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Kreditaffäre des Bundespräsidenten: Warten auf Wulffs Worte

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Die Kanzlerin hat "volles Vertrauen" in den Bundespräsidenten - doch in der Koalition herrscht Unruhe. Der Druck auf Christian Wulff wächst, er soll persönlich zu seiner Kreditaffäre Stellung nehmen. Das Staatsoberhaupt schweigt - wie lange noch?

Bundespräsident Wulff: Vertrauensbeweis von der Kanzlerin Zur Großansicht
REUTERS

Bundespräsident Wulff: Vertrauensbeweis von der Kanzlerin

Berlin - Die Zeitungen an diesem Mittwoch zeigen schöne Bilder des Bundespräsidenten und seiner Frau. Bilder vor prachtvoller Kulisse, von der zurückliegenden Arabien-Reise, Bilder eines glücklichen Paares im heimischen Garten. Doch die Kommentare, die diese Bilder begleiten, sind weniger schön. "Das tut man nicht, Herr Präsident", schreibt die "Süddeutsche Zeitung". Die "Frankfurter Allgemeine" fragt, wie es Wulff mit der Wahrheit hält. Die "Bild"-Zeitung findet: "Das reicht nicht, Herr Wulff!"

Gemeint ist dessen Umgang mit einem unangenehmen Kapitel aus seiner Vergangenheit, das den Bundespräsidenten eingeholt hat. Es geht um einen Privatkredit über eine halbe Million Euro, den Christian Wulff noch in seiner Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident von der Gattin des Unternehmers Egon Geerkens bekommen hat, um sich ein Haus zu kaufen - ein Freundschaftsdienst. Es geht darum, ob Wulff den Landtag über diesen Kredit absichtlich im Unklaren gelassen hat. Und es geht darum, ob das Ganze eines Staatsoberhaupts würdig ist.

Alles sauber, alles korrekt, findet der Bundespräsident, er hat den Vorwurf der Täuschung von seinem Sprecher zurückweisen lassen. Ausgestanden ist die Angelegenheit damit nicht, selbst wenn der Rücktritt von FDP-Generalsekretär Christian Lindner die Aufmerksamkeit am Mittwoch zunächst vom Staatsoberhaupt ablenkte. Der Druck auf Wulff wächst, persönlich Stellung zu nehmen. "Ich bin mir sicher, dass sich Christian Wulff dazu noch äußern wird", sagt SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann. Der niedersächsische Grünen-Landtagsfraktionschef Stefan Wenzel sagt: "Wir wollen genau wissen, was war." Die Vorsitzende der Organisation Transparency International Deutschland, Edda Müller, fordert: "Transparenz ist hier wirklich das Gebot der Stunde."

Bundeskanzlerin Angela Merkel lässt am Mittwoch über ihren Sprecher ausrichten, sie habe "volles Vertrauen in die Person und die Amtsführung" Wulffs und keinen Anlass, an dessen Angaben "zu dem Sachverhalt, der da in Rede steht, zu zweifeln". Darüber hinaus allerdings fällt die Rückendeckung aus der Koalition, die Wulff im Mai 2010 nach dem Rücktritt Horst Köhlers zum Staatsoberhaupt machte, eher unterkühlt aus.

FDP-Chef Philipp Rösler, einst in Hannover von Wulff zum Wirtschaftsminister befördert, macht in einem Interview klar, dass er dessen Vorgehen unglücklich findet: "Wer ein Eigenheim kauft oder baut, nimmt zumeist einen privaten Kredit über die Hausbank auf" - und nicht bei reichen Freunden, soll das heißen. Peter Altmaier, Fraktionsmanager der Union, kann zwar "kein juristisches Fehlverhalten erkennen" - was aber nicht ausschließt, dass er ein solches in Sachen Moral sieht. Er sei sicher, sagt Altmaier, dass Wulff die Fragen, die an ihn gestellt würden, auch beantworten werde.

Sorge in der Koalition

Eine klare Erwartungshaltung an den Bundespräsidenten. Tatsächlich dürfte viel davon abhängen, wie Wulff sich in den nächsten Tagen verhält. Lässt er die Geschichte laufen, in der Hoffnung, dass sich die Lage wieder beruhigt? Oder bezieht er Stellung und zeigt womöglich auch ein wenig Reue? Jedenfalls sehen auch in den eigenen Reihen viele noch Klärungsbedarf. Ein Bundespräsident müsse politisch und moralisch unangreifbar sein, heißt es in Unionskreisen, darum reiche eine allein formaljuristische Argumentation in diesem Fall nicht aus. Vorsichtshalber werden in der Koalition sogar schon die Mehrheitsverhältnisse in der Bundesversammlung durchgerechnet - aus Sorge, dass noch weitere Details im Zusammenhang mit der Kreditaffäre zu Tage kommen, die den Bundespräsidenten in die Enge und am Ende gar in einen Rücktritt treiben könnten.

Derzeit versucht das Präsidialamt, Ungereimtheiten in der ganz persönlichen Euro-Krise der Nummer eins im Staat auszuräumen. Wulffs größtes Problem: Wenn sich zeigen sollte, dass Egon Geerkens doch stärker als bekannt in das Kreditgeschäft involviert gewesen ist, könnte der Präsident seine Verteidigungslinie kaum noch aufrechterhalten. Die stützt sich vor allem darauf, dass der Kredit von der Unternehmergattin Edith Geerkens kam - und die Antwort Wulffs auf eine Grünen-Anfrage im Februar 2010 deshalb wahrheitsgemäß gewesen sei. Seinerzeit wollten zwei Grünen-Abgeordnete wissen, ob Wulff Geschäftsbeziehungen zu Egon Geerkens unterhielt, was der Ministerpräsident verneinte. Über den Privatkredit von Frau Geerkens verlor er kein Wort.

Wer aber so haarspalterisch antwortet, muss sich die Frage gefallen lassen, ob Egon Geerkens tatsächlich zu keinem Zeitpunkt in die Abwicklung des Darlehensgeschäfts involviert war. Im Schloss Bellevue sah man sich inzwischen zu der Klarstellung genötigt, dass Edith Geerkens die 500.000 Euro aus der Schweiz, wo das Unternehmerpaar seit 2003 lebt, auf ihr eigenes Konto bei der Sparkasse Osnabrück überwies. Das Geld soll Wulff schließlich über einen Bundesbank-Scheck erhalten haben. Die Zinsen zahlte der damalige Ministerpräsident wiederum auf Edith Geerkens Konto. Die Rückzahlung der Kreditsumme allerdings, so zumindest erzählte es Egon Geerkens SPIEGEL ONLINE, erfolgte offenbar 2010 auf ein gemeinsames Konto der Geerkens.

Auch der Umstand, dass Wulff den Privatkredit nur kurz nach der Grünen-Anfrage durch einen regulären Bankkredit ablöste, wirft Fragen auf. Hatte er wirklich nur ein günstigeres Angebot von der BW Bank bekommen und das Geerkens-Darlehen - wie angeblich zuvor als Option vereinbart - vorzeitig getilgt? Oder wollte Wulff eine Abmachung, von der er nun ahnte, dass sie ihn in Schwierigkeiten bringen könnte, schnellstmöglich auflösen? Und was ist dran an dem Bericht der "Financial Times Deutschland", dass der Kredit bei der BW Bank erst von Egon Geerkens vermittelt wurde? Die Online-Ausgabe der "FTD" zitiert am Mittwoch eine anonyme Quelle aus dem Umfeld der Bank mit den Worten: "Die BW Bank hat seit Jahren intensive Geschäftsbeziehungen zur Familie Geerkens. Darüber ist auch der Kontakt zwischen der BW Bank und Herrn Wulff entstanden."

Wulff versuchte sich am Mittwoch in Business as usual. Am Mittag empfing er an seinem Amtssitz den Präsidenten aus Tadschikistan. Gemeinsam mit Emomali Rahmon schritt das deutsche Staatsoberhaupt das Ehrenbataillon ab. Am Abend wollte Wulff dann den Deutschen Zukunftspreis verleihen. Von einem Termin für eine persönliche Erklärung zur Kreditaffäre war nichts bekannt.

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1. Der arme Hund(Wulff)
allereber 14.12.2011
Zitat von sysopDie Kanzlerin hat "volles Vertrauen" in den Bundespräsidenten - doch in der Koalition herrscht Unruhe. Der Druck auf Christian Wulff wächst,*er soll persönlich zu seiner Kreditaffäre Stellung nehmen. Das Staatsoberhaupt schweigt - wie lange noch? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,803607,00.html
Die Stadtwerke Wolfsburg soll seinen Wahlkampf in Niedersachsen finanziert haben. Deshalb sind dort die Energiekosten mehmals gestiegen. Herr Wulff hat sehr viele Geldgeber. Ist er ein armer Wulff.
2. So so so. Die Kanzlerin hat Vertrauen
Kirk70 14.12.2011
Zitat von sysopDie Kanzlerin hat "volles Vertrauen" in den Bundespräsidenten - doch in der Koalition herrscht Unruhe. Der Druck auf Christian Wulff wächst,*er soll persönlich zu seiner Kreditaffäre Stellung nehmen. Das Staatsoberhaupt schweigt - wie lange noch? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,803607,00.html
wie sie bis zum Schluss auch volles Vertrauen in Hochstapler z.Guttenb. hatte. Wer soll den so offensichtlich opportunistischen Sprüchen noch glauben? Ich glaube keinem einzigen Politiker aus der Regierungskoalition mehr auch nur einen Buchstaben eines Wortes - es sei denn sie sagen an, welches Datum heute ist. Weg damit!
3. Nichts dran
Ontologix II 14.12.2011
An der ganzen Geschichte ist doch nichts dran, aber rein gar nichts. Freu Geerkens hat ganz einfach ihrem Mann nichts davon gesagt, dass sie dem niedersächsichen Ministerpräsidenten 400.000 Euro geliehen hat. Wieso sollte sie auch? Damit hat Herr Wulff die Wahrheit gesagt, und die Geschichte ist damit erledigt. Basta.
4. peinlich
amadeus34 14.12.2011
Zitat von sysopDie Kanzlerin hat "volles Vertrauen" in den Bundespräsidenten - doch in der Koalition herrscht Unruhe. Der Druck auf Christian Wulff wächst,*er soll persönlich zu seiner Kreditaffäre Stellung nehmen. Das Staatsoberhaupt schweigt - wie lange noch? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,803607,00.html
aber,aber Herr Präsident, es geht doch nicht darum, ob sie juristisch im Recht sind, moralisch liegen Sie daneben,das wird an Ihnen hängenbleiben. Der Präsident soll eine moralische Instanz sein, ohne Fehl und Tadel, Sie bekommen nur einen Freispruch 2. Klasse,--sehr peinlich
5. Geduld
MiniDragon 14.12.2011
Zitat von sysopDie Kanzlerin hat "volles Vertrauen" in den Bundespräsidenten - doch in der Koalition herrscht Unruhe. Der Druck auf Christian Wulff wächst,*er soll persönlich zu seiner Kreditaffäre Stellung nehmen. Das Staatsoberhaupt schweigt - wie lange noch? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,803607,00.html
Geduld , Geduld! Sicherlich hat man ihm schon aufgeschrieben was er nun zu sagen hat , und er übt die Rede nun noch etwas vor dem Badezimmerspiegel Aber warum all die Aufregung und Hetze? Wer fühlt sich denn belogen oder gar geschädigt? Kein Wunder, dass fast kein normaler, gescheiter Mensch mehr Politiker werden will und dass sich auf diese Bühne nur noch eitle Narzissten drängeln.
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