.html
Zunächst frage ich mich, woher solche Umfragewerte überhaupt kommen - der Tenor in der Öffentlichkeit ist ein völlig anderer Außerdem sollten die Umfrager doch mal etwas genauer nachhaken: Wieviele von den 60% wollen Wulff lediglich aus Kostengründen weiter im Amt sehen? Ich wette, dass dies der überwiegende Teil dieser 60% ist. Die Tatsache dass Wulff danach fürs Nichtstun das gleiche Gehalt kassiert und wir dann noch einen weiteren Grüßaugust von unseren steuergeldern finanzieren müssen, dürfte eine nicht unerhebliche Rolle spielen.
5. Wulff-Bild?
melodiene 06.01.2012
Wulff ist ein fehlgeschlagener Schachzug, der vielen, vielen anderen Schachzüge Merkels. Gutmensch-Fönfrisur. Man erkennt daran lediglich, für wessen Geistes Kind Merkel die Deutschen hält. Dass aber gerade die Bildzeitung sich wegen eines Angriffs auf die Pressefreiheit empört, ist nun die größte Absurdität... Der Bildzeitung ist nichts und niemand heilig, Persönlichkeitsrechte werden ignoriert und mal eben Menschen mit reisserischen Überschriften und Behauptungen öffentlich bloßgestellt. Wer sich den niederen Instinkten verschrieben hat, sollte sich nicht muckieren, wenn ihm diese als Echo zurück geschleudert werden. Dass Wulff dort angerufen hat, ist das einzig Nachvollziehbare für mich, was er bisher getan hat.
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