Kreditaffäre: Der seltsame Abgang von Wulffs bestem Mann

Von Michael Fröhlingsdorf und

Warum hat der Bundespräsident seinen Pressesprecher entlassen? Seit Jahren war Olaf Glaeseker der engste Vertraute Christian Wulffs. Im Zusammenhang mit der Kreditaffäre geriet auch er in den Fokus der Nachforschungen.

Bundespräsident Wulff (r.), Sprecher Glaeseker (Archivbild): Viele offene Fragen Zur Großansicht
dapd

Bundespräsident Wulff (r.), Sprecher Glaeseker (Archivbild): Viele offene Fragen

Berlin - Als Christian Wulff sein Bedauern über die Kreditaffäre im Schloss Bellevue vortrug, blickte er kurz vor Schluss vom Papier auf. Diese Zeilen seiner persönlichen Erklärung waren seinem Sprecher Olaf Glaeseker gewidmet. Er habe ihm "viel zu verdanken", es tue ihm leid, dass er sich von ihm habe "trennen müssen". Für die beruflichen Herausforderungen der Zukunft wünsche er ihm "alles erdenkliche Gute."

Mehr ist bis heute zu den Gründen des überraschenden Abgangs des 50-Jährigen aus dem Bundespräsidialamt nicht zu erfahren. Glaeseker, der bis zuletzt Kontakt zu Journalisten gehalten hatte, ist auf Tauchstation gegangen. Nur eine dürre Erklärung aus seinem Umfeld wurde über Agenturen gestreut: Nachdem sich die Nachforschungen in der Kreditaffäre Wulffs auch auf sein Privatleben erstreckt hätten, sei er nicht mehr bereit gewesen, das hinzunehmen. Das Bundespräsidialamt erklärte offiziell am Freitag lediglich: "Zur Personalie Olaf Glaeseker wird das Bundespräsidialamt vorerst keine weiteren Angaben machen."

Viele Fragen bleiben offen. Eine lautet: War Glaeseker ein Bauernopfer des Bundespräsidenten? Oder war er selbst so tief verwurzelt in das Hannoveraner Beziehungsgeflecht, dass aus Sorge vor weiteren journalistischen Recherchen ein Rückzug nun notwendig wurde? Glaeseker, der aus dem niedersächsischen Oldenburg stammt, war einst Journalist in Bonn, schrieb dort unter anderem für die "Augsburger Allgemeine", bevor er vor rund zwölf Jahren Wulffs engster Vertrauter wurde. Er hatte entscheidenden Anteil am Bild vom sympathischen Christian Wulff, der nicht in die üblichen politischen Ränkespielen verstrickt ist.

Glaeseker vermarktete Wulff

Er war es, der 2006 die Nachricht von der anstehenden Scheidung Wulffs von seiner damaligen Ehefrau diskret bei der "Bild"-Zeitung einfädelte - es erschien schließlich ein Bericht, in dem von einer gütlichen Trennung des Paares die Rede war. Von Hannover aus spielte Glaeseker eine entscheidende Rolle in der medialen Vermarktung Wulffs. Das tat er geschickt und mit Erfolg.

Doch wie in einer solchen Position üblich, hatte er nicht nur Freunde. Von manchen in und außerhalb Hannovers wurde schon seit längerem beobachtet, welch engen Kontakt Glaeseker auch zu Unternehmerfreunden Wulffs hielt. Mit der Affäre um den 500.000-Euro-Kredit, der über das Konto der Unternehmergattin Edith Geerkens an Wulff floss, rückte auch das nahe Umfeld des CDU-Politikers - und damit auch sein Sprecher - in den Fokus des Interesses.

So tauchten Fragen nach möglicherweise kostenlosen Urlauben in Spanien und Südfrankreich beim Partyveranstalter Manfred Schmidt und Flügen dahin auf, denen die Medien, darunter auch der SPIEGEL, nachgingen. Schmidt ist eine schillernde Figur in der Prominentenszene und hatte unter anderem eine private Feier in Berlin nach der Wahl Wulffs zum Bundespräsidenten im Juni 2010 organisiert.

Keine Antworten

Am Montag wurde dem Bundespräsidialamt vom SPIEGEL eine umfängliche Frageliste zu Wulff zugemailt, in der es unter anderem auch um Glaesekers frühere Reisen ging. Der Fragenkatalog wurde schließlich von Wulffs Anwalt Gernot Lehr beantwortet - eine konkrete Auskunft zu seinem Sprecher aber wurde mit dem schriftlichen Satz beschieden: "Wir vertreten nicht Herrn Olaf Glaeseker." Glaeseker selbst wurde zwei Mal persönlich schriftlich angefragt, zu bestimmten Fragen Stellung zu nehmen, zuletzt am 21. Dezember, also einen Tag vor seinem überraschenden Ausscheiden als Sprecher. Antworten gingen bis heute nicht ein.

Nach Recherchen des SPIEGEL könnte für Wulff seine enge Verbindung zu dem Party-Veranstalter Manfred Schmidt noch kritisch werden. Schmidt hatte den "Nord-Süd-Dialog" organisiert, eine Veranstaltungsreihe in den Jahren 2007 bis 2009. Für diese hatte neben Wulff der baden-württembergische Ministerpräsidenten Günther Oettinger die Schirmherrschaft übernommen.

Allein mit dem letzten "Nord-Süd-Dialog" im Dezember 2009 soll Schmidt mehrere hunderttausend Euro verdient haben, die Sponsoren für die Veranstaltung bereitgestellt hatten. Am Einwerben dieser Sponsorengelder soll die Staatskanzlei in Hannover beteiligt gewesen sein, was Wulff allerdings bestreitet.

Schmidt besitzt in Südfrankreich und in Spanien Immobilien, unter anderem im südfranzösischen Banyuls-sur-Mer. Dort soll Glaeseker, damals noch als Regierungssprecher Wulffs, kostenlos Urlaub gemacht haben. Auf detaillierte Fragen des SPIEGEL antwortete auch Schmidt bislang nicht.

Mitarbeit: Annett Meiritz

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insgesamt 160 Beiträge
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1. alles muss auf den Tisch
wehwehwehdievernunft 23.12.2011
großes Lob an Spon. Ihr bleibt dran und lasst euch nicht den Mund verbieten. Hier ist noch gar nichts aufgeklärt. Wir wollen Antworten. Jeder Politiker muss künftig damit rechnen, bei seinen Machenschaften erwischt zu werden. Vielleicht ist das der Anfang eines großen Reinigungsprozesses. Man wird sehen.
2. Oh Mann
johnnychicago 23.12.2011
Zitat von sysopWarum hat der Bundespräsident seinen Pressesprecher entlassen?*Seit Jahren war*Olaf Glaeseker der*engste Vertraute Christian Wulffs. Im Zusammenhang mit der Kreditaffäre geriet auch er in den Fokus der Nachforschungen. * http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,805558,00.html
Was für ein Filz. Ob alles stimmt was nach und nach durchsickert, mag ich nicht beurteilen. Dass aber bei all diesen eigenartigen Halbwelt-Deals der Name des Bundespräsidenten fällt, ist dem Amt nicht würdig. Entweder er stellt sich klipp und klar den Gerüchten und Fakten oder er tritt ab. Dass Amt sollte nicht dermassen oft in Verbindung mit solchen Machenschaften gebracht werden. Zumal es auch eine repräsentative Funktion und vor allem eine Vorbildfunktion hat.
3. Brot und Spiele
handknauf 23.12.2011
Zitat von wehwehwehdievernunftgroßes Lob an Spon. Ihr bleibt dran und lasst euch nicht den Mund verbieten. Hier ist noch gar nichts aufgeklärt. Wir wollen Antworten. Jeder Politiker muss künftig damit rechnen, bei seinen Machenschaften erwischt zu werden. Vielleicht ist das der Anfang eines großen Reinigungsprozesses. Man wird sehen.
Das klassische Bauernopfer. Irgendwie muss die Volksseele ja beruhigt werden. In einem Land wie Deutschland dient das eher der Ablenkung. Es braucht halt eine gewisse Zeit die Leichen im Keller zu vergraben. Das so etwas überhaupt passieren kann, liegt auch daran das die Medien nicht weniger korrupt und käuflich sind ;-)
4. Glaeseker
Magnolie5 23.12.2011
Das ist doch alles mehr als sonderbar! Glaeseker hat es doch seinem Vorgesetzten Wulff gleichgetan- er hat berufliche Beziehungen/Kontakte mit seinem Privatleben vermischt und hat sich von Geschaefts- freunden einladen lassen und seinen Vorteil genutzt. Steckt da noch mehr dahinter? Warum muss Glaeseker gehen und Wulff bleibt?
5. Seine schlimmste Tat war nicht mal das Geldgeschacher
taxidriver 23.12.2011
Zitat von sysopWarum hat der Bundespräsident seinen Pressesprecher entlassen?*Seit Jahren war*Olaf Glaeseker der*engste Vertraute Christian Wulffs. Im Zusammenhang mit der Kreditaffäre geriet auch er in den Fokus der Nachforschungen. * http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,805558,00.html
Das Gesamtbild dieser Zusammenhänge ist wie eine Eisfläche bei deren genauerer Betrachtung man erkennen kann, dass es darunter tief hinab geht. Alles wird man nie erfahren, aber es ist deutlich dass hier ein chronisch distanzloser Politiker seine Wurzeln massiv in dubiose Geschäftemacherkreise einwachsen ließ - und umgekehrt. Für mich waren die schlimmsten bekannten Vorgänge jene bei denen der damalige Ministerpräsident versucht hat eine sehr brutale Geflügelzuchtunternehmerin und Massentierhaltungsgröße als Tierschutzministerin zu etablieren. Dass die „Dame“ nach ein paar Monaten wieder abtreten musste weil die ganze Korruption viel zu offensichtlich war, das ändert nichts daran dass das was Wulff damals getan hat aus moralischer Sicht ein sehr schweres Verbrechen war.
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