Kreuzberg Frittenalarm im Falafelkiez

Ausgerechnet in der Buletten-Hochburg Berlin tobt ein erbitterter Kampf um die Esskultur: Kreuzberg SO 36 macht mobil gegen sein erstes McDonald's-Restaurant.

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Berlin - Wenn sich im Berliner Kultkiez Kreuzberg Südost 36 in diesen Tagen jemand berechtigte Sorgen machen könnte, dann Hakan Sever. Der Mittdreißiger betreibt das "Bistro Bagdad" am U-Bahnhof Schlesisches Tor, der Döner "aus reinem Lamm und Kalb" kostet bei ihm 2,50 Euro und bis zu der kleinen Baustelle, die über alle Kiezgrenzen hinaus für größten Wirbel sorgt, sind es gerade mal zwei Gehminuten.

Dort steht bislang nur ein Bretterzaun. Dahinter eine Sandbrache, graffiti-besprayte Abbruchmauern, ein paar Holzpflöckchen im Boden und ein von draußen kaum lesbares Schild, das den Tatbestand beschreibt: Hier baut McDonald's.

Aber Sever ist gelassen, geradezu provozierend unaufgeregt. "Für uns ist das kein Problem", sagt der Mann am drehenden Fleischspieß, dessen Onkel das türkische Fastfood-Bistro vor 24 Jahren eröffnet hat. Und fügt selbstbewusst grinsend hinzu: "Die müssen erstmal unsere Qualität haben".

Mit dieser entspannten Haltung ist der Kebab-Verkäufer im rest-alternativsten aller Berliner Kieze allerdings gerade ziemlich allein. Denn SO36 kann bislang etwas von sich behaupten, was sonst fast nur noch Nordkorea und Nepal für sich reklamieren können: Es ist McDonaldfreie-Zone.

Und soll es nach dem Willen einer eigens gegründeten Nachbarschaftsinitiative auch bleiben. Schon bei deren ersten Treffen vor rund zwei Wochen schwoll sie mit etwa 100 Teilnehmern zu einer Art Burger-Bewegung an, einer Anti-Burger-Bewegung natürlich. Und alle geben sie plötzlich Interviews: Bezirksbürgermeister Franz Schulz ist sauer auf die Post, die absprachewidrig und über Nacht an den Konzern verkauft habe. Und Schulleiter Martin Stern von nebenan sorgt sich um den Müll und vor allem um den Pächter seiner Mensa.

"KeinMcDoofinKreuzberg"-Internetseite

Es gibt eine "KeinMcDoofinKreuzberg"-Internetseite, eine Email-Benachrichtigungs-Liste und mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Hans-Christian Ströbele, der hier seinen Wahlkreis hat, den ersten prominenten Unterstützer: "Das ist sehr ungesundes Essen".

An den Häuserwänden ringsum finden sich die ersten "McDonald's raus"-Parolen und auf einer Myspace-Seite wird's noch drastischer. Sie zeigt eine demolierte Filiale mit zerschlagenen Scheiben, und dem clownigen Mc-Maskottchen Ronald McDonald wird düster gedroht: "Pass bloß auf! Hier brennt die Luft". Eine alarmierte bis alarmistische "Bild"-Berlin leitete daraus schon "Terror-Drohungen" ab.

Tatsächlich herrscht eher Frittenalarm in dem kulinarisch von Falafel-Läden und Dönerbuden dominierten Kiez zwischen Oberbaumbrücke und Oranienstraße, es ist eine Art Esskultur-Kampf, und das ausgerechnet in der Buletten-Hochburg Berlin. Jedenfalls gibt es rund um den Görlitzer Park, wo viele rastabezopfte Heranwachsende unter einem "Happy Meal" traditionell eher Humus und eine Wasserpfeife verstehen, nur eine politisch korrekte Haltung: Keinen Fußbreit den Burger-Imperialisten.

Falafel werden auch frittiert? Ein Döner hat etwa 550 Kilokalorien, der Big Mäc "nur" 505? Und war da nicht was mit Gammelfleisch? Egal. Super Size SO 36? Ohne uns!

Nach den ursprünglichen Planungen des Konzerns soll an der vielbefahrenen Skalitzer Straße, gleich gegenüber dem Oberstufenzentrum und in der Nähe zweier weiterer Schulen, bis Ende August eine jener flachen rechteckigen Schuhschachteln mit dem großen gold-gebogenen "M" und insgesamt 100 Sitzplätzen entstehen – samt Drive-In. Schon vor fünf Jahren hat der US-Konzern das Gelände von der Post erworben, der Bezirk hat die Baugenehmigung erteilt. Es könnte also losgehen. Theoretisch.

Erben der legendären SO 36-Protestkultur

Am Mittwoch Abend trafen sich die Gegner zum zweiten Mal, um konkrete Aktionen zu planen. Der Widerstand ist auffallend jung. Es sind die Erben der legendären SO 36-Protestkultur, im Zuge derer auf dem nahen Georg-von-Rauch-Haus schon einmal eine rote Fahne gehisst wurde, und ohne goldenes M, versteht sich. Und deren Hymne der Ton-Steine-Scherben-Song "Macht kaputt was euch kaputt macht" war; die Band probte gleich um die Ecke der heutigen McDonald's-Baustelle. Auch der Küchen-Kampf hat Tradition: Früher flogen hier Fäkalien oder Farbbeutel in vermeintliche Nobel-Restaurants, Anfang der Neunziger sogar mal eine Handgranate.

Ging man damals gegen den Einzug der Bürgerlichen auf die Barrikaden, ist der Hass auf McDonald's heute hochpolitisch - vor allem in der ohnehin aufgeheizten Stimmung im Viertel, durch die überzogenen Razzien vor dem G-8-Gipfel.

McDonalds gilt den protestierenden Kreuzbergern prototypisch als seelenloser, renditemaximierender globalisierter Großkonzern, der seine Arbeitskräfte ausbeutet, Innenstädte vermüllt, durch die Rodung von Regenwäldern und rücksichtslos furzende Rinderherden (Methan!) den Klimawandel beschleunigt. Vom Fast-Food-Effekt auf die jetzt auch statistisch erfasste kriselnde Körperkultur hierzulande mal ganz zu schweigen. Was gefühlt ja alles auch ein bisschen stimmt oder wenigstens mal stimmte. Ein Pärchen, unmittelbare Anrainer, fürchtet eher mehr Verkehr und den Mief der Fritteusen.

Bei McDonald's nimmt man die Signale aus SO 36 ernst. Man hat in derlei schon Routine. Auch als man nach China und Italien kam, stand kurzzeitig jeweils der Untergang der eigenen Esskultur bevor. Jetzt eben SO 36. Seit Jahren informiert der Konzern über Kalorien, Fleischeinwage und die Herkunft jeder Gurkenscheibe. Auf der amerikanischen Haupt-Internet-Seite finden sich "Bekenntnisse" zu Amerikanern afrikanischer und hispanischer Herkunft. Vielleicht kommt bald eins zur Kreuzberger Kiezkultur hinzu. Was soll's, immerhin hat man auch schon eine Salat- und Joghurt-Offensive gestartet und verkauft in England sogar "halal"-Burger, von Tieren die nach islamischer Vorschrift geschlachtet wurden. Der Kapitalismus ist flexibel.

"Wir suchen gerade das Gespräch mit Herrn Ströbele und der Nachbarschaftsinitiative", gibt sich jedenfalls Deutschland-Sprecher Alexander Schramm deeskalierend und diskursbereit. Mit dem Baubeginn wird man offenbar noch mindestens bis nach dem G-8-Gipfel warten - wohlweislich.



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