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03. Mai 2018, 17:19 Uhr

Kreuzzüge

Die Doppelmoral des Kardinals

Eine Kolumne von

Kardinal Marx wirft der bayerischen Staatsregierung vor, den Glauben für politische Zwecke zu missbrauchen. Dabei tut niemand mehr für die Politisierung ihrer Kirche als die Deutsche Bischofskonferenz.

Ich bin vor ein paar Monaten nach Pullach gezogen. Die meisten kennen Pullach wegen des BND, der hier residiert, aber das ist lediglich einer der Vorzüge. Von München ist es mit der S-Bahn nicht weit bis nach Pullach. Man hat einen wunderbaren Blick über das Isartal. Seit ein paar Jahren gibt es sogar eine grüne Bürgermeisterin, die auch noch so heißt, wie man sich das bei einer Politikerin von den Grünen vorstellt: Susanna Tausendfreund.

Am Dienstag war der Ort zusammengekommen, um die Aufrichtung des Maibaums zu feiern. Der alte musste vor vier Jahren wegen Altersschwäche niedergelegt werden. Die Bürgermeisterin freute sich an den "kräftigen Burschen und feschen Madln", die sich zum Maitanz aufgereiht hatten (ihre Worte, nicht meine). Dann traten der Pfarrer der Heilig-Geist Gemeinde und sein evangelischer Counterpart auf den Plan, um den Baum zu segnen.

Es ist ein sehr stattlicher Baum geworden. 30 Meter hoch ragt er in den Himmel, umringt von einem weißblauen Band. Ganz oben sitzt eine goldene Kugel. Und was steckt auf der Kugel? Ein Kreuz.

In Bayern war das Kreuz nie aus dem öffentlichen Raum verschwunden, daran konnte kein Kruzifix-Urteil etwas ändern. Deshalb wird die Entscheidung der bayerischen Staatsregierung, das Kreuz in allen Behörden im Eingang aufzuhängen, damit man es beim Betreten des Gebäudes gleich sieht, auch nicht als der große Skandal empfunden, als der er im Rest der Republik gilt.

Das Söder-Dekret habe zu "Spaltung, Unruhe, Gegeneinander" geführt

Angeblich ist die Mehrheit der Deutschen dagegen, dass christliche Symbole in staatlichen Einrichtungen gezeigt werden. Mich wundert nicht, dass ein erstes Stimmungsbild in Bayern deutlich anders ausfällt. Da Markus Söder nicht in Deutschland gewählt werden will, sondern in Bayern, sind das für ihn auch die einzigen Zahlen, die zählen.

Gemessen an der Aufregung, die er verursacht hat, war der Kreuz-Erlass schon mal ein Erfolg. Dass sich die Leitartikler in die Brust werfen würden, um das Land gegen die Rechristianisierung aus Bayern zu verteidigen, war absehbar. Unerwartet war in der Reihe der Kritiker als Neuzugang die katholische Bischofskonferenz.

Das Söder-Dekret habe zu "Spaltung, Unruhe, Gegeneinander" geführt, erklärte der Vorsitzende Kardinal Reinhard Marx in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung". Er spüre das "bis in die Familien und Pfarreien hinein". Dass sich ein Mann Gottes beklagt, wenn das Kreuz als weltliches Symbol missverstanden wird, verstehe ich. Die Profanisierung des Glaubens zu politischen Zwecken sollte einen aufrechten Katholiken nicht ruhen lassen. Aber Empörung über ein Zuviel an Unruhe und Gegeneinander, weil ein Ministerpräsident das Kreuz an die Wand nagelt?

Worin genau soll die Spaltung bestehen, habe ich mich gefragt. Darin, dass die Redakteure der "Süddeutschen" wieder einen Grund haben, Markus Söder in ihren Kommentarspalten zu vermöbeln? Oder dass sich kirchenferne Menschen herausgefordert fühlen, die ohnehin der Meinung sind, dass die Religion nichts in der Öffentlichkeit zu suchen habe? Ist das die Unruhe, die Marx im Kopf hatte, als er sein Interview gab?

Wenn es darum geht, die Stichworte des liberalen Zeitgeists aufzunehmen, ist die Deutsche Bischofskonferenz eine verlässliche Bank. Vorbei die Zeiten, als Geistliche wie Erzbischof Dyba oder Kardinal Meisner das Erscheinungsbild prägten. Heute wird das Gremium von Leuten dominiert, die finden, dass man die Sakramente nicht ganz so ernst nehmen muss, und lieber in den Opportunismus der politischen Stellungnahme ausweichen, anstatt die Leute mit der Aussicht auf das Jüngste Gericht zu erschrecken. In Wahrheit sind es die Bischöfe, die für die Politisierung der Kirche sorgen, nicht Leute wie Söder.

Papstauftritt ist Verbeugung vor den katholischen Interessenvertretern

Wäre ich bayerischer Ministerpräsident, würde ich den Kardinal beim Wort nehmen. Wenn Marx meint, dass sich die Politik aus allen religiösen Dingen heraushalten soll, sollte man ihm dann nicht entgegenkommen und die Trennung von Staat und Kirche wirklich vollziehen? Also keine Kirchensteuer mehr, die automatisch von den Finanzämtern eingezogen wird. Kein Religionsunterricht in deutschen Klassenzimmern. Keine Vertretung der Kirche in staatlich beaufsichtigten Institutionen wie dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Ich weiß nicht, wie viele Menschen zu Ostern den Fernseher eingeschaltet haben. Dass der Aufritt des Papstes in Rom in voller Länge übertragen wird, darf man auch als Verbeugung vor den katholischen Interessenvertretern in der Programmaufsicht verstehen. Tatsächlich nimmt die Kirche die Dienste des Staats gerne in Anspruch, wenn es ihr passt. Tanzveranstaltungen in der Nacht auf Karfreitag werden von der Polizei geräumt.

Ich habe damit kein Problem. Mir ist eine Gesellschaft, die auf ihre christlichen Wurzeln Rücksicht nimmt, tausendmal lieber, als eine, die alles schleift, was als rückständig empfunden wird. Ich finde nur, dass es sich nicht gehört, für den Beifall der Ränge die Leute in den Senkel zu stellen, deren Hilfe man sich an anderer Stelle gerne bedient. Ich habe gerade keine Bibelstelle zur Hand. Aber ich bin sicher, es lassen sich Texte finden, die eine solche Doppelmoral als unchristlich geißeln.

Die Unionsparteien haben die Protestanten schon vor Jahren verloren, die sind bereits in den Achtzigerjahren zu den Grünen gewandert. Wie es aussieht, ist auch das katholische Establishment verloren. Was der Protest der Gewerkschaften unter Schröder für die SPD war, sind heute die Äußerungen von Kardinal Marx für die CSU. Wobei man anmerken muss, dass die Gewerkschaftsbewegung Grund hatte, auf die Straße zu gehen. Marx hingegen bedient einfach die Erwartung eines Publikums, das alles goutiert, was gegen die CSU geht.

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